Joachim Kuhs

 

Faule Kompromisse

Der Streit um den Neubau des zentralen Universitätsgeländes in Leipzig und den möglichen Wiederaufbau der Paulinerkirche geht in eine neue Runde. Gerade erst vor drei Wochen hatte die Entscheidung des Sächsischen Kabinetts, die Fläche des Campus, auf dem sich bis 1968 das abgerissene Gotteshaus befand, im Zuge des geplanten Umbaus des Geländes zunächst freizuhalten, zum Rücktritt des Rektors Volker Bigl und dreier Prorektoren geführt. Durch die Dresdener Entscheidung wurde die Möglichkeit für die Ausschreibung eines neuen Architektenwettbewerbs und damit auch zu einem originalgetreuen Wiederaufbau des Gotteshauses ermöglicht, auch wenn ein solcher damit nicht zwangsläufig verbunden war. Nun gaben jedoch am Dienstag vergangener Woche nach einer fast dreistündigen Debatte zwischen dem sächsischen Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU), Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Universitäts-Prorektor Franz Häußler die Teilnehmer bekannt, daß ein „Kompromiß“ zwischen den Parteien geschlossen worden sei. In diesem wird nun doch von der Umsetzung des von der Universitätsleitung befürworteten Modells der Architekten Behet und Bondzio ausgegangen, das lediglich den ehemaligen Kirchenbereich durch eine abweichende Fassadengestaltung hervorhebt. Zudem einigten sich die Parteien darauf, keinen neuen Architektenwettbewerb zu veranstalten, da dieser die Fertigstellung des zentralen Universitätskomplexes bis 2009 nahezu unmöglich mache. Inzwischen hat jedoch Ministerpräsident Georg Milbradt in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung vom 24. Februar die Äußerungen von Rößler teilweise wieder revidiert: An den Aussagen des Kabinettsbeschlusses habe sich „nichts geändert“, so Milbradt. Nach wie vor wolle die Staatsregierung den Wiederaufbau des Gotteshauses und biete dafür der Universität Hilfe „bis zu einem möglichen Grundstückstausch“ an. Nicht akzeptabel sei jedoch der aktuelle Plan der Leipziger Alma Mater, lediglich „eine Betecke in einem Funktionsgebäude“ einzurichten. Zu den zumindest teilweise widersprüchlichen Aussagen der sächsischen Landesregierung nahm die derzeitige Leipziger Universitätsleitung eindeutig Stellung. Prorektor Häuser betonte erneut, daß man sich „unter keinen Umständen“ von dem Grundstück, auf dem bis 1968 die Kirche stand, trennen werde. Ebenso werde die Universitätsleitung keinem Plan zur originalgetreuen Rekonstruktion zustimmen. So ein Bau sei im Gesamtprojekt des Campus für eine Universität des 21. Jahrhunderts „nicht zu realisieren“. Unterstützung für diese Auffassungen erhielt Häuser von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), dem Organ von derzeit über 260 Universitäten und Hochschulen, und der Leitung der Evangelischen Landeskirche des Freistaates Sachsen. Während die HRK vor allem auf die „Rechtsposition“ der Universität hinweist, bewegen sich die Argumente des Landeskirchenrates, ähnlich wie die des Prorektors, in erster Linie auf städtebaulich-ästhetischem Gebiet. So wies die Rektorenkonferenz darauf hin, daß nach ihrer Auffassung die sächsische Landesregierung mit der Anerkennung des Körperschaftsvermögens der Universität im Oktober 2000 auf jede Einspruchsmöglichkeit hinsichtlich der Neugestaltung des Geländes verzichtet habe, um im Gegenzug ein von der Universität gegen den Freistaat Sachsen eingeleitetes Gerichtsverfahren wegen des einseitigen Verkaufes des benachbarten Universitäts-Hochhauses an den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) durch das Land zu beenden. Oberlandeskirchenrat Peter Nötzold ließ verlauten, daß in dem alten Entwurf zur Neugestaltung des Universitätsgeländes die Forderung nach einem „Raum für Gottesdienste“ bereits berücksichtigt worden sei. Für eine moderne Form des Gedenkens und Studierens brauche man „nicht unbedingt eine mittelalterliche Kirche“. Eine gotische Kirche passe nach seiner Auffassung stilistisch nicht nur schlecht zu einem modernen Universitätskomplex, sondern auch zur sonstigen architektonischen Gestaltung des Augustusplatzes. Erstaunlicherweise ist indes von dem einzigen kompromißlosen Befürworter eines originalgetreuen Wiederaufbaus, dem Paulinerverein e.V. unter seinem Vorsitzenden Günter Blobel, nur sehr wenig zu hören, obwohl er – der kaum einmal zu Gesprächsrunden eingeladen wird – immer wieder im Mittelpunkt der Debatten steht; und sei es darum, um ihn als eigentlichen „Störenfried“ darzustellen. Gerade in der gegenwärtigen Situation wirkt die Öffentlichkeitsarbeit des Vereines sehr dürftig. So stammen die letzten Mitteilungen auf seiner Internetseite von Dezember vergangenen Jahres. Immerhin: Zumindest ein Ball wurde dem Verein von einem Kritiker der Haltung der Universitätsleitung Anfang Februar mit einer in der Presse veröffentlichten E-Mail zugespielt, die schnell für Aufregung sorgte. Darin heißt es, der damalige Uni-Rektor Bigl habe schon vor der Ausschreibung des Architektenwettbewerbes von 1999 einer Berliner Immobiliengesellschaft große Flächen des Universitätsgeländes für kommerzielle Zwecke verpachtet. So sei Bigl bereits zu diesem Zeitpunkt in einer Art und Weise gebunden gewesen, die eine Befürwortung eines Wiederaufbaus durch die Universität nahezu kategorisch ausschloß. Nach einer Prüfung des Sachverhalts konterte jetzt die Uni-Leitung, daß es sich bei dieser Absprache nur um eine Absichtserklärung und nicht um einen rechtsgültigen Vertrag handele.

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