Ein Kaiser auf Abruf

War es Vorahnung? Oder paarte sich der Blick des Menschenkenners mit dem instinktiven Verständnis für die psychosomatische Medizin? Jedenfalls sagte Fürst Bismarck im Juli 1882 einem Vertrauten, auf einen langlebigen Kaiser könne ein kurzlebiger folgen, und er hätte das Gefühl, als ob dies bei dem jetzigen Thronfolger der Fall wäre. Kronprinz Friedrich war zu diesem Zeitpunkt 50 Jahre alt, sein Vater, Kaiser Wilhelm I., schon 85. Fast sechs Jahre hatte der rüstige Greis noch vor sich. Wilhelms Langlebigkeit verdammte den Sohn dazu, seine besten Jahre zu verwarten. Friedrich wurden liberale Neigungen nachgesagt, die der autoritären Innenpolitik Bismarcks entgegenstanden. Mit seiner selbstbewußten Frau, der englischen Prinzessin Victoria („Vicky“), so wurde gehofft oder gefürchtet, plane er die Umwandlung des deutschen Kaiserreichs in eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild. Bei seinen Gegnern galt er als schwächlich und unsicher. Das Gefühl anhaltender Macht- und Ausweglosigkeit ließ ihn zudem hypochondrisch und depressiv werden. Als Wilhelm I. am 9. März 1888 starb und sein Sohn als Friedrich III. endlich Deutscher Kaiser und König von Preußen wurde, war er unheilbar an Kehlkopfkrebs erkrankt. Statt einer glanzvollen Regentschaft stand ihm nur noch ein 99tägiges Siechtum bevor. Auch andere hohe Fürsten jener Zeit starben jung. 1886 hatte der für wahnsinnig erklärte Bayernkönig Ludwig II. Selbstmord verübt. Schon längst hatte er sich aus der Politik, die ihm keinen Raum für eigene Entscheidungen ließ, in wagnerianische Traumkulissen geflüchtet. 1889 wählte auch der habsburgische Kronprinz Rudolf der Freitod. Rudolfs Vater Franz-Jospeph wurde uralt, fast so alt wie Wilhelm I. „Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt / Herüberglitt aus einem kleinen Kind, / Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd …“, heißt es bei Hofmannsthal. Eine Herrschergeneration, die sich um die Chance betrogen sah, auf die Zustände, in die die Geschichte sie gestellt hatte, Einfluß zu nehmen, nahm ihren Abschied. Man muß unterstellen, daß Friedrichs Hals nicht bloß durch die starken Zigaretten, die er seit Jahren rauchte, krank wurde, sondern vor allem durch das quälende Bewußtsein, niemals zum Zuge zu kommen und aus dem Schatten des Vaters und des übermächtigen Kanzlers treten zu können. Der Volksmund spricht vom Kloß im Hals und meint, daß Verbitterung und seelischer Schmerz sich exakt in der Kehle stauen. Die ersten Symptome zeigten sich im Januar 1887. Friedrichs Stimme wurde heiser, die üblichen Hausmittel schlugen nicht an. Im März wurde der Berliner Internist Professor Karl Gerhardt hinzugezogen, der am linken Stimmbandrand ein Knötchen entdeckte. Er entfernte es mit Pinzette, Drahtschlinge, Ringmesser und schließlich mit einem glühenden Platindraht. Die mehrfach wiederholte Prozedur, die ohne hinreichende Anästhesie durchgeführt wurde, erschöpfte den Kronprinzen. Bis Mitte Mai war die Geschwulst nachgewachsen, und die Operationswunde verheilte nicht. Gerhardt konsultierte daraufhin einen Kollegen, den Chirurgen Ernst von Bergmann. Beide hielten eine Krebserkrankung für wahrscheinlich, drei weitere Ärzte stimmten ihnen zu. Ein operativer Eingriff, bei dem der Kehlkopf teilweise entfernt werden sollte, wurde für den 21. Mai 1887 in Potsdam anberaumt. Zuvor wollte man noch den englischen Kehlkopfspezialisten Morell Mackenzie hören. Mackenzie war die größte Kapazität auf diesem Gebiet. Am Abend des 20. Mai untersuchte er den Kronprinzen und bestritt die Stichhaltigkeit der Krebsdiagnose. Friedrichs Hals wurde daraufhin nur eine kleine Gewebeprobe entnommen, die Rudolf Virchow (1821-1902), dem berühmten Pathologen an der Berliner Charite, übersandt wurde. Virchow konnte nichts darin entdecken, was über einen „einfach-irritativen Prozeß“, eine normale Entzündung also, hinauswies. Bis zum 1. Juli 1887 verfaßte er insgesamt drei Gutachten, die alle den Krebsbefall bestritten und lediglich eine Epithelwucherung konstatierten, welche die oberste Zellschicht der Schleimhaut betraf. Doch ließ er sich eine Hintertür offen. Er betonte, daß ihm nur ein kleines, „ganz oberflächliches Schleimhautstück“ übergeben worden sei, weshalb er kein Urteil über eine mögliche „Gesamterkrankung“ abgeben könne. Über Krebserkrankungen wußte man damals noch weniger als heute. So vertrat Virchow beispielsweise die Ansicht, daß Wucherungen, die in den Tiefenschichten bösartig waren, sich an der Oberfläche als gutartig herausstellten. Trotzdem muten seine zunehmend delphischen Gutachten (ebenso wie Mackenzies Fehldiagnosen und Beschwichtigungen) merkwürdig an. Die Presse reflektierte die divergierenden Meinungen der Mediziner bald als einen deutsch-englischen Konflikt. So wurde gegen Mackenzie der Vorwurf erhoben, er wolle die Operation durch deutsche Ärzte verhindern, um seinen prominenten Patienten so lange wie möglich in seiner Obhut zu behalten, um so zu horrenden Honoraren zu kommen. Es spricht viel dafür, daß Mackenzie seine Diagnosen tatsächlich wider besseres Wissen abgegeben hat. Grund dürfte die mangelnde Erfolgsaussicht einer Kehlkopfoperation gewesen sein. Doch auch Virchow wird wohl, um die Psyche des Patienten zu schonen, sein besseres Wissen zurückgestellt und Friedrich absichtlich in Illusionen gewiegt haben. In seinem vierten Gutachten, das auf Ende Januar 1888 datiert ist, fällt das Wort „Krebs“ immer noch, doch von Fachleuten wurde es als Krebsbefund verstanden. Eine Rolle spielten auch die politischen und persönlichen Überlegungen der am Drama Beteiligten. Das Kronprinzenpaar, so kurz vor der Thronbesteigung, sah sich vor eine grausame Alternative gestellt: Die eine Möglichkeit bestand darin, die Bösartigkeit der Geschwulst zu akzeptieren und eine Operation durchführen zu lassen, die bestenfalls zu einer geringen Lebensverlängerung, vielleicht aber zum sofortigen Tod führen konnte. Die zweite Möglichkeit war die Flucht in den Selbstbetrug, verbunden mit der Hoffnung, die verbleibende Lebenszeit reiche wenigstens für eine kurze Regentschaft aus. Friedrich und Vicky klammerten sich an die günstigen Aussagen Mackenzies und Virchows. Auch Virchow, der zugleich ein liberaler Parlamentarier war, dürfte die Aussicht auf ihr auch noch so kurzes Interregnum durchaus lieb gewesen sein. Der Chirurg Ernst von Bergmann bestritt Virchows und Mackenzies Diagnosen. Der Engländer legte seinen deutschen Kollegen Statistiken vor, wonach Friedrich im Falle einer ernsthaften Erkrankung bestenfalls noch zwei qualvolle Jahre vor sich hatte, eine Operation demnach nur eine unnötige Qual sei. Bergmann wollte dennoch operieren. Er bestand darauf, daß Statistiken über den Einzelfall keinen Aufschluß gäben. Wenn ein Arzt seine Entscheidungen davon abhängig machen wolle, könne er gleich hinter dem Leichenbeschauer Platz nehmen. Die Operation unterblieb. Im Juni 1887 reisten Friedrich und Victoria nach England zum 50. Thronjubiläum von Königin Victoria. Mackenzie übernahm in seiner Londoner Praxis die weitere Behandlung. Friedrichs Stimme wurde vorübergehend besser, doch die Wucherungen nahmen zu. Mackenzie führte sie auf eine harmlose Erkältung zurück, die mit der eigentlichen Halserkrankung nichts zu tun habe. Parallel dazu deutete er „neue Symptome“ an. Nicht von Krebs sprach er, Gott bewahre, sondern von der Gefahr einer Knorpelhautentzündung. Nur hatte er diese Erkrankung in seinen Publikationen als noch gefährlicher beschrieben. Um die Entzündungen endgültig auszukurieren, reiste das Kronprinzenpaar auf die Isle of Wight, nach Schottland, nach Tirol und Italien, doch die Krankheit ließ sich nicht abschütteln. In San Remo stellte ein Ärztekonsilium im November fest, daß Krebs vorläge und nun nicht eimal mehr eine Totaloperation helfen könne. Friedrich stand ein Martyrium bevor, daß durch Bulletins, Berichte und Briefe ausgiebig belegt ist. Gottfried Benns „Morgue“-Gedichte wirken dagegen vergleichsweise gemütlich. Durch ein Telegramm Bismarcks herbeigerufen, traf Friedrich III. aus Italien am Abend des 11. März 1888 mit dem Zug und bei Schneesturm in Berlin ein – als ein Kaiser auf Abruf. Der Arzt, der ihm in den letzten Wochen zur Seite stand, sagte, er habe noch nie einen Krebskranken so leiden sehen. Am 16. Juni starb er, wo er geboren worden war, im Neuen Palais in Potsdam. Friedrich Nietzsche klagte, mit Friedrich III. sei die letzte Hoffnung auf die deutsche Freiheit dahingegangen. Historiker aller Couleur sind sich darüber einig, daß Nietzsche die objektiven Möglichkeiten und subjektiven Fähigkeiten des 99-Tage-Kaisers damit überschätzte. Sein Sohn Wilhelm II. ließ gegen den Willen Vickys eine Autopsie vornehmen, die die letzten Zweifel über den Charakter der Krankheit beseitigte. Sie war zugleich als Schlag gegen die proenglische und liberale Fronde gedacht. Stirbt so ein Kaiser? In der Krankengeschichte Friedrich III. verknoteten sich Schicksal, Naturwissenschaft und Politik. Seine eigentliche Majestät trägt er in den Augen der Nachwelt als Sinnbild der gequälten Kreatur. Foto: Friedrich III. am Schreibtsich, neben ihm Reichskanzler Bismarck: Diagnosen wider besseres Wissen

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