Ganz und gar Menschenwerk

Wer weltweit nation building betreibt, sollte sich wenig stens über den Zustand der eigenen Nation im klaren sein. Eine solche Vergewisserung leistet der US-amerikanische Präsident alljährlich in seiner „State of the union“-Ansprache. Das ging diesmal daneben: Die Rede vom Januar hat George W. Bush gerade nachträglich in erhebliche Verlegenheit gebracht. Nun haben sich fünfzig Künstler, 35 Fotografen und 15 Literaten, dem – vordergründig ganz unpolitischen – Auftrag gestellt, ihr Land wenn nicht zu erklären, so doch in den Blick zu rücken, wenn nicht begreiflich, so doch greifbar zu machen. „Visions of Passage“ heißt das Projekt, dessen Ergebnis derzeit als „The American Scene 2000“ im Berliner Martin-Gropius-Bau zu besichtigen ist. Mit „Übergang“ ist der zum dritten Jahrtausend gemeint, an das Dick Allen sein Gedicht „E-Mail to the Year 2099“ richtet. „Diesen ambivalenten Moment“, nennt ihn Arthur Ollman in der Einleitung zum Ausstellungskatalog, „dieses pralle Nicht-Ereignis in einer beschäftigten Welt. Jener Moment, von dem wir zu Unrecht erwarteten, er würde bedeutsam sein. Ein Moment, den wir kaum erkannten, als er dann kam.“ Von Joan Myers‘ sublimen Wind-, Wasser- und Sonnenkraftwerken über Marion Fallers Gärten voller schrillem Kitsch bis zu Bruce Davidons Aufnahmen aus Las Vegas und Susan Meiselas‘ New Yorker Straßenszenen ist die „American Scene“ ganz und gar Menschenwerk: Kein Gott, der nicht längst gesehen hätte, daß es alles andere als gut ward – mögen Gay Block und die Rabbinerin Malka Drucker sich mit ihrer Priesterinnen-Serie noch so sehr bemühen, ihn zurückzurufen. John Pfahls fotogene Müllberge, Gus Fosters Sonnenblumenfelder und abhängenden Schweinekadaver gehören demselben monströsen Kreislauf des Konsums an. In dieser Welt aus Plastik, Stahl und Beton zeugen Mark Kletts Nahaufnahmen von einem rührend kindlichen Schaffensdrang im klitzekleinen Maßstab: Kreideblumen blühen auf einer Staffelei, Blockhütten sind aus abgeleckten Eisstäbchen, Kakteen aus Papier. Die abgebildeten Kinder dagegen sind, wo sie nicht eine geradezu perverse Sehnsucht nach Unschuld erwecken sollen, vollends angepaßte Produkte ihrer Umwelt: Barbiepuppen, die um den Titel einer Schönheitsprinzessin konkurrieren, oder autistische Game-Boy-Spieler. Nicht nur Gott, auch die Literatur scheint aus dieser mißratenen Schöpfung abgedankt zu haben. Dabei sind die Vor-Bilder der amerikanischen Szene vor allem literarische: der Dichter Walt Whitman etwa, dessen ausschweifende, allumfassende Ergüsse vielen als die Begründung einer selbstbewußt demokratischen (Massen-)Kultur gelten, oder auch sein Kollege Allen Ginsberg, der Amerika ein Jahrhundert später verfluchte: „Go fuck yourself with your atom bomb“. Den Titel „The American Scene“ lieferte der Romancier Henry James, der seine unkultivierten Landsleute so sehr verachtet wie bewundert hat, das Format der Dokumentation mit ästhetischem Anspruch beruft sich auf Männer wie den Journalisten James Agee oder den Schriftsteller John Steinbeck. Diese Tradition dient ihren Erben heute als Anlaß, beim lust- und lieblosen Sex über Geldanlagen zu spekulieren. Zu Whitmans Zeiten, nach dem Bürgerkrieg, hätte man Eisenbahnaktien besitzen müssen, sinnt das kaum noch lyrische Ich in Robert Hass‘ „Investment Strategy“, während „sie dabei war, eine Bluse auszuziehen, fast durchsichtig“. Doch was soll’s, die Literatur kommt im Museum sowieso schlecht weg. Sie gilt als privater Zeitvertreib, taugt nicht recht zur öffentlichen Repräsentation. Eine ständige Beschallung wollte man den kulturbeflissenen Besuchern offenbar nicht zumuten. Statt dessen liegen im Gropius-Bau ein paar Ordner mit Kopien der englischen Originaltexte aus, die man sich auch über Kopfhörer vom Autor vorlesen lassen kann, dazu Romane in deutscher Übersetzung, vor allem die von Denis Johnson, den der hiesige Markt gerade entdeckt hat. Was hat nun die Kunst dem Künstlichen zu sagen, und was das Künstliche der Kunst? So akademisch wie diese Frage ist die Sicht der Ausstellungsmacher. Das Konzept entstand an der University of Santa Fe unter Leitung des Direktors der dortigen Scholl of Photography, die Mehrzahl der Beteiligten unterrichtet an verschiedenen Bildungsinstitutionen. Barbara Norfleet klassifiziert ihre Subjekte: als Touristin, Spaziergänger mit Hund, Verwaltungsangestellte, Stadtplaner. Andere sprechen in aller Schrulligkeit für sich selbst: Der Betrachter kann sie als Charaktere oder als Karikaturen wahrnehmen. Städtische Bandenkrieger stellen sich der Kamera in apokalyptischen Posen, auf dem Land pflegt man eine bodenständigere Art von Gewalt und posiert mit erlegtem Rehbock, einen zweiten stolz auf die Brust tätowiert. Lee Friedlander sieht Amerika immer wieder durch Stachel- und Maschendrahtzäune hindurch. Selbst das Auto, mächtigstes Symbol der Freiheit und der Jagd nach dem Glück, ist in seinen Bildern eingesperrt. Daß die Amerikaner trotz allem noch träumen können, verdanken sie Photoshop. Daß sie augenscheinlich kaum noch träumen wollen, verwundert doch. Von den Collagen der Hopi-Indianers Victor Masayesva abgesehen, die Elemente traditioneller und moderner Visionen computergraphisch zusammenbringen, sind die ausgestellten Fotografien zwar manchmal nostalgisch, aber dabei durchweg realistisch. Freilich ist dies der Realismus des Breitwandkinos, dessen Geschehen nie am Bildrand endet. Die Wissenschaft, vom Feuilleton in den letzten zehn Jahren immer wieder zur Sinnstifterin und Weltdeuterin des neuen Zeitalters ausgerufen, darf nicht fehlen, wird aber in ein paar sterilen Labor-Fotos von Catherine Wagner abgehandelt. Stephen Shore interessiert sich für das, was hinter den Kulissen medialer Großereignisse vorgeht: Politische Skandale und patriotische Anlässe verursachen den gleichen Kabelsalat. Die „Szene“ mag vielstimmig sein, wie der Katalog (mit über 300 Seiten und hervorragenden Reproduktionen aller ausgestellten Werke eine durchaus lohnende Anschaffung) immer wieder betont, auf jeden Fall ist sie disparat. Mit kreativem Chaos hat solche Konfusion wenig zu tun, mit Richtungslosigkeit schon eher. The centre cannot hold, prognostizierte William Butler Yeats der Moderne zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Hier zerfällt Amerika in Stämme und in Horden von Vereinzelten, die sich am Wühltisch gegenseitig die Schnäppchen aus der Hand reißen. Zärtlichkeiten kommen nur peripher vor, dort nämlich, wo sie Tabu-Reste brechen: innige Küsse zwischen verrunzelten Alten oder Gleichgeschlechtlichen unterschiedlicher Rasse. Shock and awe, Ehrfurcht ob der überwältigenden Kraft dieser Bilder vermag die Ausstellung nicht auszulösen: aber davon hat die Welt – sogar die amerikanische – in den letzten Monaten und Jahren wahrlich genug gehabt. Dennoch, wer bei 30 Grad im Schatten am Martin-Gropius-Bau vorbeikommt, könnte dümmeres tun, als ein Stündchen oder zwei im kühlen Obergeschoß zu verweilen. Brother Baker, Persimmon Fork, Kentucky, 1999 (fotografiert von Chris Rainier); The Tribe, San Francisco, 1999 (fotografiert von Shelby Lee Adams): Charaktere oder Karikaturen? Pop-up Saguaros, 1999 (fotografiert Mark Klett): Rührend Die Ausstellung ist noch bis zum 24. August im Berliner Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, zu sehen. Tel.: 030 / 2 54 86-0

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles