Joachim Kuhs

 

Mehr Kinder braucht das Land

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn ein Politiker der Union noch vor ein, zwei Jahren eine Aussage getroffen hätte, wie sie kürzlich von der Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) zu hören war, als sie von „aktiver Bevölkerungspolitik“ sprach: Er wäre im Handumdrehen in die faschistoide oder zumindest reaktionäre Ecke gestellt worden. Ihm wäre es so ergangen wie all denjenigen, die sich jahrzehntelang in punkto Familienpolitik gegen den Zeitgeist gestemmt haben. Die Auseinandersetzung um die Abtreibung beleuchtet diesen Zeitgeist wie in einem Brennglas: Eine Gesellschaft, die in weiten Teilen die Tötung eines ungeborenen Menschen bestenfalls noch als Kavaliersdelikt ansieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihr die Kinder ausgehen. Mit einer Geburtenrate von 1,34 Kindern pro Frau liegt Deutschland auf dem 180. Platz von 191 Ländern. Seit dem Pillenknick Ende der sechziger Jahre, als die Zahl der Geburten von über einer Million auf rund 600.000 abstürzte, klafft jährlich eine deutliche Geburtenlücke in Deutschland. Der Rückgang, den der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg als „demographische Zeitenwende“ bezeichnet, wird dramatische Folgen haben. Es ist leider wahr: Wer mit Kindern lebt, wird häufig an den Rand dieser Gesellschaft gedrängt, vor allem wegen der eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten, bei Problemen mit der Wohnungssuche oder einfach nur bei der Platzwahl im Restaurant. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld geht meist nichts. Und auf Kinder zu verzichten, bringt einem deutschen Ehepaar viele finanzielle Vorteile. Erst der mittlerweile drohende Kollaps der sozialen Sicherungssysteme scheint – siehe Renate Schmidt – den Blick auf Grundlegendes freizumachen. Die Rentenversicherung, aber auch die anderen sozialen Sicherungssysteme sind vom Gedanken des „Generationenvertrages“ geprägt. Dieser ist, wie die Wochenzeitung Die Zeit (34/2003) schreibt, „ein ideelles Konstrukt, das gesellschaftliches Einvernehmen über zwei Dinge beschreiben soll: zum einen, daß die Erwerbstätigen mit Beiträgen aus ihrem Einkommen für die Alten sorgen, die das gleiche schon für ihre Eltern getan haben. Zum anderen, daß die junge Generation Kinder bekommt und großzieht, die ihnen später ihre eigene Rente erwirtschaften werden.“ Wenn nun aber ein Teil – in unserem Fall die jüngere Generation – seine „vertraglichen Verpflichtungen“ nicht oder nicht im notwendigen Umfang einhält, bricht das Konstrukt zusammen. Dabei reden sich viele auch noch ein, sie würden im Alter nur verbrauchen, was sie persönlich erarbeitet hätten – vom „Generationenvertrag“ haben sie offensichtlich nie gehört. Und wer den Vertrag heute noch in seinen beiden Teilen erfüllt, ist der eindeutige Verlierer. Unbestritten ist, daß in unserem Land die staatlichen Hilfen für Familien, unter welcher Regierung auch immer, unzureichend sind und deutlich aufgestockt und erweitert werden müssen. Mindestens so notwendig aber ist eine tiefgreifende Bewußtseinsänderung hinsichtlich der Werte, die Lebensgefühl und Lebensstil vieler junger Menschen bei uns prägen. Gewollte Kinderlosigkeit ist keine Ausnahme mehr, sondern längst Normalität. Gerade die Hochqualifizierten unseres Volkes gehen mit ihrem Beispiel voran: Vierzig Prozent der deutschen Akademikerinnen und ihre Partner bleiben kinderlos. Industriestaaten mit höherer Geburtenrate verdanken nach dem Urteil von Volkswirtschaftlern allein ihrem zahlreicheren Nachwuchs bis zu zwei Prozentpunkte Wirtschaftswachstum mehr und eine Binnennachfrage, für die wir in Deutschland mehr als dankbar wären. Und hat überhaupt schon jemand die Frage gestellt, ob die weitgehende Unfähigkeit der Deutschen zu Veränderungen, die fehlende Dynamik und die Zukunfts-Verzagtheit nicht vielleicht – ebenso wie der Jugendwahn von Werbung und Industrie – Symptome einer langsam vergreisenden Spaß-Gesellschaft sind, die nicht mehr bereit ist, sich den ewigen Gesetzen des Lebens, des Werdens und Vergehens zu unterwerfen, und für die Familie nicht mehr vorkommt? Wie konnte eine Gesellschaft, die für Ungerechtigkeiten angeblich so empfindlich ist – allerdings vor allem, wenn sie für die Dritte Welt zu beklagen sind und die USA irgendwie haftbar gemacht werden können -, eine derart krasse Schieflage verdrängen oder zumindest bagatellisieren? Selbst heute, angesichts der sich anbahnenden demographischen Katastrophe, taucht ein ebenso schlichter wie einfach richtiger Vorschlag wie der von Angela Merkel, daß Kinderlosigkeit sich natürlich in erhöhten Rentenbeiträgen niederschlagen müßte, nur kurz in den Schlagzeilen auf. Die Antwort findet man in dem aus vielen Quellen gespeisten Zeitgeist, der einen auch nur halbwegs ehrlichen Blick auf die Zusammenhänge verstellt und der jede Äußerung über sinkende Geburtenraten in die Nähe von „Lebensborn“ und „Mutterkreuz“ rückt. Vom Zeitgeist abgestraft wird zudem, wer es in Deutschland wagt, so etwas wie Nation, Sprache, angestammte Kultur, „Leitkultur“ vielleicht sogar, als etwas Wertvolles und Bewahrenswertes zu betrachten. Bot sich doch für alle Gutmenschen zugleich die Lösung unserer Vergreisung an: Einwanderung – der große Wunschtraum aller Linken, mit dem nicht nur endlich das ewig linke Ziel der Gesellschaftsveränderung doch noch, wenn auch anders, erreicht werden könnte, sondern auch die Rettung unserer Sozialsysteme. Inzwischen freilich wissen auch die Ideologen, daß geradezu irrwitzige Einwanderungsraten in Millionenhöhe nötig wären, um die auf den Kopf gestellte Bevölkerungspyramide Deutschlands wieder in eine stabile Lage zu bringen – ebenso unrealistisch wie unverkraftbar. Nein, unsere Probleme müssen wir schon selbst lösen. Aber dazu brauchen wir endlich eine ehrliche Diskussion. Wenn wir dazu nicht bereit sind, wird der publizistisch vielfach heraufbeschworene Generationenkonflikt unser Land auf heute noch ungeahnte Abgründe zutreiben. Vorboten eines solchen Konflikts sind die unsäglichen Äußerungen des Vorsitzenden der Jungen Union Deutschland. Der 23jährige hat wahrscheinlich keine Vorstellung davon, daß es die heutigen Senioren waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Wohlstand bei uns aufgebaut haben, in den er selber nur hineingeboren wurde. Diese Generation hat gleichzeitig geburtenstarke Jahrgänge großgezogen. Aus der Misere kommen wir nur, wenn die Ursachen der akuten Gefährdung unserer Sozialsysteme offen diskutiert werden – in den Medien und in Politiker- und Journalisten-Debattierzirkel. Vor allem müssen sie ins Bewußtsein der Allgemeinheit gelangen. Erst dann kann man mit Erfolgsaussicht über Konsequenzen sprechen. Nur so können die Befürworter einer wirklichen – nicht bloß verbalen, wie bei Renate Schmidt – Kehrtwende in der Familienpolitik zum Zug kommen und eine „aktive Bevölkerungspolitik“ einleiten. Entscheidend freilich bleibt neben mehr staatlicher Förderung der Familie: daß Kinder nicht mehr als Störfaktor empfunden werden, sondern endlich wieder als Glück und Lebenssinn. Dr. Wolfgang Götzer , 48, ist Rechtsanwalt, Vater von zwei Kindern und seit 1990 CSU-Bundestagsabgeordneter.

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