Pankraz, Martin Luther und die Seligkeit von Kriegern

Gott als Kriegsfürst und Fahnenträger – ein erregendes, hochaktuelles Thema. Beide Seiten im Irak führen ja angeblich einen "Heiligen Krieg", einen "Djihad", die amerikanischen Angreifer betonen das noch stärker als das laizistische Baath-Regime in Bagdad. "Gott mit uns" hieß die Aufschrift auf den Soldatenkoppeln im kaiserlichen Deutschland, und "Gott mit uns" predigen heute die US-Feldgeistlichen, und die Bomberpiloten singen fromme Choräle, bevor sie in ihre Kanzeln klettern und zum tödlichen Geschäft aufbrechen.

Ist das nun alles pure Heuchelei, frontaler Verstoß gegen das zweite Gebot des Dekalogs: "Du sollst den Namen Gottes, deines Herrn, nicht mißbrauchen"? Was ist Mißbrauch? Mißbrauche ich den Namen Gottes, meines Gottes, wenn ich ihn in höchster Existenznot, da es um Leben und Tod geht, anrufe und von ihm Beistand erflehe? Der Feind auf der Gegenseite macht doch dasselbe, ruft seinerseits seinen Gott um Beistand an, versucht, sich in dessen Namen zu bergen. Die Gleichheit der Waffen ist also hergestellt, die Waage im Lot, es gibt Gerechtigkeit.

"Du sollst den Namen Gottes nicht unnützlich führen", hat Martin Luther das zweite Gebot übersetzt. Und auch die Originalfassung, 2. Mose, 20/7, läßt Raum für utilitaristische, an der Nützlichkeit orientierte Deutung: "Du sollst meinen Namen nicht zu nichtigen Zwecken aussprechen". Ist der Krieg ein nichtiger Zweck? Schafft er nicht dauernd Situationen, die unklar sind und trotzdem sofortige radikalste Entscheidung erfordern, in denen den Kämpfern gar nichts anderes mehr übrigbleibt, als Gottes Namen auszusprechen, hoffend, um Rechtfertigung bittend, um Erleuchtung und Wegweisung flehend?

Alte Völker hatten nicht die geringsten Schwierigkeiten mit Gott in Kriegszeiten. Für sie war es selbstverständlich, daß er ihnen in der Schlacht als Feuersäule voranschritt, daß er ihnen den Sieg bereitete – oder die Niederlage einbrockte, weil sie gegen sein Gebot verstoßen oder es nur läßlich, allzu läßlich erfüllt hatten. Gott war immer ein schwieriger Feldmarschall, seine Interessen waren nicht unbedingt identisch mit denen der Truppe, die er manchmal im buchstäblichen Sinne des Wortes verheizte.

In Homers "Ilias" erscheint der Krieg der Menschen von A bis Z lediglich als Abglanz und Nebenprodukt des Krieges der Götter untereinander, der der eigentliche Krieg ist und dessen Sinn und Zweck die irdischen Strategen, wenn überhaupt, nur ahnungsweise erfassen können. Der Krieg ist ihnen in erster und auch noch in zweiter Linie nichts als ein Verhängnis, eine "Heimarmene", ein Risiko mit ungewissem Ausgang. Mögen die Kriegsgründe, die man sich am Anfang im Großen Rat der Ältesten zurechtgelegt hat, noch so einleuchtend gewesen sein – im Verlauf des Krieges selbst dominieren dann die Unwägbarkeiten, und hochgemutes Dreinschlagen verwandelt sich nur allzu oft in blindes Umsichschlagen. Das ist also das Werk der Götter.

Heikel und fundamental rätselhaft wurde die Sache erst, nachdem Christentum und Islam einen einzigen Gott für alle Menschen und Völker postuliert hatten. Wo stand nun dieser Gott im Falle des Krieges, auf der eigenen oder auf der anderen Seite? Natürlich reklamierte ihn jeder für die eigene, und der Gegner wurde dadurch unversehens entgöttlicht und damit entmenschlicht, er wurde zum "Ungläubigen", wenn nicht gar zum Diener des Bösen, zum Soldaten des Teufels, Er verlor alle Ehren und Courtoisien, die ihm bisher auch als Besiegtem zugestanden hatten. Man durfte ihn nicht mehr Held nennen, selbst wenn er sich noch so tapfer geschlagen hatte, er war dann nichts als eine "reißende Bestie".

Da die Verteufelung wechselseitig erfolgte, geriet allmählich der Kriegerstand insgesamt in Verruf, so daß extra Theologen und Philosophen auf den Plan treten mußten, um die Ehre des Soldaten zu retten. "Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können", hieß eine Streitschrift von Luther aus dem Jahre 1526. Sie war gegen die aufständischen Bauern gerichtet und ermahnte die Landsknechte der Fürsten, diese schlecht ausgerüsteten Bauern ja recht kräftig zusammenzuschlagen; sie könnten sich dabei als Ärzte und Chirurgen fühlen, die dem Gesamtkörper höchst nützlich seien, indem sie einzelne Teile von ihm ausbrennten oder absägten. Das sei ein wahrhaft gottgefälliges, seliges Handwerk.

Immerhin gelang es Luther damals, eine wichtige Differenz zu markieren: Die Landsknechte waren, in ihrer Funktion als Arzt und Chirurg, nützliche Kräfte, eine Art Handwerker, die einen ehrbaren Stand bildeten wie andere Handwerker auch. Die Bauernhaufen hingegen wurden angeführt von wahnsinnigen Chiliasten vom Schlage Thomas Müntzers, sie traten "zur letzten Schlacht" an und bliesen ihr bißchen Realinteresse an Weiderechten und Spanndiensten zum "Tag von Armaggeddon" auf, zum Endkampf zwischen Gut und Böse. Diese fatale Konstellation durchschaute der Wittenberger, dagegen wandte er sich.

"Selig", so Luthers Resümee, können Kriegsleute nur dann sein, wenn sie und ihre Generäle nicht versuchen, dem Lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen, wenn sie von vornherein davon ablassen, ihre Feinde nicht nur umzubringen, sondern sie auch noch zum rechten Glauben zu bekehren. Gott will nicht, daß man Menschen "befreit", indem man sie von Haus und Hof, Frau und Kind und schließlich auch noch vom Leben befreit. Das hätte man schon zu Martin Luthers Zeiten lernen können.

Daß man es dennoch nicht gelernt hat, und zwar nicht nur auf islamischer Seite nicht, sondern auch auf der des Westens, bei den amerikanischen Bush- und Endzeitkriegern – das gehört zu den trübseligsten Erfahrungen dieser Tage. Hoffentlich bleibt es die letzte solcher Erfahrungen.

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