Joachim Kuhs

 

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„Lux Aeterna“ heißt das neue Werk des 1947 geborenen norwegischen Gitarristen Terje Rypdal, das bei dem Münchner Musikverlag ECM Records erschienen ist. Mit seinen wildromantischen, sphärischen Klängen begründete Rypdal in den siebziger Jahren so etwas wie einen zeitgenössischen Impressionismus im Jazz. Völlig untypisch ist Rypdals musikalische Karriere. Er kam ursprünglich vom Rock, mit dessen Ästhetik er als Jazzmusiker keineswegs brach. So gelang es ihm, den Rock für das kammermusikalische Format fruchtbar zu machen. Die musikalische Sprache von Rypdals bisherigen Alben ist durch eine Melange aus rockigen, jazzigen, elegischen und auch klassisch- modernen Tönen charakterisiert. „Lux Aeterna“, das nach den Worten von Rypdal auch durch den österreichischen Komponisten ungarischer Herkunft György Ligeti inspiriert wurde, entzieht sich jedem Versuch einer Kategorisierung. Das Album ist eine aus fünf Sätzen bestehende spannungsreiche Suite, die Klassik- wie Jazzhörer gleichermaßen gefangen nehmen dürfte. Für jazzige Akzente sorgt vor allem der Trompeter Palle Mikkelborg. Rypdal selbst glänzt – wie auf seinen Alben „Descendre“, „Whenever I seem to be far away“ oder „Waves“ – durch sphärische Klanglandschaften von teilweise glasklarer Schönheit. Iver Kleive, der hier auf einer Kirchenorgel spielt, für deren Inauguration diese Auftragskompositionen von Rypdal erarbeitet wurde, zieht alle Register seines Erfahrungsschatzes als Kirchenmusiker. Den kammermusikalischen Rahmen steckt schließlich Kjell Seim mit seinem Bergen Chamber Ensemble ab. Die ungewöhnliche musikalische Dichte dieses Album hebt es aus der Masse der Novitäten weit heraus. Eine Radiosendung mit Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt motivierte den Produzenten Manfred Eicher seinerzeit, eine neue Reihe zu eröffnen: die „ECM New Series“. In diesem Segment wurde seit den achtziger Jahren vor allem grenzüberschreitende Musik veröffentlicht, die eine Brücke zwischen Alter und Neuer bzw. zwischen U- und E-Musik zu schlagen versuchte. Pärt soll an dieser Stelle wieder die Aufmerksamkeit gelten, ist doch hier mit „Orient Occident“ (ECM New Series 1795) eine neue Einspielung des Komponisten anzuzeigen. Pärts Streben gilt insbesondere der „schönen“ bzw. „stillen“ Musik. Die Werke von „Orient Occident“ sind durch eine zunehmende „Komplexität des Einfachen“ gekennzeichnet. Sowohl beim eröffnenden „Wallfahrtslied“ als auch bei dem Stück „Come cierva sedienta“ ist an die Stelle des strengen, „mönchischen“ Tonfalls ein deutlich differenzierteres Klangbild getreten. In „Come cierva sedienta“ werden die Stimmen des Frauenchores ähnlich wie im „Wallfahrtslied“ von einem – in diesem Fall großen – Orchester umspielt. Allerdings ist auch ein Komponist von Range eines Arvo Pärt nicht vor dem Abgleiten in das Kitschige gefeit. Pointillistische Streicherklänge und Flötentriller, dumpfe Trommelschläge, dazu ätherische Frauenstimmen: hier entfaltet sich eine Süßlichkeit, die so von Pärt bisher nicht zu hören war. Daß Pärts Musik, ihr religiöser Anspruch und ihre meditative Grundhaltung Bedürfnisse befriedigt, die der heutigen musikalischen Avantgarde nichts oder wenig bedeuten, ist offensichtlich. Freilich ist vor allem aber auch die christliche Musik nicht nur durch die Klage gekennzeichnet, sondern auch durch Freude und Jubel. Diese Aspekte christlicher Musik sucht der Hörer bei Pärt vergeblich. „Die Wahrheit ist schon längst formuliert worden, nur unsere fühllosen Augen und Ohren verlangen eine moderne Explosion“, meinte Pärt einmal. Dessenungeachtet bleibt auch „Orient Occident“ ein hörenswertes Album, daß durch seine Expressivität und Intensität besticht.

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