Versteckte Narben

Manchmal erscheinen Bücher zum richtigen Zeitpunkt. Das trifft in besonderem Maße auf das Werk von Tamara Griesser-Pecar über Slowenien während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu, dessen Titel bereits die Tragik erahnen läßt: „Das zerrissene Volk“. Das kleine slowenische Volk, dessen heutiges Siedlungsgebiet von den Karawanken bis zur nördlichen Adria und von den Julischen Alpen bis zur Pannonischen Ebene reicht, war im Westen selbst unter den sogenannten gebildeten Schichten so gut wie unbekannt. Man verwechselte es gern mit den Slowaken. Sogar führende westliche Politiker wußten nichts über die Slowenen. Erst das Auseinanderfallen Jugoslawiens und die daraus entstehenden Kriege und Wirren rückten das Zwei-Millionen-Volk in den Lichtkegel westlicher Aufmerksamkeit. Daraus entstand aber wieder nur ein klischeehaftes, vereinfachtes Bild: Die Slowenen avancierten plötzlich zu Musterschülern von Demokratie und Marktwirtschaft, zu bevorzugten EU-Aufnahmekandidaten und zu einem Völkchen, das es verdiente, gönnerhaft in den Westen integriert zu werden. Das Bild eines idyllischen Ländchens auf dem Wege nach Europa entspricht allerdings – wenn überhaupt – nur teilweise der Wirklichkeit. Über der neuen Slowenien-Begeisterung wird nur zu gern übersehen, daß dies ein postkommunistisches Land ist, in welchem die kommunistischen Kader den Übergang in die pluralistische westliche Demokratie geschafft haben, ohne nennenswert an Macht zu verlieren. Symbolgestalt dieser Kontinuität ist Milan Kucan, bis vor kurzem Staatspräsident des unabhängigen und souveränen Slowenien – und davor kommunistisch-titoistischer KP-Chef eines zwar nach außen freundlich drapierten, in Wirklichkeit aber kommunistischen Systems. Aus diesem seltsamen Schwebezustand erklärt sich auch die Tatsache, daß im heutigen Slowenien besonders bei den regierenden Schichten wenig Neigung besteht, sich mit der eigenen jüngsten Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen. Teile des jugoslawischen kommunistischen Partisanenmythos wurden bis heute kritiklos übernommen. Auch die bei der jetzigen „europareifen“ und „Nato-konformen“ Führungsgarnitur zu beobachtende Aversion gegen die katholische Kirche stammt aus dieser kommunistischen Vergangenheit. Hier nun leistet Griesser-Pecar mit ihrem dokumentierenden, ernsthaften, aber trotzdem spannend zu lesenden Buch einen Beitrag zur Erhellung der Situation, den man nicht hoch genug einschätzen kann. Zunächst einmal räumt sie die weitverbreitete Legende beiseite, im Zweiten Weltkrieg habe es in Slowenien einen „Volksbefreiungskampf“ des ganzen Volkes gegen die „faschistischen Okkupanten“ gegeben. In Wirklichkeit tobte in Slowenien – fast mehr noch als in den anderen Ländern des späteren Tito-Jugoslawien – ein erbarmungsloser Bürgerkrieg zwischen Slowenen und Slowenen: zwischen Anhängern des Kommunismus und den Antikommunisten, die sich zum großen Teil aus der katholisch geprägten Landbevölkerung, aber auch aus Konservativen und Liberalen und aus Intellektuellen zusammensetzten. Interessant ist, daß Faschismus oder Nationalsozialismus als Ideologien bei diesen Kräften so gut wie keine Rolle spielten. Es waren großenteils katholisch-nationale Kräfte, die sich den kommunistischen Partisanen entgegenstellten – und es ging in der Hauptsache darum, die Zivilbevölkerung, vor allem auf dem Lande, vor einem kommunistischen Terror zu schützen, der von einer kaum zu überbietenden Grausamkeit war. Bereits in ihrer Einleitung weist die Verfasserin auf eine eigentümliche Tatsache hin: „Während Faschismus und Nationalsozialismus als totalitäre Ideologien und Systeme überall in der Welt auf tiefe Abscheu stoßen, werden die menschenrechtswidrigen Handlungen der Kommunisten in den früher von ihnen unterdrückten Ländern immer noch als weniger verurteilenswert bezeichnet.“ So kommt Griesser-Pecar zu dem Schluß: „Demnach hat es im Jahr 1945 eine wirkliche ‚Befreiung‘ Sloweniens nicht gegeben, weil die Befreiung aus dem Kerker des totalitären Regimes der Okkupanten nur in eine neue Versklavung durch ein anderes totalitäres Regime – die Herrschaft der Kommunisten – mündete. Befreit – und somit frei – ist Slowenien erst seit dem 25. Juni 1991 (dem Tag der Proklamation der Unabhängigkeit).“ Das Buch gibt einen profunden Überblick über die politischen Kräfte, welche in Slowenien bei Kriegsausbruch 1941 am Werke waren. Es schildert die Aufteilung des Landes zwischen Italien und dem Deutschen Reich, wobei die NS-Besatzungspolitik die „Umvolkung“ und Aussiedlung der Slowenen aus den einzudeutschenden Gebieten anstrebte. Diese törichte und menschenverachtende Besatzungspolitik trieb viele Slowenen geradezu in die Hände der kommunistischen Partisanen. Diesen aber ging es nicht in erster Linie darum, das Land von den Okkupanten zu befreien. Sie benutzten vielmehr den Krieg, um die „sozialistische Revolution“ und damit die eigene Machtergreifung voranzutreiben. Das vollzog sich auf dem Rücken der Zivilbevölkerung, die zeitweise dem Terror von zwei Seiten ausgesetzt war: auf der einen Seite die deutschen und (bis Sommer 1943) italienischen Verbände mit ihren Strafexpeditionen – auf der anderen die kommunistischen Partisanen, die erbarmungslos über die Dörfer herfielen, potentielle Gegner des Kommunismus „liquidierten“ und die Bauern ausplünderten. Dieser kommunistische Terror nahm solche Ausmaße an, daß sich slowenische „Dorfwehren“ bildeten, aus denen später die „Slowenische Landeswehr“ (Domobranci) entstand, die von den italienischen und deutschen Besatzern Waffen zur Abwehr der kommunistischen Partisanen erhielt. Diese Truppe, die aus jungen nationalistischen und katholischen Slowenen bestand – aus Leuten also, die den Nationalsozialismus und die Deutschen ablehnten und auf eine Landung der Westalliierten an der nördlichen Adria hofften – war im Kampf gegen die Partisanen sogar recht erfolgreich. Sie fühlte sich als Kern einer zukünftigen nationalen slowenischen Armee. An diesen jungen Menschen vollzogen die Tito-Partisanen im Mai und Juni 1945 einen brutalen Genozid: Etwa 11.000 von ihnen wurden von der britischen Armee den jugoslawischen Partisanen ausgeliefert und im Hornwald bei Gottschee (Kocevski Rog) ermordet. Für das kleine slowenische Volk war das ein entsetzlicher Blutzoll. Bereits während des Krieges erschossen Angehörige des kommunistischen Geheimdienstes VOS auf offener Straße angesehene slowenische Persönlichkeiten, von denen man annahm, sie würden die Bevölkerung im antikommunstischen Sinne beeinflussen, „so den katholischen Theologen Lambert Ehrlich und den ehemaligen Banus (Chef der Landesregierung), Marko Natlacen“. Nach einer Schätzung des inzwischen verstorbenen slowenischen Sozialdemokraten Joze Pucnik wurden in Slowenien nach dem 9. Mai 1945 „zwischen 14.000 und 18.000 Slowenen ermordet“ – und zwar von den nun herrschenden Kommunisten. Es handelte sich, wie Griesser-Pecar schreibt, um eine „gewaltige Einschüchterungs- und Vernichtungsaktion gegen politisch Andersdenkende“. Slowenien, so liest man weiter, sei „übersät von Massengräbern“, in denen Opfer der Kommunisten liegen. Der jugoslawische Nachkriegsstaat, so wird im Buch der Verfassungsrichter Peter Jambrek zitiert, fußte erstens auf Mord („Liquidationen“ während des Krieges, Massentötungen politischer Gefangener nach dem Krieg, „Säuberungen“ des Terrains von Klassenfeinden usw.), zweitens auf Raub und Legalisierung des kollektiven Diebstahls, drittens auf körperlicher Gewalt (Polizeiterror, Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit in Konzentrationslagern) und viertens auf „Angst, Täuschung und Lüge“. „Das zerrissene Volk“ ist ein Buch, das mit vielen Illusionen (und Fälschungen) aufräumt. Daß es im heutigen Slowenien mancherorts mit gemischten Gefühlen aufgenommen wird, kann nicht verwundern. Dem deutschen Leser gibt es die Möglichkeit, zu erfahren, wie es eigentlich gewesen ist: anders jedenfalls, als man bisher zu hören gewohnt war. Tamara Griesser-Pecar: Das zerrissene Volk. Slowenien1941-1946. Okkupation, Kollaboration, Bürgerkrieg, Revolution. Studien zu Politik und Verwaltung, Band 86. Böhlau Verlag, Wien-Köln-Graz 2003, 583 Seiten, 99 Euro

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