Vielerlei Leben

Hans Falladas Leben böte Stoff für mehrere Romane bieten. Am 21. Juli 1893 als Sohn eines Reichsgerichtsrats im pommerschen Greifswald geboren und im Schoß des Wilhelminismus aufgewachsen, war er Buchhalter, Anzeigenwerber, Handlungsgehilfe, Adressenschreiber, Gutseleve und landwirtschaftlicher Angestellter. Als Sechzehnjähriger gerät er unter die Räder eines eisenbeschlagenen Schlächterwagens und wird schwer verletzt. In der Klinik stellt der behandelnde Arzt zusätzlich eine manifeste Hysterie fest. Zwei Jahre später erschießt der Gymnasiast Rudolf Ditzen – so lautete sein bürgerlicher Name – seinen Schulfreund von Necker und verletzt sich selbst mit weiteren Schüssen schwer. In der geschlossenen Anstalt Tannenfeld lernt er die Psychiatrie seiner Zeit kennen: Isolationshaft, Streckbett, schwere Beruhigungsmittel. Nach seiner Entlassung meldet er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger, wird aber schon nach wenigen Tagen wieder ausgemustert. Er schlägt sich auf pommerschen, mecklenburgischen und westpreußischen Gütern durch, avanciert schließlich zum Spezialisten für Kartoffelanbau, in Kriegszeiten eine lukrative Tätigkeit. In der Metropole Berlin gibt er das Geld mit vollen Händen wieder aus: Alkohol, Morphium, Frauen, die Halbwelt hat es ihm angetan. Nach diversen Entziehungskuren schreibt er unter dem Pseudonym Hans Fallada zwei expressionistische Romane „Der junge Godeschal“ und „Anton und Gerda“, in denen er ungeniert seine exzessiven Jugenderfahrungen schildert. Beide werden Mißerfolge und sind heute vergessen. Während seiner Tätigkeit als Annoncenwerber und Lokalreporter beim General-Anzeiger von Neumünster kommt er mit der Landvolk-Bewegung in Berührung. 1931 erscheint – angeregt vom Landvolk-Prozeß – bei Rowohlt „Bauern, Bonzen, Bomben“. Von der Kritik als „bedeutender realistischer Roman einer ziellos treibenden Republik“ bezeichnet, wird das Buch ein großer Erfolg. Durch die Verlagskrise bei Rowohlt verliert er zwar seine Stellung in der Rezensionsredaktion, schreibt aber dennoch wie besessen weiter. Mit seiner Liebes- und Ehegeschichte „Kleiner Mann, was nun“ erringt er 1932 einen Welterfolg. Zwei Jahre später folgt „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, der Roman eines Mannes, der im Gefängnis saß und nun in der bürgerlichen Welt nicht mehr Fuß fassen kann. Falladas melancholische Grundstimmung, sein Wissen um das „nicht mehr in Ordnung bringen Können“ der aus den Fugen geratenen Welt, leuchtet hier überall durch. Seine moralische Grundhaltung ist Mitleid, und seine größte Fähigkeit besteht darin, bei den Lesern dasselbe Mitleid für alle „kleinen Leute“ zu wecken. Fallada spritzt indessen weiter Morphium, ist hinter den Frauen her, ruiniert seine Ehe. Er gerät ins Visier der NS-Literaturpäpste Will Vesper und Hellmuth Langenbucher, aber Goebbels ist von seinem großen Zeitroman „Wolf unter Wölfen“ begeistert. Während einer erneuten Entziehungskur schreibt er in kaum zwei Wochen „Der Trinker“, ein deprimierendes Dokument des eigenen Verfalls. 1945 heiratet Fallada erneut, seine zweite Frau ist Morphinistin und Alkoholikerin wie er. Johannes R. Becher fordert ihn nach Kriegsende zur Mitarbeit an der Täglichen Rundschau und beim „Kulturbund“ auf, aber Fallada ist längst am Ende. Noch einmal bäumt der „alt gewordene Gymnasiast“ (Erich Kästner) sich auf und schreibt ein Buch über den kleinbürgerlichen Widerstand im Dritten Reich: „Jeder stirbt für sich allein“. Vom Tode gezeichnet wird er im Januar 1947 ins Hospital eingeliefert, wo ein Oberarzt angesichts des Sterbenden zu seinen Studenten gesagt haben soll: „Das, meine Herren, was sie hier sehen, ist der Ihnen allen bekannte Schriftsteller Hans Fallada, oder vielmehr das, was die Sucht nach dem Rauschgift aus ihm gemacht hat: Ein Appendix!“ Am 5. Februar stirbt Hans Fallada in Berlin.

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