Stilbildende Traditionsschrift

Wer meint, Alain de Benoist in lexikographischer Kürze gerecht werden zu müssen, verfällt leicht auf die Idee, ihn als „Vordenker der Neuen Rechten“ oder in ähnlicher Weise zu apostrophieren. Damit wird zwar überreichlich die Phantasie angeregt, jedoch wenig ausgesagt. Von einer intellektuellen Bewegung oder Strömung, in deren Zentrum das unterdessen fast 60-jährige Enfant terrible des französischen Geisteslebens stünde, kann – zumindest heute – nicht gesprochen werden. Den Begriff „Neue Rechte“ beansprucht nahezu jeder, der im lunatic fringe durch irgendeine unverwechselbare Skurrilität Aufmerksamkeit erzielen möchte, für sich – es macht einfach keine Freude, sich in diese Gesellschaft zu begeben. Alain de Benoist hat ihm aus guten Grund längst entsagt, ohne daß dies allerdings sonderlich zur Kenntnis genommen worden wäre. In der Rezeption seiner Publikationen und Aktivitäten hallt immer noch – bei Freund und Feind – die amüsante Vorstellung nach, hier würde, eine Anregung von Antonio Gramsci aufgreifend, der Versuch unternommen, eine kulturelle Hegemonie herzustellen, um auf diesem Umweg politische Veränderungen einschneidender Art anzustoßen. Es ist nicht zu leugnen, daß Benoist und manch andere literarische Gefährten dieser fixen Idee in der Vergangenheit durch schneidige Manifestationen Vorschub geleistet haben. Unterdessen ist davon, dies können Leser der JUNGEN FREIHEIT besonders gut beurteilen, nichts mehr zu spüren. Stilbildend war Benoist bis auf den heutigen Tag mit seiner Zeitschrift Novelle École, die seit 1969 erscheint – derzeit mit einer, jeweils einem Kernthema gewidmeten Ausgabe pro Jahr. Das aktuelle Heft (Nr. 53-54) setzt sich mit dem historischen Faschismus auseinander, der, auch wenn Benoist in seiner an Nolte anknüpfenden Einleitung den Bogen weiter spannt, als ein italienisches Phänomen präsentiert wird. Die vielfältigen Deutungen, die er in Geschichtsschreibung und Sozialwissenschaften erfahren hat, porträtiert der in Florenz lehrende Politikwissenschaftler Marco Tarchi in einem umfangreichen Überblicks-Aufsatz. Daß dieser Beitrag im Zentrum steht, liegt in der Natur der Sache. Ein theoretisches Substrat des Faschismus selbst ist kaum zu fassen, schon von den Zeitgenossen und nicht minder im Rückblick ist entsprechend viel in ihn hineinprojeziert worden. Die im Heft zusammengestellten Kurzporträts seiner „wesentlichen Theoretiker“ belegen – vielleicht unfreiwillig – dieses Manko, daß nicht wenige, die dem Faschismus mehr oder weniger oberflächlich anhingen, sich von ihm wieder lossagten, kommt erschwerend hinzu. Der historisierenden Betrachtungsweise, die sich die Autoren durchgängig zu eigen machen, ist immer noch das Aufatmen anzumerken, das Renzo de Felice bewirkte. Wenn das Kapitel des Faschismus geschlossen ist, kann man mit ihm brechen, ohne sich von ihm abwenden zu müssen. Die intellektuelle Abenteuerlust wird so von der obsessiven Last befreit, Traditionen rekonstruieren zu müssen. Novelle École, 41 rue Barrault, F-75013 Paris. Das Heft 53-54 kostet 23 Euro.

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