Geschichtliches Niemandsland

Schon lange vor 1989 und erst recht danach hatte man das Gefühl, daß der Westen dem Osten den 17. Juni 1953 nicht verzeihen kann. Denn an diesem Tag wurde auch für den Letzten erfahrbar, was die politischen Konstellationen längst nahelegten: Der Preis für die Westbindung des Bonner Staates war die anhaltende Unterjochung der DDR-Bevölkerung. Und Bonn war bereit, die DDR den Preis zahlen zu lassen. Diese Entscheidung mag alternativlos gewesen sein, aber wenigstens stand sie am Ende von eigenen Erwägungen, zu denen die DDR-Bürger ihrerseits nie die Möglichkeit hatten. Im Ergebnis wohnte dem 17. Juni von Anfang an jener gräßliche Geschichtsfatalismus inne, den Georg Büchner in die Worte gefaßt hatte: „ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich“. Daher hatte Bonn, wenn es seine Verantwortung für die DDR ernst meinte, allen Anlaß, auch diesen Satz auf sich zu beziehen: „es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den des kommt“! Doch will man dieses deutsch-deutsche Knäuel aus Fatalismus und Schuld heute überhaupt wahrhaben? Und läßt sich in einem massenkompatiblen Fernsehfilm die Tatsache thematisieren, daß in der Geschichte – noch einmal Büchner – „der Einzelne nur Schaum auf der Welle“ ist? Das Publikum will unterhaltsame Helden sehen, keine Marionetten des Fatums. Aber einem 50. Jubiläum kann man nicht ausweichen. Und so brachte die ARD zur besten Sendezeit zwei Spielfilme zum Thema. In „Tage des Sturms“, produziert vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und ausgestrahlt am Mittwoch vorvergangener Woche, ist es gelungen, den Fatalismus, der den Subtext der Ereignisse bildete, dadurch einzufangen, daß auf politische Deklamationen weitgehend verzichtet und dafür das Milieu der „kleinen Leute“ im mitteldeutschen Industrierevier detailgenau abgebildet wurde. Der als Co-Autor angegebene Schriftsteller Erich Loest geht fehl, wenn er der Produktionsfirma mit einer Klage droht, weil sie den von ihm ursprünglich konzipierten politischen Film „ohne Eifersuchtsgeschichten oder Nacktbaden“ sabotiert habe. Das Erhabene dieser Tage bestand gerade darin, daß die Menschen die realpolitischen Gegebenheiten verkannten oder ignorierten und im Namen ihrer Würde spontan aufbegehrten. Doch auch in der Endfassung blieb die Handschrift Loests, der ein Trivialautor im besten Sinne ist, unverkennbar. Trivial waren der innige Kuß am abfahrbereiten Zug in den Westen, die klischeehaften Dialoge („Ich will, daß der Vater meiner Kinder lebt!“) und die holzschnittartigen Figurenkonstellationen. Wenn der Film trotzdem sehenswert war, lag das an der Regie, die den Schauspielern genügend Freiheit ließ, um aus den hölzernen Vorgaben lebendige Personen zu machen, und an den durchweg großartigen Schauspielern, die diesen Freiraum ausfüllten. Man kann in der Tat einwenden, daß der weltpolitische Rahmen, das „eherne Gesetz“, zu wenig ins Blickfeld kam, aber hier stieß das Prinzip des epischen Erzählens sich an den Grenzen des 90-Minuten-Formats. Peter Keglevic hat es in „Zwei Tage Hoffnung“ mit Dramatik versucht. Diesseits und jenseits der Berliner Sektorengrenze belauern sich Vopos und Reporter vom West-Berliner RIAS. Ein Mann überschreitet nervös die Brücke, Räder kreischen, aus einer schwarzen Stasi-Limousine springt ein Greifkommando, die Aktentasche mit brisantem Material fliegt in die Spree … Sollte heißen: Hier geht es um Geschichte, Staatsaktion, Geheimdienste – um den Kern der Sache! Heraus kam eine Mischung aus „Lindenstraße“ und schlechtem „Tatort“. Berlin gab zwar den Schauplatz ab, doch die Stadt war bloß Pappkulisse. Die Schauspieler mußen in einer düsteren, surrealen Tarkowski-Landschaft agieren, was überzeugt hätte, wenn darin künstlerische Überhöhungen oder symbolische Verschlüsselungen zu entdecken gewesen wären. Es handelte sich aber um ein geschichtliches Niemandsland. Deutlicher läßt sich die Ignoranz des deutschen Gegenwartsfilms gegenüber deutscher Geschichte und Filmtradition kaum darstellen. Nichts war zu sehen von der politischen Ikonographie der fünziger Jahre, nichts zu spüren von dem Geist, den sie transportierte. Die Stalin-Allee war nämlich keine beliebige Baustelle in Ost-Berlin, sondern wurde als Vorgriff auf die sozialistische Utopie geplant und propagiert. Indem die Arbeiter sich ausgerechnet an dieser neuralgischen Stelle auflehnten, führten sie den ganzen utopischen Klimbim ad absurdum. Die Filmemacher hätten aus Frank Beyers „Spur der Steine“ lernen können, wie man selbstbewußte, aufbegehrende Arbeiter darstellt. Wer in einer Diktatur eine spontane Demonstration veranstaltet, der erobert körperlich und akustisch den usurpierten öffentlichen Raum zurück, der unternimmt seine physische und psychische Befreiung und greift bereits dadurch die staatliche Autorität tödlich an. Die Bauarbeiter, die im Film zum Regierungssitz zogen, glichen dagegen erschöpften Kaffeefahrern, die sich durch die Lüneburger Heide zum angekündigten Heidschnuckenessen schleppen. Ein paarmal wurde das RIAS-Logo nachlässig ins Bild gerückt. Was sollte der Zuschauer mit diesem in der Luft hängenden Zitat anfangen? Der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ war ein Nachkriegsmythos in Ost und West. In der DDR wurde er dämonisiert, die Agitationsstreifen zeigten das Gebäude in Berlin-Schöneberg stets nur in Schwarzweiß, in atemlosen Bildern, die mit düster-hämmernder Musik untermalt wurden. Ganz nebenbei: Wurde am 17. Juni nicht auch die rote Fahne vom Brandenburger Tor geholt und durch eine schwarz-rot-goldene ersetzt? Unterm Strich blieb eine Schmonzette, in der die spannendste Frage lautete, mit welchem der beiden verfeindeten Brüder die hübsche Krankenschwester Angelika (Lisa Martinek) am Schluß den Foxtrott tanzen wird: mit Stasi-Wolfgang (Hans-Werner Meyer) oder RIAS-Helmut (Sebastian Koch)? Natürlich entschied sie sich für den RIAS-Mann, aber auch der Stasi-Bruder wurde auf den Pfad der Tugend geführt und Unternehmer in Westdeutschland. Die engagierten Schauspieler wurden darüber genauso verheizt wie der historische Stoff. Die Konzeptlosigkeit des Films hat auch mit der Misere der deutschen Filmfinanzierung zu tun. Am Schluß wurde die Liste der beteiligten, regional verstreuten Studios und Gremien abgespult, die mitfinanziert, mitgeholfen, mitberaten, mitentschieden haben. Wie soll da ein Film aus einem Guß entstehen? Hauptverantwortlich für diese Peinlichkeit waren der WDR und SWR. Wußten wir es doch: Der Westen verzeiht dem Osten den 17. Juni nicht! Szene aus dem in der ARD gezeigten Film „Zwei Tage Hoffnung“: Von der politischen Ikonographie der fünfziger Jahre war nichts zu sehen

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