Joachim Kuhs

 

Revolutionär und Wahrheitssucher

Auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott gibt, antwortete Kardinal Joseph Ratzinger in seinem Buch-Interview „Salz und Erde“: „So viele, wie es Menschen gibt. Denn auch innerhalb des gleichen Glaubens ist der Weg eines jeden Menschen ein ganz persönlicher.“ Der Fragesteller, der Journalist Peter Seewald, ist ein Jahr später selbst wieder in die Kirche eingetreten und hat nun seinen Weg zum Glauben beschrieben in dem Buch „Grüß Gott. Als ich begann, wieder an Gott zu denken.“ In der Nähe von Passau wächst Seewald in einer katholischen Familie auf und ist ein eifriger Ministrant. Zeitweise denkt er sogar daran, Priester zu werden. 1968 gerät Seewald als Vierzehnjähriger in den Sog der linken Szene. Immer mehr läßt er sich von deren Gedankengut anstecken. Vom Maoismus begeistert, zieht er in eine Wohngemeinschaft, verteilt Flugblätter und will als Streetworker arbeiten. In diese Zeit fällt auch sein Kirchenaustritt, da er Religion nur noch als „Opium fürs Volk“ ansieht. 1976 gründet er in Passau eine linksradikale Wochenzeitung, die allerdings nach zwei Jahren wieder eingeht. 1981 beginnt Seewald als Journalist beim Spiegel und wechselt sechs Jahre später zum Stern. Als er 1989 erfährt, daß die Süddeutsche Zeitung ein Magazin aufbauen will, bietet er sich als freier Mitarbeiter an und schlägt das Thema „Beten“ vor, das sofort auf große Begeisterung stößt. Durch seine Kirchenferne meint er, neutral und objektiv über religiöse Themen berichten zu können. Doch je mehr er sich mit der Thematik beschäftigt, um so mehr kommt in seinem Inneren ein Prozeß in Gang, der nicht mehr zu stoppen ist. Er erhält schließlich den Auftrag, ein groß- angelegtes Interview mit dem Präfekten der katholischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, zu führen. Zu diesem Zeitpunkt hat er schon längst begonnen, wieder an Gott zu denken und zu beten. Wann er genau begann, wieder an Gott zu denken, kann er gar nicht so genau sagen. Viele kleine Begebenheiten brachten ihn zum Nachdenken. Jetzt setzt er sich mit den Gedanken Ratzingers intensiv auseinander und ist beeindruckt von der Stimmigkeit des Welt- und Gottesbildes Ratzingers. Den Kardinal selbst erlebt er als einen Menschen, der „sich aus dem Glauben an Christus heraus um Wahrhaftigkeit bemüht.“ Die Begegnung mit Kardinal Ratzinger gibt Seewald den letzten Anstoß für seinen Wiedereintritt in die katholische Kirche. „Wer versucht, bloßer Beschauer zu sein, erfährt nichts“, hat der Kardinal gesagt, über den Seewald nach dem Interview „Salz und Erde“ (1996) auch das Interview „Gott und die Welt“ (2000) veröffentlichte. Zweierlei wird bei der Lektüre von Seewalds Glaubensbruch spürbar: Er ist immer noch ein Revolutionär, aber auch ein ehrlicher Sucher nach der Wahrheit. „Mit keinem Thema kann man so provozieren, wie wenn man sich auf die Seite der so verachteten Kirche stellt.“ Doch es geht ihm nicht um Provokation, sondern um den Glauben, der für ihn so etwas ist, wie „der Blick nach vorne zurück“. Diesen Glauben möchte er auch seinen beiden Söhnen mitgeben, die bis dahin gänzlich ohne religiöse Erziehung aufwachsen. Peter Seewald ist fasziniert von der Botschaft des Evangeliums, aber auch von den christlichen Traditionen und den Dogmen der Kirche. „Nur Esel haben keine Dogmen“, zitiert er Gilbert Keith Chesterton. Gerade die Gesellschaftskritik der Kirche ist es, die ihn fasziniert. Im Gegensatz zum revolutionären „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ wird hier konstruktiv kritisiert. Eine verbürgerlichte, biedere Kirche war es, die ihn damals zum Kirchenaustritt bewog; und auch heute noch ist ihm jede Anbiederung an den Zeitgeist zuwider. Bei der Lektüre von Seewalds Buch wird deutlich, daß eine modernistische Theorie ehrliche Glaubenssucher eher abschreckt als anzieht. „Ihr Verdienst war es, Chritus nicht im Himmel, sondern in der Grabkammer zu entdecken. Ich hatte genug davon.“ Seewald freut sich über die kirchlichen Riten und die alten Lieder, die immer noch im Gottdienst gesungen werden. „Die Kirche bräuchte meinetwegen nichts anderes als die Werke der Barmherzigkeit und ihre göttliche Liturgie.“ Bezüglich der Liberalisierung in der Kirche klagt Seewald: „Die Kirche vermag es längst nicht mehr, jemandem Lasten aufzuerlegen, wie wir ihr das vorgehalten hatten. Ihr Reden ist wie ein Reden unter Wasser geworden, stumm.“ Auch die traditionelle Spiritualität sei heute weitgehend vergessen. „Die Kirche selbst ist daran nicht schuldlos. Übungen, die über Jahrhunderte den Menschen geholfen hatten, sich selbst zu finden, wurden einer verstaubten Frömmigkeit zugeschrieben und abgelegt. Prächtiges Mobiliar und Gemälde des Ewigen flog in hohem Boden aus den Gotteshäusern, wie wertloses Gerümpel. Die Heiligen musterte man aus, und die Schar der Engel schien es schließlich von selbst vorzuziehen, aus der Kirche auszutreten – um eines Tages in den Zirkeln des New Age wieder aufzutauchen, plötzlich ganz en vogue.“ „Grüß Gott“ ist ein ehrliches Buch. Peter Seewald spricht in einer erfrischend unkonventionellen Sprache über den katholischen Glauben. Er vermeidet abgedroschene und leere Phrasen, die er leider bei Pfarrern und Theologen oft feststellen mußte. Seewald ist auch so ehrlich, seine eigenen Schwierigkeiten mit dem Glauben zu erwähnen. Denn den Glauben wahrhaft zu verstehen, ist ein langer Weg. Peter Seewald hat gerade erst die ersten Schritte zurückgelegt. Als Alfred Döblin 1928 an seinem 50. Geburtstag ein öffentliches Credo ablegte, konterte Berthold Brecht mit seinem Spottgedicht „Ein peinlicher Vorfall“. Bei der Beerdigung Ernst Jüngers im Februar 1998 wurde bekannt, daß dieser zwei Jahre zuvor in die katholische Kirche eingetreten war. Die Öffentlichkeit reagierte mit Verwunderung, aber nicht mehr mit Spott. Von Peter Seewalds Wiedereintritt hat man kaum noch Notiz genommen. Ein immer größeres Desinteresse an Glaubensüberzeugungen wird spürbar. Mit diesem Buch hat Peter Seewald ein persönliches Glaubenszeugnis vorgelegt, das hoffentlich viele anregt, sich selbst auf den Weg zu machen. Peter Seewald: Grüß Gott. Als ich begann, wieder an Gott zu denken. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2002, gebunden, 160 Seiten, 19,90 Euro

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