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Nachkriegskind

Die Hoch-Zeit des Deutschrock ist lange, lange vorbei; doch der in Osnabrück geborene und in Hannover lebende Geschichtenerzähler Heinz Rudolf Kunze klingt auf seinem vierten Live-Album jünger denn je. Dafür verantwortlich ist vor allem seine neue musikalische Verstärkung. Nach rund 18 Jahren kreativer Zusammenarbeit trennte sich Kunze von seinem bisherigen Gitarristen und musikalischen Direktor Heiner Lürig und versammelte junge Musiker der blühenden Hamburger Schule um sich. Gemeinsam mit Jörg Sander (Gitarre), Leo Schmidthals (Baß) und Jens Carstens (Schlagzeug) – nur Keyboarder Matthias Ulmer wurde aus der bisherigen Live-Band übernommen – begab sich der Rockzyniker im Frühjahr dieses Jahres auf große Deutschlandtournee: 18 Städte, 18mal ein Publikum, das schon wenige Minuten nach Konzertbeginn in Jubelstürme ausbrach. Beim Heimspiel in Hannover entstand die Doppel-CD „Dabeisein ist alles – Live 2003“ (WEA). Das komplette Konzert wurde ohne unnötige Schnitte und nahezu gänzlich ohne Nachbearbeitungen im Studio festgehalten. Heraus kam ein grandioses Stück deutscher Rockmusik, das alle Facetten des sensiblen Musikers zeigt. 24 Lieder aus 20 Jahren Kunze begeistern die Fans, die seit Jahren treu zu ihrem politisch unkorrekten Idol stehen. Der Sprachkünstler und „Mann des vorigen Jahrhunderts“ (Selbsteinschätzung) wettert wie eh und je in deutlichen Worten gegen den sich zunehmend oberflächlich gerierenden Zeitgeist. Den Auftakt bilden der brodelnde Hardrocker „Himmelfahrtskommando“, die aufpeitschende Überlebenshymne „Da müssen wir durch“ und das fordernd-verschämte Liebeslied „Mach auf“ im Klang amerikanischer Melodic-Rocker der späten 1980er. Eine berstend zynische Abrechnung mit dem Äußerlichkeitenfetischismus der Gegenwart liefert Kunze mit dem Stück „Schön und gut“. Und mit der vertrackten Ballade „Manchmal“ streift er kurz das unterschätzte 96er-Album „Richter-Skala“, bevor er erstmals seit Ewigkeiten live wieder das bitterböse „Balkonfrühstück im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd“, musikalisch verbunden mit „Wir leben alle im Erdgeschoß“, präsentiert. Stets brilliert Kunze auf der Bühne mit herrlichen Zwischentexten. So erzählt er von einem „großen, blonden und sehr blauäugigen“ amerikanischen Austauschschüler aus seiner Gymnasialzeit in den sechziger Jahren, der von einer alten Dame mit dem Regenschirm für die alliierten Bombenangriffe auf Osnabrück verdroschen wurde und heute – offenkundig immer noch „sehr blauäugig“ – in der Washingtoner Regierung sitzt und sich wundert, wenn irakische Frauen ihn mit ihrem Schirm eins über die Mütze hauen. Für seinen 99er-Radiohit „Aller Herren Länder“ schrieb Irak-Kriegsgegner Kunze zwei zusätzliche Strophen. Auf der zweiten CD präsentiert er eine fein dosierte Mischung aus Gassenhauern („Dein ist mein ganzes Herz“, „Finden Sie Mabel“, „Alles, was sie will“, „Meine eigenen Wege“) und unbekannteren, lyrisch schwermütigeren Liedern („Folgen Sie mir weiter“, „Vertriebener“, „Ich hab’s versucht“). Dazu gibt es die selbstironische Fanbeschimpfung „Ich glaub, es geht los“, den aufmunternden Hardrockeinstieg in die 1990er-Dekade „Draufgänger“ und den genauso abgeklärten wie liebevollen Gefühlsausbruch „Alles gelogen“. Solche lyrischen Höhepunkte gelingen Heinz Rudolf Kunze heutzutage nur noch selten – trotz forscher Rhythmen und krachender Gitarrenklänge bleibt er ein Kind der Nachkriegszeit zwischen „Flüchtlingslager Espelkamp“ und „Kuratorium Unheilbares Deutschland“. Ohne Bitterkeit, dafür mit viel Ironie, läßt Kunze auch 2003 seiner Verachtung für das Jetzt und Heute freien Lauf.

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