Die Erfahrung der Fremde

Ein namenloser Mann hinkt durch das mexikanische Hochland auf einer Reise, die seine letzte sein soll. Er haßt sich und hat genug vom Leben. Er sucht die Einsamkeit der Berge, um sich hier in Ruhe auf den Tod vorzubereiten. In einem kleinen Dorf findet er Unterschlupf bei Ascen, einer älteren Witwe. Sie lebt allein in einer entlegenen Steinhütte, aus der ihr Neffe sie jedoch vertreiben will. Ganz langsam und vorsichtig entwickelt sich zwischen dem Fremden und Ascen eine Beziehung. Gleichzeitig kämpft er aber mit seinem unaufhaltsamen Drang nach Selbstzerstörung, seinen Gefühlen für Ascen und dem Wunsch, ihr zu helfen. Als der Neffe das Haus schließlich von seinen Kumpanen abreißen läßt, um an die begehrten Steine zu kommen, protestiert er zwar halbherzig, läßt es jedoch letztlich geschehen. Ascen, die von seiner Haltung enttäuscht ist, fährt zusammen mit ihrem Neffen und den anderen Männern auf dem mit den schweren Steinen beladenen Wagen ins Tal. Als der Mann sich endlich entschließt, sie zurückzuholen, findet er nur noch die Leichen der unterwegs Verunglückten. Carlos Reygadas‘ von der internationalen Kritik hochgelobter Film „Japón“ ist eine schmerzliche Reflexion über die Erfahrung der Fremde, dessen entrückte und bisweilen grausame Schönheit und tiefe Melancholie den Zuschauer von Beginn an in seinen Bann zieht. Dabei erzählt der Regisseur hier weniger eine Geschichte, als daß er in einer Folge betörender Szenen den Zustand eines Mannes sichtbar werden läßt, der an einem unermeßlichen Verlust leidet. Dieser Mann (Alejandro Ferretis) bewegt sich an den Grenzen zu unbekannten Zonen: zu sich selbst und zum Tod. Am Ende seines Films hebt Reygadas diese Grenzen in einem überwältigenden Bild auf, das Nähe und Ferne, Liebe und Haß, Leben und Tod vereint. Daß ein Film von dieser poetischen Kraft die Kritiker herausfordert wie kaum ein anderer, auf analytische oder auch spekulative Weise die traumhaft innere Welt des Regisseurs zu ergründen, kann nicht wundernehmen. Wie bei allen großen Kunstwerken gibt es auch hier keine endgültige Deutung, nur Annäherungen. Das Wunderbare an diesem Film aber ist, daß er noch vor allen Entschlüsselungen den Betrachter durch die elementare Poesie seiner gleichzeitig realistisch-dokumentarischen und allegorischen Bildersprache gefangennimmt. Natürlich könnte man „Japón“ einen „typisch mexikanischen“ Film nennen, doch dies wäre eine ähnlich leere Phase wie das unausrottbare „typisch Hollywood“. Als „typisch mexikanisch“ erweist sich höchstens und zunehmend dies: die Leidenschaft für das Erzählen einer einmaligen Geschichte, deren Gestalten so gar nichts gemein haben mit den Klischees von „feurigen Latinos“, die durch unsere europäischen Köpfe spuken. Vielmehr faszinieren sie gerade durch die Spontaneität im Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle und zeigen dabei eine Kultur der Natürlichkeit, die dem Repertoire der Menschen in westlichen Industriekulturen weitgehend verlorengegangen ist. Diego Martinez Vignattis brillante Fotografie fängt alle Stimmungsschattierungen von Gebirgslandschaften ein, in denen sich die Natur in archaischer Wucht zeigt. Zur Überzeugungskraft des Films trägt aber vor allem die Abkehr von einer Starbesetzung bei, da die verhalten geführten Darsteller sich in seltener Selbstverständlichkeit der Gesetzmäßigkeit der Handlung unterordnen. Sie sind keine Sprachrohre politischer oder sozialkritischer Thesen, sondern Menschen, deren Unverwechselbarkeit sich entfaltet in nuancierten intensiven Zweierbeziehungen oder komplizierten Gruppenkonflikten. Carlos Reygadas gestattet sich und seinen Figuren nie, in Selbstmitleid oder Resignation zu versinken. So zeigt er die alte Witwe Ascen, deren Darstellerin Magdalena Flores aus dem kleinen Dorf stammt, in dem der Film gedreht wurde, als selbstbewußte, pragmatische Frau, die sich ihres trügerischen Idylls ebenso bewußt ist wie der Tatsache, daß die Zeit gegen sie arbeitet. Ein kaum eingrenzbarer Gefühlswert liegt in der Erscheinung Ascens, wenn sie einsam vor den Überresten des Hauses steht, in dem sie vor langer Zeit mit ihrem Mann glücklich war. Der filmische Schlußpunkt fängt alle Schönheiten der Bilder ab. Er zeigt unbarmherzig die Unausweichlichkeit des Unglücks und des Todes. Hier verortet sich Reygadas ganz in der Tradition der mexikanischen Kunst, des Films, der Literatur und der Malerei. So wie der Film mit der Totalen auf eine fahlfarbene öde Ebene beginnt, endet er auch auf dieser Ebene. Diese beiden Einstellungen umschließen zahlreiche Bilder stillen Entsetzens, aber auch großer Würde. „Japón“ ein visionäres Meisterwerk zu nennen, ist keineswegs übertrieben. Foto: Im mexikanischen Hochland: Ein namenloser Mann (Alejandro Ferretis, re.) bewegt sich an den Grenzen zu unbekannten Zonen

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