Florierender Bedeutungshandel

Eine Tonlage, die das Pathetische auch nur streift, ist unter deutschen Intellektuellen spätestens seit den 1950er Jahren verpönt. Man ist auf „kritisch“ gestimmt. Nichts will daher zum Selbstverständnis „aufgeklärter“ Postmodernisten weniger passen als Feiertagsrhetorik. Um so erstaunlicher ist es, ihr in geballter Form ausgerechnet in einem Sammelwerk über „Kulturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts“ zu begegnen, das Beiträger bestreiten, die der „Flakhelfer“-Generation und ihrer noch stärker durch „’68“ geprägten Schülerschaft angehören. So wird der Herausgeber, der um die Erforschung frühneuzeitlicher Bildungsgeschichte hochverdiente Osnabrücker Germanist Klaus Garber, zum Hymniker, wenn er eingangs die „grandiosen Leistungen“ der Altvorderen rühmt und speziell seinen Fachgenossen, den in Königsberg geborenen Konrad Burdach (1859-1936), zum „größten Kulturhistoriker neben Jacob Burckhardt“ erhebt, „ebenbürtig den Gleichaltrigen“ wie Ernst Troeltsch oder Aby Warburg, und ihn als „universalen Sprach- und Geisteshistoriker“ feiert, den es im 21. Jahrhundert wiederzuentdecken gelte. Mit diesem Lobgesang korreliert der Umfang von Garbers Studie, die mit fünfzig Seiten durchaus als Herzstück einer Sammlung aufzufassen ist, in der den übrigen achtzehn Kulturwissenschaftlern jeweils nicht einmal die Hälfte des Raumes zur Verfügung steht. Manche Großmeister wie der Kunsthistoriker Aby Warburg und der Romanist Ernst Robert Curtius scheinen allein um ihrer Namen willen aufgenommen, denn auch eine Koryphäe wie Martin Warnke vermag auf knappen acht Seiten nichts mitzuteilen, was Warburgs Format in diesem Zusammenhang neu profilieren könnte. Für Johan Huizinga, den niederländischen Autor von Erfolgsbüchern wie „Herbst des Mittelalters“ (1919) oder „Homo ludens“ (1939), die gerade in Deutschland kulturkritische Bedürfnisse in eminenter Weise befriedigten, dürfte man nach Erscheinen von Christoph Strupps Huizinga-Monographie kaum noch Gewinn aus Jan-Dirk Müllers Vortrag ziehen, der wie die meisten der hier abgedruckten Arbeiten den Forschungsstand der neunziger Jahre spiegelt. Viel zu knapp fällt auch das Porträt Erich Auerbachs aus, gerade weil Ulrich Schulz-Buschhaus so emphatisch mit dem Diktum einsetzt, das Werk dieses Marburger Romanisten stelle einen „Höhepunkt“ dar, wie ihn die Geschichte der „akademischen Disziplin Literaturwissenschaft“ nicht wieder erreicht habe. So starke Behauptungen müssen fest untermauert werden, was aber schon deshalb nicht gelingt, weil der enge Raum auch mit viel Unausgegorenem gefüllt wird, denn was kann man sich wohl darunter vorstellen, daß Auerbach Texte in Komponenten zerlege, deren „Charakteristik relational“ erfolge? Bei weitem nicht so unklar, doch in ähnlicher Weise eher auf Spezialfragen fixiert, sind Lothar Knapp, der das Machiavelli-Verständnis des nicht gerade als Kulturhistoriker aufgefallenen politischen Theoretikers Antonio Gramsci analysiert, und Michael Nerlich, dem die Curtius-Kritik des außerhalb Italiens vornehmlich als Verfasser von „Der Name der Rose“ bekannt gewordenen Literaturwissenschaftlers Umberto Eco zur Attacke auf Curtius, einen „deutschen Großordinarius“ und seine „faschistischen“ Affinitäten gerät. Um wie viel präziser geraten hingegen die Skizzen, in denen Martin Dinges und Wilhelm Voßkamp das Lebenswerk von Philippe Ariès bzw. Norbert Elias umreißen. Der französische „Pionier der Mentalitätsgeschichte“, der den Wandel der Einstellungen zum Kind untersuchte, und der aus Breslau stammende Soziologe, der den „Prozeß der Zivilisation“ an der Veränderung der Tischsitten zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert abliest, waren gleichermaßen am Wechselverhältnis von Individuum und Gesellschaft interessiert. Doch weder sie noch ihre beide Interpreten erklären, wie diese „Verflechtungsordnung“ zwischen Psychogenese und Soziogenese funktioniert, wie „kollektive Mentalitäten“ individuelles Verhalten steuern. Voßkamp versucht immerhin eine Antwort mit kommunikationstheoretischen Mitteln, bleibt dann aber in – freilich faszinierenden – Problemen stecken: Wie läßt sich die „Ausrichtung des eigenen Lebens am Gelesenen“ erklären, die „abendländische Buchkultur“, die nach Gutenbergs Erfindung einsetzt? Und was folgt der tradierten „Orientierung an gelesenen Ideen“, welche Verhaltensänderungen stehen 500 Jahre nach Gutenberg bevor, mitten im ähnlich revolutionären Medienwandel unserer Tage? Voßkamps Aporien scheinen symptomatisch. Nichts fällt Kulturwissenschaftlern anscheinend so schwer wie eine Klärung dessen, was „Kultur“ sein könnte. Huizinga wird attestiert, seine „methodologische Basis“ sei wohl „etwas schmal“ gewesen. Alfred von Martins ganze Kulturtheorie hängt an nebulösen „ewigen Werten“. Ariès zeige gravierende „konzeptuelle Unschärfen“, während das „Theoriedesign“ des Germanisten Josef Nadler (1884-1963), der, wie Wolfgang Neuber meint, mit seiner „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ ohnehin einem latenten Rassismus huldige, mit unhaltbaren Konstruktionen operiere. Der Brite Raymond Williams, den Wolfgang Karrer vorstellt, definiere Kultur als „komplexes soziales Aushandeln von Bedeutungen“, was aber bereits von Michael M. Bachtin gesehen und vielleicht präziser beschrieben worden sei. Der Respekt vor dem gewaltigen Werk Konrad Burdachs hat Garber vermutlich gehindert, ähnliche theoretische Defizite aufzuzeigen. Daß bei Burdach, in Abgrenzung zum philologischen Purismus seiner Fachkollegen, Germanistik als literarische „Kulturraumkunde“ konzipiert wurde, mag als verdienstvolle disziplinäre Horizonterweiterung verbucht werden. Doch welchen außerfachlichen Orientierungswert hat das zu Burdachs Zeiten erbracht? Und was ermutigt zu der von Garber angemahnten Wiederaneignung solcher Raumkunde, die doch nicht nur für Marxisten kaum mehr als eine Trivialität entdeckt zu haben scheint, nämlich das „materielle Substrat geistiger Bewegungen“, die sich stets an geographischen Orten, Produktionsstätten, in konkreten sozialen Trägerschichten realisieren? Welchen Einfluß auf unsere kulturellen Vorstellungen hätte die Besinnung auf jene von Burdach nachgezeichneten „Communicationslinien“ zwischen den im 14. Jahrhundert florierenden „Weltmärkten des Geistes“ in Florenz oder Paris und den deutschen „Culturherden“ in Nürnberg und Prag? Steckt da mehr drin als positivistische Rezeptionsforschung? Wird das europäische Selbstverständnis im Medienwandel des 21. Jahrhunderts wirklich noch vom Wissen um kulturelle Einflüsse wie die Ablösung von Verhaltensstandards im Übergang vom Mittelalter zu Renaissance und Reformation tangiert? Dem verständlichen Enthusiasmus Garbers und vieler seiner Beiträger, eine vor allem in Deutschland halb vergessene kulturwissenschaftliche Tradition ans Licht bringen zu dürfen, geraten Fragen nach deren aktueller Relevanz leider etwas aus dem Blick. Inneres einer Druckerei, Matthäus Merian 1632: Culturherde und Weltmärkte des Geistes Klaus Garber, Sabine Kleymann (Hrsg.): Kulturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Ihr Werk im Blick auf das Europa der Frühen Neuzeit. Wilhelm Fink Verlag, München 2002, gebunden, 390 Seiten, 44,90 Euro

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