AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Kreuzritter des Protestantismus

Bei nur wenigen historischen Gestalten hat sich der Spottname ihrer politischen Gegner auch in der Geschichtsschreibung späterer Generationen so stark durchgesetzt wie beim Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz. Noch nach fast vierhundert Jahren kennt man ihn seiner nur einjährigen Regentschaft in Böhmen wegen als "Winterkönig". Allerdings fehlt bis heute eine detaillierte Biographie über die interessante historische Figur, die zumeist nur in Zusammenhang mit der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges Beachtung findet. Nunmehr ist die diesjährige Bayerische Landesausstellung dem Monarchen gewidmet.

Geboren wurde Friedrich am 26. August 1596 auf Jagdschloß Deinschweig (Oberpfalz) als Sohn von Louise Juliane, einer Tochter Wilhelms von Oranien, und des pfälzischen Kurfürsten Friedrich IV. Er wuchs zunächst in Heidelberg auf, bevor er am Hof von Sedan eine kalvinistisch geprägte Erziehung erhielt.

Im September 1610 starb sein Vater bereits mit 36 Jahren. Der frühe Tod führte zu Konflikten über die Nachfolgeregelung. Friedrich IV. hatte zwar die kalvinistischen Pfalzgrafen von Zweibrücken als Vormünder bestimmt, die nächsten Verwandten waren jedoch die (katholischen) Pfalzgrafen von Neuburg. Erst nachdem Kaiser Matthias dem minderjährigen Friedrich 1613 das Lehen erteilte und damit die Erbfolge anerkannte, konnten diese Streitigkeiten geschlichtet werden.

Um das kalvinistische Glaubensbekenntnis in der Kurpfalz längerfristig zu sichern, wurde für den 16jährigen Friedrich eine Heirat mit Elisabeth Stuart, Enkelin von Maria Stuart sowie Tochter König Jakob VI. von Schottland und Jakob I. von England, angestrebt. Obwohl sich das Paar tatsächlich ineinander verliebte und eine recht harmonische Ehe führte, der 13 Kinder entsprossen, kam es doch wiederholt zu Spannungen wegen Elisabeths weitaus höherer gesellschaftlicher Stellung. So ist es wahrscheinlich, daß Friedrichs unbedachtes Streben nach höheren Rängen wesentlich in dieser Herkunft begründet lag. Jedenfalls läßt die deutliche Unterstützung für das verhängnisvolle "böhmische Abenteuer" durch Friedrichs Ehefrau solche Rückschlüsse zu.

Ausgangspunkt zu diesem Kapitel war der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618, mit dem der Ständeaufstand begann, der sich schließlich zur Zündschnur eines der blutigsten Kriege in Mitteleuropa entwickelte. Unzweifelhaft hatte Friedrich deutliche Sympathie für die Aufständischen, legte jedoch kein öffentliches Bekenntnis ab.

Dennoch gingen vom Pfälzer Territorium entscheidende Impulse zu ihrer Unterstützung aus: Der Statthalter der Oberpfalz, Christian Fürst von Anhalt-Bernburg, organisierte von Amberg aus Hilfe für das bedrohte Böhmen. Neben der Ehefrau war er auch derjenige, der bei der Annahme der Wenzelskrone einen entscheidenden Einfluß auf Friedrich ausübte.

Der Krieg der böhmischen Stände gegen den Kaiser war kostspielig. Große Hoffnungen setzten sie auf eine intensive Unterstützung durch England. Schon daher ließen weniger die religiösen als vielmehr familiäre, finanzielle und militärische Erwägungen es angeraten scheinen, Friedrich als Kandidaten für die Krone vorzuschlagen.

Wurde zunächst lediglich an eine Vermittlerrolle der pfälzischen Kurfürsten mit dem Kaiser gedacht, so trat mit der Verschärfung der Situation auch ein Wandel der Vorzeichen ein: Der Habsburger Ferdinand, ein Enkel Kaiser Ferdinands I., sollte nach dem Willen der Stände unter allen Umständen als König von Böhmen verhindert werden. Im November 1618 wurden daher erste Gespräche über eine mögliche Thronbesteigung Friedrichs aufgenommen.

Mit dem Tod von Kaiser Matthias im März 1619 spitzte sich die Situation weiter zu: 1617 war Ferdinand zum böhmischen König gekrönt worden; auch Friedrich hatte sich dem Mehrheitsvotum der anderen Kurfürsten angeschlossen. Nun wurde jedoch auf dem Reichstag zu Frankfurt am 27. August die Wahl Friedrichs zum neuen böhmischen König und die Absetzung Ferdinands verkündet. Als selbsternannter "Kreuzritter des Protestantismus" wurde Friedrich am 4. November 1619 im Prager Veitsdom zum König von Böhmen gekrönt.

Religiöse Eiferer verschärften die Spannungen in Böhmen

Für die kurze Dauer und das fatale Ende seiner Herrschaft gab es eine Vielzahl von Gründen. Von vornherein war davon auszugehen, daß Kaiser Ferdinand nie zugestehen würde, daß ein protestantischer Fürst in einem seiner Erblande regierte. Auch die aus der inneren Zerklüftung Böhmens resultierenden Probleme unterschätzte Friedrich deutlich. Sie führten schnell zu einer grundsätzlichen Ernüchterung sowohl des Königspaares als auch der böhmischen Stände.

Eines der größten Probleme war religiöser Art: Die ohnehin manifesten Spannungen unter den etwa vier Millionen Einwohnern verschärften sich schnell durch das unglückliche Wirken religiöser Eiferer: Innerhalb kürzester Zeit wollte Friedrichs Hofprediger Abraham Scultetus mit aller Gewalt überall im Land den Kalvinismus einführen. Auch der Bildersturm im Veitsdom im Dezember 1619 sorgte unter Protestanten für Empörung.

Die Finanzen bereiteten ebenfalls bald große Sorgen. Um die Geschäfte des Landes einigermaßen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Unterstützung der Truppen zu gewährleisten, war Friedrich gezwungen, hohe Vermögenssummen von der Pfalz nach Böhmen zu transferieren. Seit der Krönung Anfang November bis zum Mai 1620 betrug die Summe der Überweisungen bereits zwei Tonnen Gold, so daß in diesem Monat die Zahlungsunfähigkeit der Kurpfalz durch deren Statthalter verkündet werden mußte.

Hinzu kamen das Ausbleiben der erhofften Unterstützung seitens der Engländer sowie das geringe Verständnis der Böhmen für den Heidelberger Lebensstil nach französischem Vorbild. Auch daß Friedrich über keine militärische Ausbildung verfügte, bereitete große Schwierigkeiten. Zwar bemühte er sich um Truppennähe und die bestmögliche Ausstattung, doch war er zur Durchsetzung seiner Interessen vollkommen von den Fähigkeiten ausgewählter Feldherren abhängig, auf die er nur stark begrenzte Einflußmöglichkeiten hatte. Sie waren zwar für die Niederlage der verbündeten protestantischen Unionisten in der Schlacht am Weißen Berg in der Nähe Prags am 8. November 1620 gegen die kaiserlich-katholischen Truppen nur teilweise verantwortlich. Dennoch war es bezeichnend, daß die Niederlage trotz einer weitaus besseren Ausgangsposition erfolgte: Ein König mit mehr militärischer Erfahrung hätte sie wahrscheinlich verhindern können.

Das Königspaar mußte nach der Schlacht überstürzt über Brandenburg und Wolfenbüttel nach Holland fliehen. Am 29. Januar 1621 verhängte Kaiser Ferdinand II. gegen Friedrich als "Verletzer der Kaiserlichen Hoheit und Majestät, Verbrecher des gemeinen ausgekündten Landfriedens" die "Reichs Acht und Oberacht".

Damit verlor er nicht nur die Königswürde, sondern wurde als Reichsfürst aller Besitz- und Rechtstitel entkleidet, aus jeder Rechts- und Schutzgemeinschaft ausgeschlossen und politisch, wirtschaftlich und sozial isoliert. Wie jeder Angehörige des Hauses Wittelsbach war er damit fortan nur noch "Pfalzgraf". Die Pfälzer Kurwürde wurde dem bayerischen Herzog Maximilian für seine Unterstützung des Kaisers auf dem Regensburger Fürstentag von 1623 verliehen, daneben erhielt er weite Teile der pfälzischen Territorien, darunter die gesamte Oberpfalz.

Im April 1621 löste sich als Folge der verhängten Reichsacht auch das protestantische Bündnis auf. So waren die Versuche Friedrichs in den Jahren 1621/22, wenigstens einen Teil der Besitztümer in der Pfalz zu halten, aussichtslos. Wenigstens gelang es ihm, im Juni 1622 die in Heidelberg nach 1619 noch verbliebenen Wertgegenstände und Akten nach Den Haag ins Exil zu bringen. Nur wenige Monate später, im Oktober 1622, zogen unter dem charismatischen Heerführer Graf Tilly bayerische und kroatische Truppen in die vormalige Residenz ein.

Bereits unmittelbar nach seiner Flucht hatte Friedrich versucht, eine Restitution seines Besitztums und der Kurwürde militärisch durchzusetzen. Dabei drohte er fortgesetzt mit der Unterstützung seiner weitläufigen Verwandtschaft außerhalb des Reiches. Doch der "Haager Allianz" unter Führung des Dänenkönigs Christian IV., wesentlich von Friedrich V. initiiert, gelang es nicht, ohne eine stärkere Unterstützung Englands größere militärische Erfolge zu erringen.

Das Eingreifen der Schweden ließ Hoffnung aufkommen

Erst das Eingreifen der Schweden 1630 ließ bei Friedrich erneute Hoffnungen aufkommen. Doch die Verhandlungen mit Gustav Adolf über die Bedingungen, die der Schwedenkönig für eine Wiedereinsetzung als Kurfürst stellte, waren niederschmetternd: Friedrich sollte Gustav Adolf huldigen und seine Erblande wie ein Lehen aus dessen Hand erhalten. Die wirtschaftlich und strategisch attraktiven Gebiete sollten in schwedischer Hand verbleiben, der lutherische Glaube gleichberechtigt neben dem reformierten gelten. Auf Rat seiner niederländischen Verwandtschaft lehnte der einstige Kurfürst unter diesen Bedingungen ab.

Im Oktober 1632 schien sich kurze Zeit nach dem Tode Gustav Adolfs in der Schlacht bei Lützen für den Pfalzgrafen alles zum Besseren zu wenden: Der englische Plan, Friedrich den Oberbefehl über die evangelische Streitmacht als Nachfolger Gustav Adolfs zu übertragen, scheiterte jedoch an seiner sich schnell verschlimmernden Krankheit, an der er am 29. November 1632 starb.

Die sehr gut konzipierte Ausstellung im Amberger Stadtmuseum ist auch dem historischen Laien zu empfehlen. Bei aller wissenschaftlichen Seriosität garantieren interessante interaktive Gestaltungsmomente einen kurzweiligen, spannenden Rundgang garantiert werden. Besonders hervorzuheben sind dabei neben den Darstellungen von zeitgenössischer Politik und Religion vor allem auch die weitgehend unbekannten kunstgeschichtlichen Aspekte der Thematik, die schon allein einen Ausflug in die Oberpfalz rechtfertigen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles