Verschwundene Kindheit

Der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman ("Wir amüsieren uns zu Tode"), der jetzt im Alter von 72 Jahren verstarb, gehörte in jene Reihe bedeutender Kulturkritiker, denen eines gemeinsam ist: Sie haben einen ungemein klaren Blick für kulturelle und politische Fehlentwicklungen, sie formulieren griffig und sprachlich so zugespitzt, daß sie zumindest in den Feuilletons Gehör finden – und sie sind völlig erfolglos, weil sich das Weltgeschehen überhaupt nicht darum schert, was irgendeine Kassandra im stillen Kämmerlein erdenkt und dann in die Öffentlichkeit zu tragen versucht.

Postman, bis zum Jahr 2002 Professor für "Medien-Ökologie" an der New York University, hatte eine klare Botschaft: die Dominanz des "Entertainment" führt zu einer kulturellen und geistigen Regression, und die Dominanz der "Informationstechnologie" zu einer Unterwerfung des Menschen unter die Technik, insbesondere die Maschinen, angefangen vom Anrufbeantworter bis zum Personalcomputer.

Sein Buch "Das Verschwinden der Kindheit" (1994) fand in pädagogischen Kreisen große Aufmerksamkeit; es gehört zu den Rätseln unserer Tage, daß seine klaren Botschaften zwar breit diskutiert, aber nirgendwo etwa in die pädagogische Praxis umgesetzt wurden. Im Gegenteil: In den letzten zwanzig Jahren ist die Boulevardisierung, Trivialisierung und Infantilisierung der Kultur- und Medienlandschaft in einer Weise fortgeschritten, daß es heute offenbar nichts wichtigeres gibt als die Ergüsse von Bohlen & Co.

Und was die Dominanz des PCs betrifft, so hat der Staat zwar kein Geld mehr, aber wenn es darum geht, öffentliche Jugendeinrichtungen mit Computern und elektronischen Spielzeuge auszustatten, dann ist genug da. Das Ergebnis ist ebenso programmiert wie niederschmetternd: Kinder und Jugendliche sitzen immer länger still vor dem Monitor, berauschen sich an virtuellen Spielen und "bilden" sich durch die Informationsfülle des Weltnetzes. Schöne neue Computerwelt.

Zu Postmans Erkenntnissen gehört, daß wirkliches Sein ohne Tiefe nicht möglich ist. Es bleibt die Hoffnung, daß in absehbarer Zukunft das Zeitalter der Oberflächlichkeit zu Ende geht – eine bündische Jugendgruppe (der Nerother Wandervogel) verweist geradezu anachronistisch stolz darauf, daß sie keine elektronische Postadresse hat und sich nicht im Internet präsentieren will; ihr geht es um wirkliche Begegnungen und Gespräche, nicht um schnelles Surfen, Anklicken, Runterladen und Reinziehen. Postman hätte sich darüber gefreut.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles