Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Forschung im Kloster

Im vergangenen Jahr wurde das Geburtshaus des Augustinermönches und Vererbungsforschers Johann Gregor Mendel in Heinzendorf an der Oder im Kuhländchen (Grenze Nordmähren/Österreichisches Schlesien) durch Kauf Eigentum der gleichnamigen Stiftung J. G. Mendel. Diese Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, das Haus umfassend zu sanieren und an diesem Ort sowohl eine Dauerausstellung über den Lebensweg Mendels als auch ein Dokumentationszentrum „Geschichte der böhmischen Länder mit Schwerpunkt Kuhländchen“ einzurichten. Ausgangspunkt und Kernanliegen des Projektes, in dessen Rahmen zudem eine Internationale Begegnungsstätte mit Schwerpunkt Völkerverständigung verwirklicht werden soll, ist es, Mendel als Mittler zwischen Deutschen und Tschechen herauszuarbeiten. Aus diesem Anlaß wurde eine Wanderausstellung über dessen Leben und Werk konzipiert, die soeben im Sudetendeutschen Haus in München zu besichtigen war. Am 22. Juli 1822 wurde Mendel in Heinzendorf als Sproß einer Bauernfamilie geboren. Als einziger männlicher Nachkomme neben zwei Schwestern sollte er eigentlich den Bauernhof seines Vaters übernehmen. Doch auf Zuraten eines Lehrers und eines Pfarrers, die schon früh die schnelle Auffassungsgabe des Knaben und sein besonderes Interesse für naturwissenschaftliche Zusammenhänge erkannten, kam er 1833 versuchsweise zu den Piaristen nach Leipnik, wo er an der dortigen Hauptschule die dritte und vierte Schulklasse mit Erfolg belegte. 1835/36 besuchte Mendel das Gymnasium in Troppau, konnte aber wegen Geldmangels und einer längeren Krankheit zunächst keinen Abschluß erlangen. Den konnte er erst 1841/42 an der Olmützer Philosophie durch die finanzielle Unterstützung seiner inzwischen verheirateten jüngeren Schwester Theresia nachholen. Da jedoch die vorhandenen Mittel die notwendigen Ausgaben, die zur sofortigen Aufnahme eines Studiums notwendig waren, weit überstiegen, entschloß sich Mendel, Ordenspriester zu werden. Im September 1842 trat er in das Brünner Königin-Kloster als Novize ein. Hier erhielt er den Klosternamen Gregor, den Mendel nunmehr neben seinem Geburtsnamen Johann trug. Von 1844 bis 1848 absolvierte er ein Theologiestudium an der Brünner Theologischen Lehranstalt. Zunächst nach Abschluß seines Studiums Seelsorger an der Altbrünner Stiftspfarre, übernahm er im Oktober 1849 einen Gymnasiallehrerposten im südmährischen Znaim, wo er Elementarmathematik und griechische Sprache lehrte. Von 1851 bis 1853 studierte er an gleicher Stelle Mathematik und Naturwissenschaften. Im Augustinerkloster begann er 1856 seine berühmten Kreuzungsforschungen, die er über zwölf Jahre lang fortsetzte. Im Klostergarten wurden zu diesem Zweck ein großes Gewächshaus, ein Dörrhaus und ein Vogelhaus errichtet. Als Kreuzungsobjekte dienten nicht nur Erbsen und Bohnen, sondern auch Akelei, Löwenmaul, Lichtnelke, Marienröschen, Glockenblumen und Mais. Die an Pflanzen gewonnenen Erkenntnisse prüfte Mendel anschließend auch an Bienen nach. Im gleichen Zeitraum hielt er regelmäßige Vorträge im Naturforschenden Verein in Brünn, wo seine Forschungsergebnisse zugleich in der Vereinspublikation abgedruckt wurden. Ferner war Mendel Mitglied der Mährisch-Schlesischen Gesellschaft für Ackerbau, Natur und Länderkunde. Die damit verbundene rege Tätigkeit und persönliche Interessen trugen dazu bei, daß sich Mendel zunehmend auch der meteorologischen Forschung widmete. Einen direkten Anlaß bot eine schwere Verwüstung der Klosteranlagen durch eine Windhose im Jahre 1870. Als Dank für seine wissenschaftlichen Verdienste ernannte ihn Kaiser Franz Josef 1872 zum Comthur des k.u.k. österreichischen Franz-Josef-Ordens. Am 30. März 1868 wurde Mendel Abt des Königin-Klosters. Die Vielzahl der damit verbundenen Verwaltungsaufgaben führte dazu, daß er sich immer weniger seinen Forschungen zuwenden konnte. Zudem war Mendels letztes Lebensjahrzehnt von einem Rechtskampf überschattet, der seine Kräfte außerordentlich beanspruchte: Als Prälat und Vertreter eines beträchtlichen Klostergrundbesitzes hatte sich Mendel der liberalen Verfassungspartei angeschlossen. Gerade diese Partei brachte jedoch 1872 in den Reichsrat den Antrag zu einem „Religionsfondgesetz“ ein, nach dem die Klöster zukünftig Religionssteuer zahlen sollten. Der anschließende langwierige Rechtskampf beanspruchte ihn sehr, so daß er seine Kräfte fast ausschließlich auf diesen Gegenstand konzentrierte. Am 6. Januar 1884 starb Mendel an der Stätte, an der er den überwiegenden Teil seines Lebens verbracht hatte. Heute erinnert in den Räumen der nur unweit des Zentrums der mährischen Hauptstadt gelegenen Klosteranlage eine Ausstellung an seine Verdienste. Weitere Informationen im Internet unter www.mendel-geburtshaus.de

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