„Geschichte müssen wir malen“

In der heutigen Kunstferne billigen wir der Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts Klarheit und Aussagekraft zu. Das Gefühl des Verlustes möchte uns schon in bloßer Gegenständlichkeit große Kunst sehen lassen. Eine Ausstellung zu „Piloty und die Historienmalerei“ in der Münchner Neuen Pinakothek gibt Gelegenheit zu einer Betrachtung. Die derzeitige Betonung der Avantgarden, damals eine kleine Schar von Impressionisten, verstellt den Blick auf die große Zahl der gleichzeitig in den Salon-Ausstellungen gefeierten Künstler, die jedoch zum Verständnis ihrer Epoche entscheidend sind. Das Leitmotiv dieser Epoche um die Jahrhundertmitte war das historische Denken, das die Kunst einer Historisierung unterwarf. „Geschichte müssen wir malen, Geschichte ist die Religion unserer Zeit, Geschichte allein ist zeitgemäß“, schrieb damals der Maler Wilhelm von Kaulbach. Schon in den letzten Jahren des Ancien Regime in Frankreich war die Historienmalerei zur dominierenden Gattung aufgestiegen. Jacques-Louis Davids „Schwur der Horatier“ von 1785 leitete eine neue Epoche ein. Jahrzehnte später führten die Nazarener eine idealisierte Vergangenheit in historisierendem Stil vor. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts folgte eine realistische Strömung, die ihren Bildern den Schein einer historischen Authentizität zu verleihen suchte. Mit Hilfe schriftlicher und bildlicher Quellen, im Studium historischer Kostüme und der Sachkultur der Vergangenheit suchte man geschichtliche Ereignisse möglichst genau wiederherzustellen. Beispielhaft wurde hierfür die Historienmalerei Carl Theodor von Pilotys. Sein europaweiter Ruhm begann mit dem 1855 vollendeten Monumentalgemälde „Seni vor der Leiche Wallensteins“, das sein bestes Werk bleiben sollte. Es zeigt die Vergänglichkeit historischer Größe, ein wehmutsvolles Sic transit gloria mundi. Die hagere, in dunkles Samt gehüllte Gestalt des Astrologen Seni steht in versunkener Betrachtung vor der am Boden hingestreckten Leiche seines Feldherrn. Nach dem Greuel der Mordnacht ist Ruhe in das Gemach gekehrt. Nur die aus den Angeln gehobene Tür im Halbdunkel des Hintergrundes bezeugt noch das gewaltsame Vorgehen der Mörder. Bei näherer Betrachtung werden Pilotys Gestaltungsmittel deutlich. Der Raum wird als Bühne verstanden, alles ist überdeutlich auf Aussage hin angeordnet, eine theatralische Lichtführung beleuchtet scheinwerferartig Wallensteins Leiche, seine Hände und das Haupt Senis. Ein Globus mit Sternzeichen symbolisiert den Astrologen. Alle Kerzen eines Silberleuchters sind heruntergebrannt, der gerade erloschenden letzten entglimmt ein flüchtiger Rauchfaden. Eine Fortunafigur in der Bekrönung des Leuchters kehrt dem Toten den Rücken zu. Die nochmalige Erklärung der Szene läßt die Inszenierung des Todes ins Plakative geraten. Senis Trauer verkommt zur Pose. Dem Bild fehlt eine Einheit, die einzelnen Bildteile stehen jeweils für sich und treten nur mittels Posen miteinander in Verbindung. Die Fragmentierung der Malerei hat begonnen. In den folgenden Bildern Pilotys bis zu seinem Tode 1886 verstärken sich die Merkmale dieser Theatralik. Seine Malerei führt ein Potpourri historischer Vorstellungen vor, die in der Ausstellung gezeigt werden: „Der Morgen vor der Schlacht am Weißen Berg“ (1856), „Sängerstreit auf der Wartburg“ (1859), „Nero auf den Trümmern Roms“ (1860), „Wallensteins Zug nach Eger“ (1861/62), „Christoph Kolumbus“ (1865), „Die Ermordung Cäsars“ (1867) und unvollendet „Der Tod Alexander des Großen“ (1886). Berühmt wurde das Riesengemälde der Thusnelda im Triumphzug des Germanicus von 1873/74, ein einziger Theateraufzug, durch Lichtregie rhythmisiert. Die ins Phantastische weisende Wiedergabe der germanischen Kleidung erinnert an Wagner-Inszenierungen. Piloty wird dem Regisseur einer Bühnenaufführung vergleichbar, der Figuren immer wieder umstellt, bis er die endgültige Lösung gefunden hat. In seinen Bildern verschwindet das Individuum hinter dem historischen Gewand. Die Gleichbehandlung aller Details schafft Unruhe, aber keine Prioritäten. Piloty kam über die äußerliche Zusammenstellung von Einzelnen nicht hinaus. Seine Bilder können nicht zur wahren Objektivität vorstoßen, weil sie in der Anekdote verharren. Für die Münchner Kunst des 19. Jahrhunderts bleiben sie ein Scheintriumph. Piloty, „Seni vor der Leiche Wallensteins“ (1855): Die Inszenierung des Todes gerät ins Plakative Die Ausstellung „Großer Auftritt – Carl Theodor von Piloty und die Historienmalerei“ist bis zum 27. Juli in der Neuen Pinakothek, Barer Str. 29, in München täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr, Mi./Do. bis 20 Uhr, zu sehen. Info: 089 / 2 38 05 195

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