Globalisierung in Schwarz-Weiß

Es ist Krieg. Wer einen Krieg führt, weiß, wo der Feind steht und bekämpft ihn. Da bleibt kein Raum für differenzierte Urteile: Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Arm oder Reich, Wir oder Die, „Herrscher der Welt“ oder „Neue Zivilgesellschaft“. Die Autoren der hier vorzustellenden Bücher lassen keinen Zweifel, wo sie im Krieg der Widersacher gegen die Globalisierung stehen: Jean Ziegler, Schweizer Soziologe und „Nestbeschmutzer“ sowie UN-„Sonderbericht­erstatter für das Recht auf Nahrung“, und Naomi Klein, Anti-Globalisie­rungs-Aktivistin, Redakteurin und Kolumnistin. Beide kämpfen natürlich für die Guten. Jean Ziegler bietet dafür als Munition eine eindrucksvolle Fülle von Zahlen und Fakten auf. Wer für ihn die Bösen sind, daran läßt Ziegler keinen Zweifel: Es sind die „Raubtierkapitalisten“ mit dem „Killerinstinkt“, die bei ihrem globalen Raubzug skrupellos über die Leichen der Ausgebeuteten gehen – nicht nur in der Dritten Welt. Männer wie Microsoft-Chef Bill Gates, der allein ebensoviel Vermögen besitzt wie die gesamte weniger begüterte Hälfte der US-Einwohnerschaft. Oder Larry Ellison von Oracle, noch so ein exemplarischer „Beutejäger“. Ihnen zur Seite stehen willfährige „Söldlinge“ in Form von Institutionen wie Internationaler Währungsfonds, Weltbank oder Welthandelsorganisation. Nicht zu vergessen „gekaufte“ Regierungen, wie Ziegler anschaulich anhand der Verstrickungen des insolventen Enron-Konzerns mit der Bush-Administration beschreibt. Die Zeche zahlen die Kleinen; keineswegs nur die geprellten Enron-Aktionäre, sondern alle Verlierer im „Weltkrieg gegen die Armen“, den die „kapitalistischen Oligarchien“ im Zeichen der Globalisierung (schrankenlose Liberalisierung der Märkte) führen. Das alles ist wohldokumentiert mit einer beachtlichen Fülle an Beispielen und Statistiken, die Zieglers Werk nahezu Handbuchcharakter verleihen. Dennoch beschleicht den Leser Unbehagen angesichts der holzschnittartigen Gedankenführung und des geschlossenen, quasi-ideologischen Welterklärungssystems, das wiederholt die Klassenkampfrhetorik längst vergangener Zeiten touchiert. Impressionistisch in Darstellungsform und Argumentation, wenn auch kaum weniger rigide in der Stellungnahme, streitet dagegen die kanadische Journalistin Naomi Klein wider die finsteren Mächte der Globalisierung. Ihre Reportagen lesen sich mitunter wie Depeschen einer Kriegsberichterstatterin aus den Schützengräben der Rebellen an der Globalisierungsfront. Da ist sie auch häufig zu finden, auf Versammlungen, Demonstrationen und Inszenierungen von Globalisierungsgegnern weltweit. Oder auf Diskussionsforen; das Podium bieten ihr mitunter – was für die Integrationsfähigkeit des „Systems“ spricht – gerade jene Institutionen, die Ziegler und sie so wütend bekämpfen. Die hier versammelten Aufsätze und Reden sind sozusagen das „Best of“-Album einer Popikone der Anti-Globalisierungs-Bewegung. Der Ton ist aktionistisch, parteiisch, emotional; die Aussage ist durchweg politisch korrekt. Ihr Anliegen: jene Globalisierung zu verhindern, die „auf der Entmachtung lokaler Gemeinschaften und auf einem Krieg gegen die Umwelt“ beruht. Ihre Mission: soziale Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Not, ökologische Katastrophen weltweit anzuprangern. Das tut sie mit Verve und viel Sympathie für die Opfer. Wer aber sind denn nun die Guten? Wo ist die Macht, die die Bösen in die Schranken weist? Die Antwort fällt bei beiden Autoren fragmentarisch aus. „Auf den Flügeln der Taube“ sieht Ziegler die Revolution nahen; durch sein Schreiben will er die Dogmen der „neuen Herrscher der Welt“ entkräften. Seine Hoffnung ruht auf einer heraufkommenden „planetarischen Zivilgesellschaft“ – unideologisch, antiutopisch, fröhlich, diesseitig. Schöne antiutopische Utopie. Eine Graswurzelrevolution dagegen beschwört Naomi Klein; die mexikanischen Zapatistas des Subcomandante Marcos schweben ihr offensichtlich als Vorbild vor. Die Stärke der „Bewegung von Bewegungen“ der Anti-Globalisierer sei, daß sie ohne Zentrum und Hierarchie auskomme und auf lokale Aktion setze. Dank Internet sei „Mobilisierung fast ohne Bürokratie und hierarchische Strukturen“ möglich. Auch für Ziegler ist das „clever genutzte Internet“ eine wichtige Waffe. Als ob die „Feinde“ das nicht auch könnten. Die eigene Begeisterung für die Dauer-Demo demnach als Patentrezept zur Welterlösung? Das klingt doch arg nach Selbstberuhigung der Gutmenschen in den westlichen Industriegesellschaften, die sich ihr kritisches Bewußtsein nicht zuletzt deswegen leisten können, weil sie selbst zu den Nutznießern der „bösen“ Globalisierung gehören, daß ihr Wohlstand auf der Durchsetzung der Überlegenheit potenter Volkswirtschaften zum Nachteil Schwächerer beruht. Viele Fragen, die sich aufdrängen, bleiben in Zieglers und Kleins von Verschwörungstheorien und Polit-Folklore nicht ganz freiem Schwarz-Weiß-Gemälde der Globalisierung daher ungestellt. Etwa die Frage, ob Wirtschaft im 21. Jahrhundert ohne internationale Arbeitsteilung, ohne Globalisierung also, überhaupt denkbar ist. Vielleicht liegt das Problem ja nicht im freien Warenverkehr, sondern darin, daß dieser über weite Strecken Schlagwort und Propaganda bleibt und in der Realität gar nicht existiert? Müßte man nicht vielmehr für echten Freihandel kämpfen, damit unterentwickelte Länder ihre Chancen wahrnehmen können? Diese „Zäune“ sind bei Klein durchaus erkannt und beschrieben. Sollte man folglich nicht zuerst dagegen protestieren, daß Volkswirtschaften wie die US-amerikanische sich dort, wo sie international nicht konkurrenzfähig sind, bei der Getreideerzeugung oder dem Nutzfahrzeugbau beispielsweise, ganz unfreihändlerisch mit Schutzzöllen abschotten? Und ist es wirklich klug, ebenso wie die Globalisierer den Nationalstaat schon für erledigt zu erklären? Die Frage, ob nicht der Staat als Subjekt der internationalen Politik besser als lokale Widerstandsnester die Menschenwürde und soziale Sicherheit seiner Einwohner verteidigen kann, wäre durchaus des Nachdenkens wert. Die unbedingte Polarisierung, die beide Autoren unter Verzicht auf solche differenzierteren Sichtweisen herausarbeiten, schlägt dialektisch auf ihre eigene Sprache und Geisteshaltung durch. Kriegerische Streitschriften sind dabei herausgekommen – faktenreich die eine, emotionsgeladen die andere. Und doch: Ist die Kriegsmetaphorik wirklich so übertrieben? Steht die Welt gerade jetzt etwa nicht am Rande eines Krieges, den das amerikanische Imperium gegen ein ausgeblutetes Land führen will und bei dem es offenkundig um die stra­tegische Kontrolle von Rohstoffen geht? Und alles angezettelt von einem mäßig begabten religiösen Fanatiker, der zwar nicht ins Weiße Haus gewählt wurde, aber trotzdem dort sitzt und mit einer Junta von ausgebufften Strippenziehern und Geschäftsfreunden seines Daddys das mächtigste Land der Welt regiert? Man muß sich in diesen Zeiten schon schwer zusammenreißen, um nicht selbst noch zum Verschwörungstheoretiker zu werden. Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher. Bertelsmann Verlag, München 2003, gebunden, 352 Seiten, 22,90 Euro Naomi Klein: Über Zäune und Mauern. Berichte von der Globalisierungsfront. Campus Verlag, Frankfurt/ Main 2003, broschiert, 240 Seiten, 17,90 Euro

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

CATCODE: Article_Kultur