Ein weiter Horizont

Seit einem Jahr ist die Landschaft der französischen Geschichtsmagazine um ein bedeutendes Qualitätsblatt bereichert: La Nouvelle Revue d’Histoire. Herausgegeben wird sie von dem auch in Deutschland bekannten Historiker Dominique Venner, der dem Umfeld der französischen Nouvelle Droite („Neuen Rechten“) zuzurechnen ist und sehr beachtete Werke, etwa über die deutschen Freikorps, die französische Kollaboration oder die Résistance veröffentlicht hat. Doch seine Zeitschrift läßt sich nicht im engeren Sinne auf die Ideen der Nouvelle Droite begrenzen, die seit langem für ihr breites Spektrum an anspruchsvollen Publikationen bekannt ist. Venners Nouvelle Revue d’Histoire geht auf die Bedürfnisse der „Mitte der Gesellschaft“ ein, und das tut sie auf einem hohen Niveau. Die Themenauswahl offenbart ein großzügiges Denken und einen weiten Horizont. Alles hält sich entfernt von doktrinärer Enge und verrät dennoch auf jeder Seite seinen geistigen Ursprung. Das Spektrum der neuesten Nummer reicht vom alten konstantinischen Rom zwischen Heiden und Christen über den Schlächter der Vendée, Jean-Baptiste Carrier, bis zu zeitgeschichtlichen Themen. Das geistige Feld umfaßt Betrachtungen von Fustel de Coulanges als einen der Väter der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung und Gegenspieler des deutschen Historikers Theodor Mommsen und mündet in einer furiosen Kritik der neuen Geopolitik des amerikanischen Imperiums. Auch hier offenbart sich der Unterschied zwischen französischer und deutscher Herangehensweise an historische Probleme daran, daß die Geopolitik jenseits des Rheins niemals eine in Verruf geratene Disziplin war. Die Probleme der Dritten Welt werden in dieser Nummer ebenfalls eingehend behandelt – ein Themenkreis, den die deutsche Rechte gern umschifft oder auf das Immigrationsproblem reduziert und über den Alain de Benoist bereits vor Jahren ein lesenswertes Buch geschrieben hat, das bezeichnenderweise nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Auch deutsche Themen spielen eine Rolle: François de Crécy beleuchtet die Zeit Wagners in Venedig. Sehr beachtlich ist das mehrseitige Interview Dominique Venners mit dem deutschen Historiker Ernst Nolte, das auch ein Schlaglicht auf Noltes persönliche Motivation wirft. Die Kernthemen der Nouvelle Revue d’Histoire, die vom Umfang etwa die Hälfte eines jeden Heftes ausmachen, waren bisher: „5000 Jahre europäische Zivilisation“, „Das amerikanische Empire“, „Rußland und Europa“, „1942 – Das Jahr der Wende“ und der Islam. Das Kernthema der aktuellen Ausgabe bildet der italienische Faschismus und seine Zeit. Schon die erste Seite des Dossiers über den italienischen Faschismus ist ein kleiner Geniestreich des Überraschungseffekts: Sie beginnt nämlich mit einer Abbildung des deutschen Modeschöpfers Karl Lagerfeld, dem selbsternannten „Autofaschisten“, und untersucht davon ausgehend die wundersamen Schicksale und Verwendungsformen des Begriffs „Faschist“ und „Faschismus“. Welcher deutsche Publizist besäße die dafür notwendige Nonchalance? Emilio Gentile, der wohl bedeutendste Kenner des italienischen Faschismus, steht Venner für ein Interview zur Verfügung, aber auch die Bedeutung des verstorbenen großen Mussolini-Biographen Renzo de Felice wird gewürdigt. Die Vorläuferbewegungen des Faschismus in den Jahren zwischen 1919 und 1922, aus denen Benito Mussolini hervorgegangen ist, scheinen auch für Historiker noch einige Überraschungen zu bergen. Venner untersucht sie in einem sehr aufschlußreichen längeren Artikel. Wenig bekannte Episoden wie die Ermordung des letzten Oppositionschefs Giacomo Matteotti oder Untersuchungen über die intellektuellen Ursprünge des Faschismus runden das Dossier ab. Ins Gedächtnis gerufen wird auch die Tatsache, daß der italienische Faschismus nicht nur für die äußerste Rechte in Europa eine starke Anziehungskraft ausübte, sondern auch weit in das Bürgertum und die Linke hinein auf Begeisterung stieß. Das Rätselraten der Kommunistischen Internationalen, wie das Phänomen Faschismus einzuordnen sei, spricht ebenso Bände wie die Tatsache, daß Winston Churchill anläßlich seines Rom-Besuchs 1927 Mussolini als „den größten lebenden Gesetzgeber“ bezeichnete. Churchill: „Wenn ich Italiener wäre, ich bin sicher, daß ich Mussolini vom Anfang bis zum Ende unterstützt hätte.“ Daß er es nicht war, haben die Italiener später zu spüren bekommen. Die Nouvelle Revue d’Histoire ist eine Zeitschrift, bei deren Lektüre das leise deutsche Stöhnen zu vernehmen sein wird: „Ach, hätten wir so etwas doch auch!“ La Nouvelle Revue d’Histoire, 88, avenue des Ternes, F-75017 Paris. Abonnement: 39 Euro pro Jahr (6 Ausgaben). Einzelheft (incl. 4,50 Euro Porto) 10,50 Euro

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