Von der Sehnsucht nach Biographie

Wahrlich, der Meister des Isenheimer Retabels, von dessen Gesamtwerk vielleicht nur 25 Gemäldetafeln und 35 Zeichnungen die wechselhaften Zeitläufte überstanden haben – er lebte in finsteren, geschwinden und gefährlichen Zeiten. Wer genau hinsieht, der wird ihre Spuren in Grünewalds Bildern aufzufinden wissen. Der Aussätzige in der „Versuchung des hl. Antonius“ ist über und über mit Geschwüren bedeckt; das Antoniusfeuer, der „Höllenbrand“ wird ausgelöst durch einen Getreidepilz: das Mutterkorn. Die Pflanzen, die als Heilmittel gegen den Mutterkornbrand galten, sie finden sich in dem Bild „Antonius bei Paulus Eremitus“. Beide Tafeln bilden bei der zweiten Öffnung den linken und rechten Flügel der Schauseite des Isenheimer Retabels. Das Auftragswerk stand bekanntlich in einem Kloster der Antoniter, die sich dem Kampf gegen den Mutterkornbrand geweiht hatten. Der Bewaffnete mit dem Helmbarte in der „Kreuztragung“ trägt die Kleidung von Landsknechten der Zeit. Die Tafel „Empfang des hl. Erasmus durch den hl. Mauritius“ zitiert einen Prunkharnisch Karls V., den dieser Kardinal Albrecht geschenkt hatte. Befand sich sein Maler 1520 bei der Krönung des rätselhaften Kaisers in Aachen im Gefolge des Mainzer Kurfürsten? Im „Klein-Kruzifix“ gibt der Maler eine genau beobachtete totale Sonnenfinsternis wieder; deren Beobachtungsort, so haben Astronomen herausgefunden, zwischen Wittenberg und Krakau gelegen haben muß. Hatte der Maler die Sonnenfinsternis am 1. Oktober 1502 gesehen? War er möglicherweise mit dem Astrologen und Geistlichen Johannes Indagine bekannt? Sonnenfinsternisse kündigten den mittelalterlichen Menschen gemeinhin Umsturz oder Weltuntergang an; den hatten Astrologen für das Jahr 1524 vorausgesagt. Welchen Umsturz ruft die Kreuzigungsszene des Meister Mathis auf – oder kommt doch wieder nur eine freitägliche Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde? Die Bayerische Landesausstellung 2002/2003 „Das Rätsel Grünewald“ hat Platz für Pflanzen und Körner, für Rüstungen, für astronomisches und alchemistisches Gerät sowie die dazugehörigen Erklärungen, für Duftproben von Heilseife und für eine Hörstation, an welcher der Besucher zum Zeugen des sogenannten Kemenatenprozesses wird, in dem es um eine Geldforderung gegen einen Frankfurter Schneider gegangen war, eigentlich eine läppische Angelegenheit, für uns jedoch einer der ganz wenigen Belege für die Existenz jenes Malers, über dessen Identität wir kaum etwas wissen, geschweige denn, wie er ausgesehen hat. Die vermeintlichen Selbstbildnisse haben sich allenfalls als Modellstudien erwiesen; das Erlanger Selbstporträt mit Monogramm MG entspricht einem immer wiederkehrenden Bildtypus bei – ja, bei wem eigentlich? Bei Mathes Grün, dem Bildschnitzer und Maler in Frankfurt am Main, dessen Skulptur der hl. Elisabeth in der Ausstellung zu sehen ist? Oder doch vielmehr bei Mathis Gothart-Nithart, genannt Grünewald, der 1511 einen repräsentativen Kaminbau für das Aschaffenburger Schloß entwirft, 1517 einen Röhrenbrunnens in Aschaffenburg begutachtet, 1526 unternehmerisch als Seifensieder in Frankfurt am Main tätig ist, 1527 den Auftrag einer Mühlenvisierung durch den Rat der Stadt Magdeburg erhält, für den er die Frankfurter Wassermühlen abgezeichnet hatte, 1528 als „Wasserkunstmacher“ nach Halle an der Saale übersiedelt und dort im selben Jahr stirbt? Alle diese seine Professionen, Lebens- und Zeitzeugnisse sind zu bedenken, will man sich dem Rätsel Grünewald nähern, und jedes noch so entlegene kulturhistorische Detail, das sein Wissen, seine Religion, seinen Stand erhellen könnte, scheint uns des Rätsels Lösung um genau so viel näher zu bringen, wie es an neuer Wegstrecke hinzufügt. So führt uns die Ausstellung an den kurmainzischen Hof in Mainz und Aschaffenburg, auf einen kleinen Abstecher in die Residenz Halle und in die Reichsstadt Frankfurt, holt die Personen seiner Auftraggeber, Geschäftspartner und Freunde aus dem Dunkel der Geschichte, neben Kardinal Albrecht von Brandenburg den Perlensticker Hans Plock, den Kanonikus Heinrich Reitzmann und den Frankfurter Kaufmann Jakob Heller. Die wichtigste Quelle zum Leben des Meister Mathis, das Nachlaßinventar von 1528, erscheint in der Aschaffenburger Ausstellung auf fünf übergroße Stoffbahnen gedruckt, welche fast die gesamte Rückwand eines der Ausstellungsräume einnehmen. Die aufgeführten Positionen sind, so weit sie überhaupt verifiziert werden können, auf großer Fläche aufwendig inszeniert worden. Die originalen Stücke aus dem 16. Jahrhundert lassen, so räumen die Ausstellungsmacher ein, durchaus Raum für gegensätzliche Interpretation, wenn nicht gar subjektive Spekulation. Das scheint ganz auf den Mann zu passen, dessen Malen und Denken weit zurück dem nachtdunkeln Mittelalter verhaftet geblieben ist, wie es weit über die vermeintlich morgendliche Renaissance hinaus an der künstlerischen Moderne mitgewirkt hat. Die wenigen originalen Werke Grünewalds, die in der Ausstellung präsentiert werden können, sind schnell aufgezählt: zwei erstmals gezeigte Kreidezeichnungen, zwei von sechs, welche 1949 völlig durchnäßt bei einer Abfallgrube in Marburg gefunden wurden, die zwei erhaltenen Flügel für den Heller-Altar aus dem Historischen Museum Frankfurt am Main und die „Beweinung Christi“ aus der Aschaffenburger Stiftskirche. Und auch hier hat die Anwendung neuzeitlicher Techniken die Fragen nach Entstehung, Bestimmung und Stiftern, räumlich-szenischen Zusammenhängen oder Figuren nicht etwa beantwortet, vielmehr sind durch die Röntgenaufnahmen neue Problemfelder überhaupt erst abgesteckt worden. Es gibt sie dann aber doch noch zu sehen, die großen Bilder, um derentwillen jährlich Tausende nach München, Karlsruhe, Freiburg, Colmar und sogar nach Washington pilgern – als wechselnde Projektionen auf transparente Fahnen, die im Luftstrom leise wehen. Greifen wir in die Bilder hinein, so halten wir leeren Stoff in Händen, und unfaßbar bleibt uns doch, was die erstaunliche Ausstellung „Das Rätsel Grünewald“ ein wenig besser zu begreifen lehrte. Kreidezeichnungen von Mathis Gothart-Nithart, gen. Grünewald (um 1480-1528): Während die „Frau mit den gefalteten Händen“ aus der Zeit um 1515 stammt, ist die Datierung der Zeichnung „Christus am Kreuz“ umstritten. Ein Teil der kunsthistorischen Forschung geht von einem Entstehungsjahr um 1503 aus, andere Wissenschaftler sprechen von einem Spätwerk um 1524. Die Ausstellung im Schloß Johannisburg in Aschaffenburg ist bis 28. Februar täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Das Begleitbuch im Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, kostet an der Kasse 18 Euro. Die Begleitausstellung „Grünewald in der Moderne“ findet in der Städtischen Galerie Jesuitenkirche statt. Info: 08 21 / 32 95-123, Internet: www.gruenewald-ausstellung.de

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