Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Einem Volk fehlen die Worte

Ein Volk, das seine eigene Sprache verlernt, gibt sein Stimmrecht in der Menschheit auf und ist zur stummen Rolle auf der Völkerbühne verwiesen.“ Der Erzieher Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) hat damals sicher nicht an das heutige Deutschland gedacht, und doch kennzeichnet seine Aussage sehr treffend die augenblickliche Lage. Seit langem beschädigen angebliche Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur immer wieder die deutsche Sprache. Ausdrucksfähigkeit, einwandfreie Grammatik und fehlerfreies Schreiben und die damit verbundenen Regeln wurden häufig als Hindernis für die freie Entfaltung des Individuums gebrandmarkt. Sprachliche Fehler werden hingenommen, ja nicht einmal mehr korrigiert, wenn auf sie aufmerksam gemacht wird. So hören wir dann eben jeden Abend: „Das Wetter präsentierte Ihnen die Dresdner Bank.“ In Deutschland liegt der Anteil des Unterrichts in der Landessprache weit unter dem europäischen Durchschnitt (16 statt 20 Prozent). Nach dem Pisa-Schock war dann das Geschrei groß, wobei eine für das schlechte Abschneiden verantwortliche Gruppe sich besonders laut zu Wort meldete und über Verbesserungen palaverte: die Kultusminister, die mit ihrer gegen den Willen des Sprachvolkes durchgesetzten sogenannten Rechtschreibreform die Einheitlichkeit der Schriftsprache zerstört haben. Gefahr droht der deutschen Sprache zunehmend von der Durchmischung mit englischen Wort- und Satzfetzen. Ein kleines Beispiel gefällig? „Wenn die Top-Shops ihre Eröffnung als Event in Auftrag geben, dann organisieren wir die good-looking crowd. Die Leute wollen doch coverage und eine gewisse awareness, denn das bringt ’ne Menge mileage.“ Dieser von der Beraterin Alexandra von Rehlingen stammende Sprachmüll gehört mittlerweile schon zum guten Ton in Wirtschaft und Marketing. Der Universalgelehrte Philipp Melanchthon (1497-1560), der Martin Luther zur Übersetzung der Bibel ins Deutsche anregte und ihn dabei unterstützte, hätte dieses Sprachgebaren vornehmer, aber nicht weniger vernichtend kritisiert. Für ihn war eine verwilderte Sprache nichts anderes als der Ausdruck eines chaotischen Denkens. Gerade die einfallslosesten Werbeleute halten sich für besonders kreativ, wenn sie ihre sinnleeren Sprüche mit Englisch bemänteln. Selbst kleine Geschäfte in entlegenen Gebieten meinen, auf englisch firmieren und werben zu müssen. Gerechtfertigt wird das mit dem Hinweis auf Internationalisierung und Globalisierung. Wirklich internationale Unternehmen kennen die Parole „All business is local“. Diese Denkweise hat auch Siemens verinnerlicht: Für Werbesprüche wird in Spanien die spanische, in Frankreich die französische Sprache verwendet. Und in Deutschland selbstverständlich – die englische. Es sind gerade die großen Firmen, die Deutsch aus den Unternehmen verbannen und Englisch als Konzernsprache einführen. So erscheint es nur folgerichtig, wenn maßgebliche Männer aus der Wirtschaft fordern, Englisch bis zum Jahr 2010 als zweite Amtssprache einzuführen. Originalton einer für Milliardenverluste verantwortlichen Führungskraft: „The Deutsche Bank is not a German bank.“ Sehr gern bedienen sich unsere Politiker eines deutsch-englischen Kauderwelschs, auch Engleutsch oder Denglisch genannt. Gerade ihnen bietet sich die großartige Gelegenheit, die Dürftigkeit von Gedanken und aufgeschwatzten Konzepten mit englischen Worthülsen zu kaschieren: Gender Main-streaming, Cross Border Leasing, Name Game, Girls‘ Day usw. Reihenweise werden griffige deutsche Wörter durch Anglizismen oder durch hausgemachte englischklingende Wortschöpfungen („Handy“) ersetzt. Während früher das Sprachverhalten der oberen Gesellschaftsschichten in der Regel auf ihre Zirkel begrenzt blieb, wird über die heutigen Medien in Sekundenschnelle selbst der dümmlichste Anglizismus bis in den letzten Winkel verbreitet und von sich modern gebenden Menschen nachgeplappert. Noch lehnt die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes ein deutsch-englisches Kauderwelsch ab. In nahezu jeder repräsentativen Befragung äußern sich die Bundesbürger mehrheitlich ablehnend zur Überfremdung ihrer Muttersprache. Um diesen Menschen das Gefühl zu vermitteln, daß sie mit ihrer Ablehnung nicht alleingelassen sind, tritt seit drei Jahren jeweils am zweiten Samstag im September der Verein Deutsche Sprache (VDS) in ganz Deutschland mit Informationsständen, Vorträgen, Dichterlesungen und vielem mehr an die Öffentlichkeit. Der Tag der deutschen Sprache ist nicht einfach einer der unzähligen Aktionstage. Vielmehr werden mit dem Gedenktag längerfristige Ziele verfolgt. Erstens: Die deutschsprachige Gemeinschaft soll auf breiter Front dafür gewonnen werden, die Schönheit und Ausdruckskraft der deutschen Sprache zu erkennen und zu festigen. Zweitens: Der Überflutung mit Anglizismen soll Einhalt geboten werden. Dazu müssen die vorhandenen deutschen Begriffe einer breiten Öffentlichkeit bewußt gemacht werden. Drittens: Die starke Bedeutung guter muttersprachlicher Kenntnisse für die internationale Wettbewerbsfähigkeit soll hervorgehoben werden (Pisa-Studie 2002). Viertens: Der Wille zur Verständlichkeit in Schrift und Sprache soll bei den Deutschsprachigen dauerhaft verankert werden. Fünftens: Die Wertschätzung für die deutsche Sprache soll gesteigert werden. Nur so wird sie im Ausland, besonders in der Europäischen Union, ernst genommen. Zur Erreichung dieser Ziele werden auch konkrete Maßnahmen vorgeschlagen: Die schulpolitisch Verantwortlichen werden aufgefordert, den Deutschunterricht an den Schulen auf europäisches Niveau anzuheben; im Musikunterricht und bei Schulkonzerten sollen überwiegend deutschsprachige Lieder eingeübt beziehungsweise aufgeführt werden; innerhalb der EU soll Deutsch als dritte Arbeitssprache neben Englisch und Französisch verankert werden. Die größte Sprachgemeinschaft Europas spielt derzeit in den Gremien der EU kaum eine Rolle, was zu wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Nachteilen für die deutschsprachigen Länder führt. Damit sich dieser Zustand ändert, beginnt am Tag der deutschen Sprache eine Unterschriftensammlung. Jeder kann im Vorfeld der im Jahr 2004 stattfindenden Europawahlen mit seiner Unterschrift fordern, daß die deutsche Sprache in den europäischen Institutionen gleichberechtigt neben Englisch und Französisch verwendet wird. Bleibt der gegenwärtige unbefriedigende Zustand erhalten, dann droht Friedrich Ludwig Jahns Aussage auf Dauer Wirklichkeit zu werden: Deutschland als stummer Zahlmeister auf der europäischen Völkerbühne. Prof. Dr. Hans-Manfred Niedetzky lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim und ist 1. Vorsitzender des Vereins für Sprachpflege. Der VfS ist Herausgeber der vierteljährlich in Erlangen erscheinenden Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ (Internet: www.deutsche-sprachwelt.de ).

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