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Pankraz, Herder und der Weg in den Sturm und Drang

Das letzte große geistige Gedenkdatum dieses Jahres, Johann Gottfried Herders zweihundertster Todestag am 18. Dezember, steht irgendwie unbequem in der Landschaft. Volksliedsammler, Verteidiger des "Gefühls" in Literatur und Wissenschaft, Liebhaber der "kleinen" Völker und ihres "einzigartigen", "notwendigen" Beitrags zur Kultur und Entwicklung der Menschheit – all das schmeckt vielen Zeitgeistverwaltern gar nicht. Sie wittern Vormoderne, "völkische Ideologie", Nationalismus. Herder eignet sich wenig für die offiziell zugelassene Erinnerungskultur.

Auch war er zu Lebzeiten nicht unbedingt ein angenehmer "Mitbürger", zwar vorbildlicher Ehemann und Familienvater, doch im Verkehr mit anderen Predigern, Dichtern, Publizisten meist ungemütlich sarkastisch und insistierend, dauernd zu gnadenloser Polemik aufgelegt, dabei sich gern hinter Pseudonymen verbergend, ein "Sohn der Nacht", wie er sich gern selbst bezeichnete. Schon in jungen Jahren machte ihm die Gesundheit zu schaffen, ein schweres Augenleiden, mancherlei Allergien. Er ist denn auch nur 59 Jahre alt geworden.

Was alle, auch erklärte Feinde, an ihm loben, sind sein zäher Fleiß und seine blendende Gelehrsamkeit. In sehr einfachen Verhältnissen 1744 im ostpreußischen Mohrungen geboren, wurde er zum Liebling sämtlicher Elementarlehrer. Sie waren stolz darauf, in ihm das helle Feuer des Wissens voll anfachen zu können, sie reichten ihn weiter, von Mohrungen an die Universität Königsberg, von dort an den Hohen Rat der Hansestadt Riga, der den gerade mal Zwanzigjährigen sofort als Kirchenprediger und Lateinlehrer für seine Domschule anstellte und das nie bereut hat.

Herder war damals die große Hoffnung lutherischer deutscher Gelehrsamkeit, die gerade dabei war, Pietismus und Aufklärung zu einer brisanten, bald welthistorisch wirksam werdenden Mischung zu verbinden. Weder mit dem streng-formelhaften französischen Rationalismus noch mit dem bieder-praktischen englischen Empirismus mochte man sich abfinden. Die Vernunft erschöpfte sich weder in mathematischen Axiomen noch in simplen Sinnesdaten. "Es ist nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist", hatte der britische Empirist John Locke deklariert. Aber schon Leibniz hatte dem hinzugefügt: "…außer der Verstand selbst".

Als sich der jungen Herder von Riga aus in die große Welt aufmachte, waren Leibniz‘ berühmte nouveaux essais gerade postum erschienen. Ihr Echo war gewaltig. Es löste bei Kant die "kritischen" Schriften aus, bei Herder jedoch die Reflexion auf jene Sphäre, die nun sein bleibendes Thema werden und der er sein Leben weihen sollte. Er nannte sie "das Gefühl".

Das Gefühl war eine primäre, allen Menschen und Völkern gleichermaßen zugängliche Geistesbefindlichkeit, in der Traum und Kalkül, Sprache und Tat, Poesie und Philosophie noch ganz eng und ungeschieden beieinander wohnten, ineinander übergingen und sich gegenseitig befruchteten und erklärten. Dabei gibt es eine große Polarität: Gefühl und Zeit. Die Zeit treibt das Gefühl zur Entfaltung, dadurch entsteht Geschichte, mit einem gleichsam göttlichen Zeitpfeil. Gott sorgt letzten Endes dafür, daß sich alle im Gefühl angelegten Keime gleichmäßig, "human", entwickeln, sich maßvoll "ausdifferenzieren", wie wir heute sagen würden. Jedes Überwuchern des einen Keims durch den anderen ist von Übel und wird letztlich von der Entwicklung korrigiert. Wir Menschen können dieser Korrektur beistehen – oder wir können uns ihr in den Weg stellen, zu unserem Schaden und zum Schaden der Menschheit.

Im schicksalsschwangeren August 1770 trafen sich in Straßburg der noch junge Herder, nunmehr Prinzenbegleiter an wechselnden Höfen, und der noch ganz junge Student Johann Wolfgang Goethe. Der Funke sprang sofort über. Beide waren sich einig: Das Zeitalter war überrationalisiert, besonders die Poesie, sie ächzte in einem Korsett unsinniger, pedantischer Regeln. Es war hohe, höchste Zeit zur Korrektur. Und dazu waren "Genies" nötig, wie sie selber welche waren: der Liebe volle Kerle, die auf die Stimmen des Volkes zu hören verstanden und sie in kraftvolle, herrlich alte, herrlich neue Sprache umzusetzen wußten, in Sturm und in Drang.

Herder, seit seiner Jugend in Ostpreußen und Livland an Volksliedern und Volkstänzen interessiert, hatte schon begonnen, Tanz- und Spinnelieder, Märchen und andere Volkstexte zu sammeln, und zeigte Goethe seine Schätze vor. In Hamburg durch Lessing auf Shakespeare und die schottische Volkspoesie ("Ossian") gebracht, pries er sie dem Jüngeren gegenüber in den höchsten Tönen. Goethe war unendlich begeistert. Das Glück nahm seinen Lauf.

Der Rest ist deutsche und europäische Geistesgeschichte, Weimarer Klassik, Jenaer Romantik, Hegelsche Phänomenologie mit dem "Volksgeist" als historischer Zentralkategorie. Dieser Volksgeist ist keine materialistisch-biologisch festlegbare oder gar manipulierbare Größe, er ist reiner Geist, von den Kräften der Erde und der Tradition gespeist und in Bewegung gehalten. Wenn man ihn je vergißt, schert man aus der Entwicklung der Menschheit aus und wird wieder zum Tier, zum bloßen Konsumtier.

Johann Gottfried Herder ist der Vater dieser Erkenntnis, und als solcher wird er immer in der Erinnerung bleiben. Goethe zeigte sich ihm gegenüber dankbar und sorgte dafür, daß er 1776 zum Weimarer Superintendenten mit auskömmlichem Gehalt für seine große Familie berufen wurde. Herder hat danach noch viel gepredigt und administriert, und er hat auch noch viel geschrieben; freilich wirkt sein Werk in sich ohne genaue Kontur, es ist zu viel bloße Ahnung in ihm, es gibt zu wenige Erkenntnishöhen, die sich einigermaßen strecken. Ein großer Schriftsteller war Herder nicht, aber ein großer Spürhund des Geistes, wohl der größte, den wir je hatten.

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