Klänge des Aufbruchs

Die fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren für die Bundesrepublik nicht nur die Hoch-Zeit des „Kalten Krieges“, sondern gleichzeitig auch die Zeit eines starken kulturellen Fremdeinflusses. Amerikanische Comics und Zeichentrickfilme waren etwas Neues, Faszinierendes, die Amerikahäuser und andere US-Einrichtungen erfreuten sich großen Zulaufs, und aus dem Radio erklangen unerhörte Töne: Jazz, Country und Soul, vor allem aber Rock’n’Roll. Für Millionen von jungen Deutschen war die Ansage „This is the American Forces Network Europe“ nicht nur der Auftakt ihrer beliebtesten Musiksendung, die drei Buchstaben AFN symbolisierten für sie auch den Eintritt in eine andere, bislang fremde Welt. Was da in den Studios im alten Schloß in Frankfurt-Höchst und den zahllosen Lokalsendern in der Bundesrepublik und West-Berlin produziert und von den Moderatoren so ungemein lässig in die Ohren, Herzen und Hirne einer ganzen Generation transportiert wurde, wirkte tief hinein in alle Bereiche des wiedererwachten gesellschaftlichen Lebens. Dabei war der am 4. Juli 1943 in London gegründete Militärsender, der nach dem Ende des Krieges nach Frankfurt am Main verlegt wurde, eigentlich eher nicht für deutsche Hörer gedacht – die man wenig schmeichelhaft als shadow audience, „Schattenpublikum“ bezeichnete -, sondern als Truppenbetreuung für die US-Soldaten in Europa. Seine historische Mission im Rahmen der sogenannten re-education wurde von den Experten für psychologische (Nach)-Kriegsführung indessen nicht besonders hoch eingeschätzt. Zum 60. Geburtstag des AFN hat jetzt der in Deutschland lebende amerikanische Historiker John Provan eine recht beachtliche Sammlung zusammengestellt, die die spannende Geschichte dieses Senders und seiner lokalen Radiostationen zwischen Bremerhaven und München sehr anschaulich präsentiert. Zu bewundern sind alte Studios mit Platten- und Schneidetischen, an denen die uniformierten Discjockeys noch bis Mitte der achtziger Jahre ihre eigens für den Sender gepreßten Platten – mit vierzig Zentimetern Durchmesser – auflegten. 1,5 Millionen Titel umfaßte das Programm des Senders, das in den fünfziger Jahren weltweit bis zu 50 Millionen Zuhörer hatte. Allein in der Bundesrepublik erreichten den AFN, der nie mehr als 200 Mitarbeiter hatte, jährlich über 300.000 Briefe. Hunderte Fotos, Dokumente und Programmhefte rufen diese „goldenen Tage des Radios“ nun wieder in Erinnerung. Beliebte Sendungen wie „Highway of Melody“, „Hallo Nachbar“, „Best Music Mix“ und „There is Music in the Air“, präsentiert von DJs wie Bill Ramsey – der später als Sänger und Jazz-Musiker in Deutschland Karriere machte -, Bob Keisling und Lawrence Zeckel, machten auf ihre humorige, nonchalante und selbstironische Art die jungen deutschen „Schattenhörer“ gewiß auch mit dem American way of life bekannt. In erster Linie drückten sie aber die außergewöhnliche Stimmung jener Zeit aus, die mit den Begriffen „Aufbruch“ oder „Freiheit“ nur unzureichend beschrieben ist. Mitte der sechziger Jahre bezog der Sender einen Neubau direkt neben dem Hessischen Rundfunk. Der Siegeszug des Fernsehens und die „Amerikanisierung“ der deutschen Rundfunkprogramme beendete in den kommenden Jahren die große Zeit des AFN. Manche, die noch als halbe Kinder oder Jugendliche begeisterte AFN-Hörer und unkritische Bewunderer des amerikanischen Lebensstils gewesen waren, zogen nun vor die Amerikahäuser und skandierten USA-feindliche Parolen. Ihre kulturelle Prägung veränderte sich jedoch in der Regel nicht: Dem Rock’n’Roll blieb auch die 68er-Generation treu. Heute steht AFN Europe erneut vor einer Zäsur. Ende 2004 zieht die Sendezentrale von Frankfurt nach Mannheim. Zurück bleibt nur ein kleiner lokaler Sender auf dem Militärflughafen Wiesbaden. Zurück bleiben aber auch die Bilder eines Jahrzehnts, das vor allem für die in den Kriegsjahren Geborenen bestimmend war. Die Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt, Saalgasse 9, endet am 1. Juni. Foto: AFN-Sendung „Highway of Melody“: Historische Mission

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