Die alte Krankheit der neuen Republik

Mit der Sonderausstellung „Idee Europa – Entwürfe zum ‚Ewigen Frieden'“ wurde am 24. Mai die neue Berliner Heimstatt des Deutschen Historischen Museums (DHM) ihrer offiziellen Bestimmung übergeben. In unmittelbarer Nachbarschaft des von Andreas Schlüter entworfenen und erbauten Zeughauses gelegen, ist der von dem chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei konzipierte Neubau bereits seit seiner Fertigstellung im Februar zum neuen architektonischen Juwel der Hauptstadt stilisiert worden. Tatsächlich wurde zur Eröffnung vor wenigen Wochen ein wahres Feuerwerk an Superlativen entzündet: In zahlreichen Sondersendungen in nahezu allen lokalen, aber auch überregionalen Medien wurden dem Architekten für sein neues Werk Lobeshymnen gesungen. „Danke, Mr. Pei“, lautete der Titel einer Sendung der aus der Verschmelzung des ehemaligen Sender Freies Berlin und des Ostdeutschen Rundfunks hervorgegangenen Sendeanstalt Radio Berlin-Brandenburg (RBB). Hinter derlei Ehrungen mochte die Zeitungslandschaft nicht zurückbleiben: Mehrere Organe, so die Berliner Zeitung, gaben zur Eröffnung des neuen Komplexes Sonderbeilagen heraus. Wie sieht es nach den Blitzlichtgewittern tatsächlich mit der neuen architektonischen Attraktivität Berlins aus? Am 28. Oktober 1987 erfolgte die Gründung des DHM durch seine Träger Bundesrepublik Deutschland und das Land Berlin im Rahmen einer Feierstunde im Reichstag. Ein Jahr später wurde ein Architekturwettbewerb für einen Museumsneubau im Spreebogen gegenüber dem Reichstagsgelände veranstaltet. Im Zuge der Wiedervereinigung erhielt jedoch das DHM von der Bundesregierung die Immobilien des ehemaligen Museums für deutsche Geschichte der DDR, unter anderem eben das Zeughaus, zur Nutzung übertragen, womit die Neubauplanungen zunächst obsolet wurden. Seit 1992 fanden an diesem Ort regelmäßige Präsentationen statt. Doch eine notwendige Generalsanierung des Schlüterbaus und der Plan, im Zeughaus wiederum eine Dauerausstellung zur deutschen Geschichte zu installieren, machten es notwendig, sich nach neuen Räumlichkeiten für Sonderpräsentationen umzusehen. Schließlich kam es 1995 zu einer Entscheidung zugunsten eines Erweiterungsbaus unmittelbar hinter dem alten Standort. Dazu wurde vom damaligen Bundeskanzler Kohl der international renommierte Pei gewonnen, der unter anderem durch einen Anbau der National Gallery in Washington einem größeren Publikum bekannt geworden war. Unzweifelhaft ist eine geglückte Verbindung von alter und neuer Bausubstanz gerade bei Museen mit historischer Ausrichtung reizvoll. Erst vor wenigen Jahren wurde mit dem Anbau am ehemaligen Berlin- und heutigen Jüdischen Museum von Daniel Libeskind eine gelungene Symbiose dieser Art umgesetzt. Allerdings verliert sich der davon ausgehende Reiz des Neuen rasch. Um diesen Effekt zu vermeiden, muß man etwas tatsächlich absolut Neues, Überraschendes präsentieren. Doch solche Ideen sind sehr rar, der Pei-Bau im eher biederen Ambiente erfüllt sie sicherlich nicht. Der bloße Name des Stararchitekten wird auf Dauer nicht ausreichen, das Interesse der Öffentlichkeit wachzuhalten. Zugleich sollte der wichtigste Qualitätsmaßstab für ein solches Gebäude in der sinnvollen Verbindung von Form und Zweck liegen. Auch beim Pei-Bau muß die Frage erlaubt sein, ob Ort und Stil gut miteinander harmonieren. Die Antwort darauf kann nur in einem klaren „Nein“ bestehen. Zunächst einmal ist der selbst aus der näheren Umgebung nicht einsehbare neue Gebäudekomplex in einen bereits mit ausschließlich historischer Bausubstanz eng bestückten Raum gesetzt worden, so daß keinerlei halbwegs harmonischer Übergang zwischen den differenten Teilen existiert. Durch die engen Bebauungsverhältnisse wirkt der Bau vielmehr gequetscht und klobig. Die – in der heutigen Architektur keineswegs selbstverständliche – Intention des Erbauers, dem Gebäude trotz aller Modernität ein besonderes, charakteristisches Gesicht zu verleihen, wird damit jedoch nahezu komplett in Frage gestellt. Nicht nur die benachbarten historischen Bauten, das Palais am Festungsgraben oder das Zeughaus, sondern auch der neue Komplex werden wesentlich ihrer Ausstrahlung beraubt. Was bei Büro- oder Wohnungszweckbauten als Baulückenfüller noch angehen mag, muß an dieser Stelle – betrachtet man das DHM als das wesentliche Geschichtsmuseum für das heutige Deutschland – doppelt peinlich wirken. Wenn Peis Werk seine Berechtigung hat, dann zählt der jetzige Standort zu den denkbar unglücklichsten Plätzen für ein solches Projekt. Wenn es jedoch unbedingt notwendig war, auf den jetzigen Standort zurückzugreifen, dann hätte es einer weitaus radikaleren Lösung bedurft. Doch hier stand wohl neben den Bauauflagen die allseits geübte architektonische „Zurückhaltung“ bei öffentlichen Gebäuden im Raum – die alte Krankheit auch der neuen Republik. Durch den Neubau ist das alte Stadtzentrum der Hauptstadt unzweifelhaft wiederum ein wenig westlicher, moderner – aber auch angepaßter – geworden. Einerseits hat sich Berlin in den Jahren seit der Wiedervereinigung als Ort experimentierfreudiger Architektur einen Namen verschafft. Andererseits ist jedoch gegenüber anderen Metropolen vieles Stückwerk geblieben, weil das Verständnis für die richtige Bebauung des richtigen Ortes fehlt. Diese Feststellung trifft auch auf den Pei-Bau in vollem Umfang zu. So wird er wohl nicht nur für die meisten Berliner auch in Zukunft ein Fremdkörper bleiben. Außenansicht des Pei-Baus: Der Anbau an das Deutsche Historische Museum wirkt gequetscht und klobig

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