Paranoide Kartographie

Wohl nahezu jeder, der einmal mit Fahrrad- und Wanderkarten zu tun hatte, kennt das Problem: Auf jeden noch so kleinformatigen topographischen Karten sind die präzisen Darstellungen gerade an den Stellen lückenhaft, an denen der Nutzer besonders auf sie angewiesen ist. Wer sich in der DDR am Material der dortigen Kartenverlage orientierte, konnte noch weitaus mehr Überraschungen erleben: Auf scheinbar unbebauten Wald- und Wiesenflächen befanden sich Übungsplätze der für die vormilitärische Ausbildung verantwortlichen Gesellschaft für Sport und Technik (GST), Betriebsferienlager oder FDJ-Heime. Der „verfallene Aussichtsturm“ erwies sich gelegentlich als Radarstation. Eventuelle Tagesausflüge in die grenznahen Bereiche der „sozialistischen Bruderstaaten“ wurden durch die statt Wegen und Orten abgedruckten gelben Flächen erschwert, so daß der Nutzer nicht ganz zu Unrecht auf den Gedanken kommen konnte, mit der Grenzlinie sei auch das Ende jeglicher Zivilisation markiert. Bereits im März 2001 fand in Berlin eine von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR (BStU) initiierte Tagung zum Thema „Kartenverfälschung als Folge übergroßer Geheimhaltung?“ statt, deren Referate nunmehr in gedruckter Form vorliegen. Seit Anfang den fünfziger Jahren wurde in der DDR topographisches Material in kleineren Maßstäben als „Verschlußsache“ behandelt und die für breitere Teile der Bevölkerung bestimmten Karten nach einer gezielten Systematik „frisiert“. Das bereits in der Sowjetunion praktizierte Verfahren der Kartenfälschung, beziehungsweise diestrikt verordneter Geheimhaltung wurde nach 1945 auch auf den gesamten Ostblock angewendet – besonders ausgeprägt jedoch in der DDR. Kurios war im Vergleich zu früheren Fälschungen jedoch, daß sich der Staat durch eine weitaus überzogene Geheimhaltung letztlich selbst schwer schädigte: Die eigene Wirtschaft mußte zum größten Teil mit verfälschten Karteninhalten arbeiten, und damit mit Fehlplanungen oder falschen Projektierungen von Objekten rechnen. Die Herausgabe der Karten erfolgte durch verschiedene Organe: Die „Staatliche Kartographie“ war dem Ministerium des Inneren unterstellt, die Verlagskartographie unterstand dem Kulturministerium, die Militärische Kartographie war dem Ministerium für Nationale Verteidigung untergeordnet. Für die Überwachung des topographischen Kartenmaterials war zunächst das MdI zuständig, daß auch die Zugangsvoraussetzungen regelte. 1959 wurde diese Rolle dem MfS übertragen. Seit 1963 hatten die topographischen Karten die Bezeichnung „Nur für den Dienstgebrauch“ zu tragen. „Gesamtpläne, Karten, Zeichnungen und technische Unterlagen von volkswirtschaftlich wichtigen Betrieben und Einrichtungen“ mußten als „Verschlußsachen“ geführt werden. Während in den ersten Serien, die Anfang der fünfziger Jahre erschienen, lediglich die Sperr- und Grenzgebiete besonders „bearbeitet“ wurden, geriet seit Ende der fünfziger Jahre die Erstellung und Verbreitung aller topographischen Karten von Maßstäben bis zu 1: 100.000 zum grundsätzlichen Staatsgeheimnis. Um die Ansprüche volkswirtschaftlich relevanter Stellen einigermaßen befriedigen zu können, wurde jedoch seit Mitte der sechziger Jahre neben der „staatlichen“ Kartenserie (AS) eine eigene Kartenserie (AV) produziert. Gegenüber der AS-Karte war das AV-Material hinsichtlich der quantitativen Angaben zur Tragfähigkeit von Brücken, Straßenbreiten, Steigungen oder Wassermengen von Talsperren gravierend reduziert. Ferner wurden die Bebauungsstrukturen durch „Zerlegung“ größerer Gebäude in Einzelhaussiedlungen und Ausradierung von Bahnanschlüssen derart geändert, daß Rückschlüsse auf die Art der Objekte (Betriebe, militärische Anlagen) nahezu unmöglich waren. Eine besondere „Bearbeitung“ erfuhr natürlich auch der Grenzraum zur Bundesrepublik. Hier wurden teilweise die letzten Kilometer vor der unmittelbaren Grenzlinie überhaupt nicht dargestellt, Wege verändert oder gelöscht und andere – in der Realität nicht existierende – Verbindungen eingetragen, um potentielle Fluchtwillige zu irritieren. Erst in den achtziger Jahren wurden aufgrund der vielfachen Kritik der zivilen Kartennutzer die gröbsten Veränderungen in der Darstellungsweise im Vergleich zu den AS-Karten beseitigt. Dies war freilich in zweierlei Hinsicht viel zu spät: Sowohl der Vertrauensverlust in das DDR-Kartenwesen als auch in das ganze politische System konnte nicht mehr ausgeglichen werden.

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