Joachim Kuhs

 

Erfolgreicher Quellenfälscher

In seinem Leben ging es selten geradeaus. Hermann Rauschning kam 1887 in Thorn zur Welt und wollte der Familientradition folgend eigentlich Berufsoffzier werden, was an einer Krankheit scheiterte. Er schlug dann eine Laufbahn als Musikwissenschaftler ein, der spätere Stationen als Gutsbesitzer, Funktionär und Politiker folgten. Sein Weg führte ihn vom Geburtsort über Posen nach Danzig, zurück ins inzwischen polnisch gewordene Thorn in die Emigration, dann nach Frankreich, England und in die USA, in der Nachkriegszeit zurück nach Deutschland und nach dem Scheitern des politischen Neubeginns in der Bundesrepublik wieder in die USA, wo er hochbetagt verstarb. Er verstand sich als Preuße und bemühte sich nach 1919 erfolglos um die polnische Staatsangehörigkeit. Er gab dann seine deutsche Staatsbürgerschaft zurück, um mit beträchtlichem finanziellen Aufwand die Danziger zu erwerben und wurde 1941 schließlich US-Amerikaner, was ihn später nicht daran hinderte, gegen Adenauers Politik der Westintegration zu polemisieren und zu diesem Zweck ein von der DDR finanziertes Blatt zu seinem publizistischen Sprachrohr zu machen.

Rauschning plädierte nach 1918 energisch für ein Ausharren der Deutschen unter polnischer Herrschaft in Westpreußen und Posen, ging nach einiger Zeit aber selbst nach Danzig. Dort beschrieb er unter der Zensur des Auswärtigen Amts die "Entdeutschung Westpreußens". Er trat der Deutschnationalen Volkspartei bei, verließ sie wieder in Richtung NSDAP, betrieb jedoch als NS-Senatspräsident eine Politik, die selbst von örtlichen Sozialdemokraten als Ausverkauf deutscher Interessen an Polen gewertet wurde. Dementsprechend unterhielt er so gute Beziehungen nach Warschau, daß er später seine Flucht aus Danzig im polnischen Diplomatenwagen antreten konnte.

Kurz gesagt, Rauschning ist eine schillernde Figur der deutschen Zeitgeschichte und wäre jene Biographie allemal wert, zu der Jürgen Hensel und Pia Nordblom einen anregenden Beitrag liefern wollen. Dazu haben sie eine Sammlung mit acht Beiträgen zusammengestellt, die sich den wechselnden Stationen und Aktivitäten Rauschnings widmen. Von seiner Arbeit als Musikwissenschaftler, seinen Versuchen in der deutschen Kulturpolitik in der neuentstandenen polnischen Republiknach 1919 und seiner Haltung gegenüber den jüdischen Einwohnern während seiner Danziger Präsidentschaft als Nationalsozialist ist die Rede, ebenso von den intellektuellen Grundlagen seiner späteren NS-Kritik oder den politischen Aktivitäten zwischen 1935 und 1939.

Das liest sich durchaus mit Gewinn. Weniger überzeugend ist dagegen Pia Nordbloms Versuch, nebenbei eine Ehrenrettung für Rauschnings "Gespräche mit Hitler" zu liefern, die politisch vielleicht einflußreichste Quellenfälschung des 20. Jahrhunderts, von der auch der Autor später selbst privat eingestanden hat, er habe kein "authentisches Material" liefern wollen. Öffentlich schwieg er allerdings zeitlebens, auch als von manchen Historikern die "Gespräche" als Quelle mit "Mein Kampf" oder Hitlers "Zweitem Buch" in einer Reihe genannt wurden. Nordblom kommt vor diesem Hintergrund nicht ohne Verrenkungen aus, wenn sie es anders deuten will.

Schon der Titel ihres Beitrags macht das deutlich: "Wider die These von der bewußten Fälschung" ist ein Widerspruch in sich, denn unbewußt läßt sich weder lügen noch fälschen. Unbewußt kann man sich allenfalls irren. Rauschning aber "irrte" sich bewußt. Die "Gespräche mit Hitler" waren von vornherein auf den publizistischen Knalleffekt berechnet, als sie im Winter 1939 mit aktiver Unterstützung der französischen Regierung erschienen, die sich im Krieg mit Deutschland befand. Sie wurden zu einer Hauptwaffe alliierter Propaganda jener Zeit, waren deshalb bewußt geschrieben, um den von Deutschland angebotenen Kompromißfrieden psychologisch zu erschweren, und machten ihren Autor mit einem Schlag weltberühmt – und reich.

Genau zu diesem Zweck hatte Rauschning jene Zitate verfaßt, die für die breite Öffentlichkeit den Reiz des Buchs ausmachten. Sie waren aus der Luft gegriffen. Es gab nur sehr wenige Begegnungen Rauschnings mit Hitler. Es fehlen Indizien dafür, daß es auch nur ein einziges längeres oder gar programmatisches Gespräch zwischen beiden gegeben haben könnte. Anderslautende Behauptungen Rauschnings waren offenbar bloße Schutzbehauptungen, die auf unmittelbar nach der Veröffentlichung auch aus Emigrantenkreisen laut werdende Kritik reagierten. Was er in seiner Darstellung wirklich bot, war eine Kolportage aus aufgeschnappten und frei erfundenen Äußerungen Hitlers.

Die von Nordblom als Beleg für Seriosität gewählten Beispiele zeigen beiläufig, wie willkürlich Rauschning vorging. So hatte er 1937 gegenüber einem Journalisten behauptet, Hitler habe im Frühjahr 1933 davon gesprochen, er würde die katholische Kirche im Konfliktfall "lächerlich machen". In den "Gesprächen" machte Rauschning daraus, die Katholiken sollten gegebenenfalls "zu Verbrechern gestempelt" werden. Nordblom schließt aus dieser Passage erstaunlicherweise auf "inhaltliche Homogenität" beider Texte, aus denen doch bestenfalls hervorgeht, daß Rauschning sich bereits zwei Jahre vor Erscheinen der "Gespräche" als Hitler-Kenner ausgegeben hatte und seine angeblichen Hitler-Zitate tatsächlich je nach Bedarf verfremdete. Er hatte durchaus Grund, sich nach Theodor Schieders Kritik "entlarvt" zu fühlen. Das macht ihn als Person der Zeitgeschichte nicht weniger interessant. Die "Gespräche" sollten für Historiker allerdings dort bleiben, wo sie Ian Kershaw bei der Arbeit an seiner Hitler-Biographie abgelegt hat: unberücksichtigt im Regal.

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