Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Prag neu entdecken

Wer jemals in Prag war, wird neben den zahlreichen Stätten spätmittelalterlicher und barocker Architektur die Vielzahl interessanter Gebäude aus der Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bemerkt haben. Doch während die Suche nach Verweisen auf die Baumeister des 14. bis 18. Jahrhundert zumeist keine Schwierigkeit darstellt, dürften Rückschlüsse darauf, wie viele Gebäude der Stadt zwischen 1900 und 1938 von deutschsprachigen Architekten konzipiert wurden, selbst Experten nicht allzu leicht fallen. Nunmehr wird im Rahmen einer von dem tschechischen Architekturhistoriker Zdenek Lukes initiierten Arbeit erstmals eine Bilanz über das Wirken von 67 deutschen und jüdischen Architekten bzw. Inhabern von Architekturbüros in der Moldau-Metropole zwischen 1900 und 1938 gezogen. Das gelungene Ergebnis kann im Rahmen einer Ausstellung im Ostdeutschen Museum in Regensburg noch bis zum 31. August dieses Jahres besichtigt werden. Eindrücklich wird darin belegt, wie in einer Hochphase des Nationalismus und der gegenseitigen Abgrenzung von der deutschsprachigen Minderheit Projekte in Prag verwirklicht wurden, die mehrheitlich der „europäischen Spitze der Avantgarde“ – so Lukes – zuzurechnen waren. Zwar ist gut bekannt, daß sich die deutsche Minderheit in der Stadt durch einen sehr hohen Bildungsgrad und damit auch einen sehr hohen Anteil in selbständigen und leitenden Positionen auszeichnete. Die meisten deutschsprachigen Architekten hatten an der dortigen Deutschen Technischen Hochschule bzw. vor 1918 in Wien oder anderen Hochschulstädten der Donaumonarchie studiert. Doch ihre berufliche Situation in Prag war bereits vor dem Ende des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn nicht einfach: Deutsche und jüdische Architekten erhielten praktisch keinen Zugang zu den tschechischen Fachperiodika und wurden von diesen vollkommen ignoriert. Nach 1918 verschlechterte sich ihre Position zusätzlich: Öffentliche Staatsaufträge in der neuen Republik wurden im Regelfall nur an tschechische Architekten vergeben. Chancen hatten ihre deutschsprachigen Berufskollegen zumeist nur dort, wo ausländisches Kapital im Spiel war, zum Beispiel bei Bankhäusern und Versicherungen oder bei Privatbauten. Trotz einiger Versuche der Anpassung und der Zusammenarbeit mit tschechischen Büros gelang es nur sehr wenigen, diese nationalen Schranken zu überwinden. Welch ein starkes Tabu in ihrem Land die Autoren mit ihrer Arbeit aufgebrochen haben, zeigen die vielfachen Schwierigkeiten, auf die sie dabei stießen: In Tschechien sind keinerlei private Hinterlassenschaften der deutschen und jüdischen Projektanten erhalten geblieben. Zu Beginn der fünfziger Jahre wurden faktisch alle Bestände der Deutschen Technischen Hochschule vernichtet, ebenso die Archive von Baufirmen, die die Aufträge durchgeführt hatten. Die vollkommene Ignoranz gegenüber dieser Thematik zeigt sich auch darin, daß von vielen Architekten der damaligen Zeit sowohl in tschechischen als auch in deutschen und österreichischen Bibliotheken und Archiven nur lückenhafte biographische Angaben existieren. Ein kleines Manko des Ausstellungskataloges liegt darin, daß Herkunfts- und Wirkungsorte von Architekten im Sudetengebiet im Regelfall nicht mit der deutschen Ortsbezeichnung angegeben werden, obwohl diese doch gerade auch interessante Rückschlüsse zulassen. Dies sollte keinen Interessierten daran hindern, Einblick in den sonst sehr empfehlenswerten Katalog zu nehmen. Gerade für Liebhaber der „Goldenen Stadt“ dürfte es attraktiv sein, anhand der Angaben und Abbildungen die Zeugnisse der Vergangenheit unter einem veränderten Blickwinkel zu betrachten, und Prag damit wieder neu zu entdecken. Die Ausstellung „Begleichung der Schuld – In Prag tätige deutschsprachige Architekten 1900-1938“ ist noch bis zum 31. August im Museum Ostdeutsche Galerie, Dr.-Johann-Maier-Str. 5, Regensburg, täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Info: 09 41 / 2 97 14-0, Internet www. mogregensburg@t-online.de . Der Katalog hat 224 Seiten und kostet 22 Euro. Villa Kantor in Prag, 1922 projektiert von dem Architekten Josef Zasche (1871-1957): Beruflich keine einfache Situation

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