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Der Westen im Norden des Ostens

Bei Sichtung literarischer Neuerscheinungen zum russischen Jubeljahr aus Anlaß der Gründung Petersburgs vor 300 Jahren springen zwei Titel mit kulturgeschichtlichen Schwerpunkten ins Auge. Es sind dies Erich Donnerts „Sankt Petersburg. Eine Kulturgeschichte“ im Böhlau-Verlag und Nicolai Anziferows „Die Seele Petersburgs“ bei Hanser. Abseits der Bildbände, Reiseführer oder speziellen Fachschriften zielen beide Autoren ab auf ein dichtes Stadtporträt mit Tiefenprofil. Im Resultat darf man einen Begriff von der urbanen „Individualität“ erwarten, die große Städte auszeichnet, hier um so mehr, als sich mit der Metropole an der Newa die Nationalgeschichte und -kultur zweier Jahrhunderte verband. Seit der Christianisierung 988 und bis zum Fall von Byzanz 1453 stand Rußland in Abhängigkeit von Konstantinopel. Jetzt, als die Diaspora zum Schicksal der orientalischen Christen wurde, stieg das moskowitische Rußland zur einzig autonomen Nationalkirche auf und wurde Schutzmacht der Orthodoxie. Das fand Ausdruck in der mystischen Geschichtstheologie der Zeit, die Moskau als „drittes Rom“ feierte, in dem die christliche Geschichte sich vollende. Starez Filofej dekretierte: „Zwei Rome sind gefallen, aber das dritte steht, ein viertes aber wird nicht sein.“ Mit Moskau als dem „dritten Rom“ war auch das dritte Zeitalter Gottes, das des heiligen Geistes angebrochen: eine eschatologische Idee, die die Intellektuellen noch viel beschäftigen sollte. 250 Jahre später begann Peter I. mitten im Nordischen Krieg (1700-21) mit dem Bau von Petersburg, ursprünglich nur eine Festung gegen die übermächtigen Schweden und deren Vormacht an der Ostsee. Dann freilich wurde die neue Hauptstadt zum Symbol seines Reformwerks und politischen Anspruchs. Ihre Lage bezeichnete einen „handelspolitischen und strategischen Schlüsselpunkt, der sowohl in wirtschaftsgeographischer als auch in kommunikatorischer Hinsicht bedeutungsvoll werden sollte“ (Donnert). Er schlug die Schweden zurück und erzwang den Zugang zum baltischen Meer. Innenpolitisch brachte das im Wortsinn „exzentrische“ Projekt eine Abkehr vom russischen Kernland und den Bruch mit altrussischer Tradition zum Ausdruck: eine gewalttätige Modernisierung und Verwestlichung. Peters planerische Rationalität zeugt von dem absolutistischen Voluntarismus und Machbarkeitsglauben der Aufklärung, die barocken und klassizistischen Stilformen dokumentierten den abrupten Anschluß an Europa. So kamen auch die zahlreichen Baumeister 150 Jahre lang von außen: Schlüter, la Motte, Rastrelli, Rainaldi, Quarenghi, Cameron, Rossi, Klenze. „Durch die Öffnung nach Westen war mit einem Male der gesamte Kanon der in der Neuzeit entstandenen Stile und Werke im Zarenreich präsent. Was dort im Laufe von mehreren Jahrhunderten ausgebildet worden war, sollte nun in Rußland in einigen Jahrzehnten ’nachgeholt‘ werden. Es fand eine Globalrezeption statt.“ Technik importierte man aus England und Holland, Kunst von Italien, Wissenschaft, Philosophie und Verwaltungsformen aus Deutschland, die feine Lebensart des Adels von den Franzosen. Umstritten bleibt, wie tief und weit das petrinische Reformwerk eindrang, jedenfalls provozierte es einen Konflikt und jene bis heute andauernde, geschichtsphilosophische Debatte um den Charakter Rußlands und seinen Auftrag in der Welt. Leidenschaftlich stritten zumal die „Westler“ und „Slawophilen“ ab 1836, ob die Reform Vergewaltigung oder notwendiger Fortschritt gewesen sei. Damit blieb auch die Existenz Petersburgs symbolisch ambivalent, düster und ungewiß. Zwei Volkslegenden aus der Entstehungszeit verdeutlichen das: Die Bauleute versuchen zu mauern, doch hoffnungslos verschlingt jeden Stein der morastige Grund. Schließlich schnauzt der Zar die Verzweifelten an und demonstriert die wahre Methode. Mit herkulischer Kraft fügt er Steinquader in der Luft zusammen, setzt dann die fertige Stadt hart auf den Boden: Sie steht! Die andere Sage berichtet über die Planung, bei der ortsansässige Schamanen dem Zaren behilflich sind. Im Rauch ihres Ritualfeuers wird der ideale Grundriß Petersburgs himmelwärts sichtbar. Signifikant beides. Zunächst erweist sich der Stadtbau als verwegene Luftnummer, die sich dem Voluntarismus einer hybriden Gewaltnatur verdankt. Die zweite Anekdote erkennt den Legimitationsbedarf der neuen Metropole und bringt ihn, traditionellen Vorbildern gleich, übernatürlich hervor. Doch stellt sich der göttliche Wink als zweifelhaft dar, kommt er doch zuwege mit Hilfe heidnischer Medizinmänner, die den Zaren als sinistere Figur erscheinen lassen. Tatsächlich ging es für seine Untertanen nicht mit rechten Dingen zu. Peters Revolution von oben schrieb man dem Antichristen zu. So blieb alles fraglich: „Aufklärung“ und „Modernität“ in Gestalt des repressiven Machtstaates, aufoktroyiert durch einen Chef, der seine Polizei als „Seele der Bürgerschaft“ pries. Ebene, Wasserlage, ungünstiger Witterung prägen Petersburg. Das zog ein System der Wasserwege und Kanäle sowie die gewaltige, horizontale Ausdehnung nach sich. Diese zeigt sich als Dreifachschichtung: Newa, flacher Ufersaum, dann das monumentale Band gestalteter Architektur. Im Unterschied zu mittelalterlichen Städten setzt sich die Physiognomie hier zusammen aus breiten, gradlinigen Straßen, riesigen, als autonome Einheiten hervortretenden Plätzen, freien Ausblick bietenden Kais und Terrassen, großzügigen Parks und Gärten und der geschlossenen Baugestalt der blockhaften Rayons. Die urbane Einheit als Architekturlandschaft ergibt sich aus der harmonischen Verschmelzung barocker und klassizistischer Bauformen. Die altrussischen Städte mit ihrem ländlichen, verschlafenen Charme siedelten unperspektivisch, so wie die Ikonenmalerei als dauernde Vergegenwärtigung des Ewigen nicht an ausgreifender Organisation des Raumes interessiert sein konnte. Doch an der neuen Petersburger Kunstakademie wurde um 1750 erstmalig Perspektive gelehrt, und so ist auch die monumentale Stadt perspektivisch konstruiert, besitzt gewaltige Aus- und Durchblicke, ein steinerner Ausdruck des zaristischen „Imperialismus“ – nach innen wie nach außen. Mitteilungen über die neue Akademie bilden einen der informativsten Abschnitte in Donnerts Buch, das trotz seiner Materialfülle im ganzen enttäuscht. Konzeptionell wenig durchdacht, bleibt es analytisch und synthetisch, schließlich in seiner literarischen Kraft weit hinter den kulturgeschichtlichen Klassikern von Burckhardt bis Hermand zurück. Dagegen werden uns zahllose Daten mitgeteilt, die freilich noch keine integrale Kulturhistorie ausmachen. Wichtige Themenkomplexe fallen heraus. Zwar werden Puschkin und Gogol kurz gewürdigt, doch fehlt eine Darstellung des „Goldenen Zeitalters“ der Literatur. Wir erfahren nichts über die höfische Gesellschaft, nichts über die Salons des 19. Jahrhunderts, die intellektuellen Zirkel oder das adelige Leben in der Hauptstadt. Immerhin zeigt Donnert Interesse für spezielle Fragen. So nehmen die Beziehungen, zumal der Künstler, mit Italien und Deutschland breiten Raum ein. Große Bedeutung besaßen die deutschen Kunststädte Dresden, Düsseldorf und München. Wie in Deutschland wuchs sich die russische Italiensehnsucht aus zu einem Spleen der Bildungsschichten. Solche Schwerpunkte und Sonderinteressen sind legitim, soweit sie nicht ausufern. Just das geschieht sechzig Seiten lang, auf denen der Autor sich den Petersburger Deutschen widmet und dabei positivistisch einer grotesken Detailfreude verfällt. Am besten ist ihm die Darstellung des intellektuellen Fin de Siècle, des „Silbernen Zeitalters“ um 1900, gelungen, das geprägt war durch Religionsphilosophie und literarischen Symbolismus. Kurz vor dem Kahlschlag der Oktoberrevolution erhob sich russisches Denken hier zu genialer Eigenständigkeit in der Verschmelzung von idealistischer Philosophie und orthodoxer Überlieferung. Bleibt bei Verdienst des Versuchs einer ersten deutschen Kulturgeschichte zum Gegenstand doch die Enttäuschung über deren flaches, undeutliches Profil und die kümmerliche Bildausstattung des Verlags. Was Donnert entgeht, setzt sich Anziferow als Ziel. Er hat Phantasie genug, in Weltstädten und Kulturdenkmälern nicht bloß eine Ansammlung einzelner Aspekte zu sehen, möchte vielmehr die „Individualität“ seiner Stadt ausloten. Wie das Ganze vor den Teilen verhält sich die urbane Kollektivpersönlichkeit zum Einzelnen: ein lebendiger Organismus. Kultur, Geschichte, Landschaft müssen zusammengesehen und möglichst konkret und persönlich erfahren, etwa erwandert werden, damit ein vielschichtiges Bild entstehe. Anziferow, literarisch versierter Vertreter der russischen Landeskunde, verfaßte bis zu seiner Kaltstellung 1929 mehrere Bücher über Leningrad, die „Seele“ (1922) wurde schnell ein Klassiker, der jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Alternativ zur physiognomischen Erkundung des urbanen Raums bietet sich die Erschließung seiner inneren Form über die Literatur an. Diesen Weg wählt hier Anziferow – mit Recht, spielte im Rußland des 19. Jahrhunderts doch der Aufbau der Gemeinschaft als „Kulturnation“ und deren Vehikel, die Literatur, eine große Rolle. So entwarf der Literaturkritiker Wissarion Belinski eine geschichtsphilosophische Triade: Stand am Anfang die „natürliche Direktheit“ der archaischen Folklore, auf die der „abstrakte Universalismus“ der zaristischen Reformen und des westlichen Kulturimports folgte, sollten beide Perioden nun in eine komplexe Nationalkultur einmünden. Die Sprachform dieser Nationalkultur schuf Puschkin. Über ihn sagt Anziferow: „Sein Bild von Petersburg ist eine Bilanz des ganzen vorhergehenden Jahrhunderts und zugleich eine Prophezeihung des zukünftigen Schicksals.“ Dieses fächert er nun in all seinen Facetten auf, indem er von Puschkin bis zu Andrej Belyjs „Petersburg“ (1912) die poetischen Bildwelten durchreist und die Hauptmotive des urbanen Mysteriums im Spiegel der Texte herausarbeitet. Von mythischen Motiven wie der Creatio ex nihilo oder der Überwindung des Chaos durch göttliche Kosmisierung, womit der die Naturgewalten bezwingende Peter identifiziert wird, oder aber dessen diabolischer Hybris, die die Stadt dem Untergang weiht und ihr Dasein in eine tragische Vergeblichkeit rückt, über das immer wieder beschworene Pathos des Raumes, der unendlichen Weite, der Erneuerung, über den Haß an der Autokratie, führt der Weg zu den Entfremdungschiffren Gogols und Dostojewskijs, um schließlich einzumünden in die vielen Todesbilder mit ihrer Beschwörung von Kälte, Unglück, strudelndem Abgrund, dem Grau des Himmels, Zerstückelung, Hoffnungslosigkeit. Die Stadt des Antichristen ist verflucht, sie wird unweigerlich untergehen. „Und wieder“, so lesen wir bei Mereschkowski, „entstand in ihm das unheimliche Gefühl des Endes“ – das „unausweichliche Ende von allem“. Nun, Petersburg als „historisches Drama“ endete mit der Revolution und dem Verlust des Hauptstadtstatus, doch die Stadt als Monument und Lebensraum besteht weiter – geographisch noch immer Rußlands „Fenster zum Westen“ und kulturelles Aushängeschild. Zu alldem mag der Historiker sein Teil beitragen: „Die Liebe, die für das Gewesene geweckt wird, ist eine große Kraft. Sie überwindet die alles besiegende Zeit und stellt uns von Angesicht zu Angesicht dem Leben unserer Vorfahren gegenüber. Unsere Liebe erweckt die Vergangenheit und macht diese zu einem Teil unseres Lebens“. Fotos: „Eherner Reiter und Isaaks-Kathedrale“, Wassili Surikow (1870): Die Stadt des Antichristen ist verflucht Fjodor Dostojewski (Gemälde von Wassili Perow,1872): Goldene Ära Erich Donnert: Sankt Petersburg – Eine Kulturgeschichte. Böhlau Verlag, Köln 2002, gebunden, 325 Seiten, 50 Schwarzweiß-Abbildungen, 24,90 Euro Nicolai P. Anziferow: Die Seele Petersburgs. Aus dem Russischen von Renata von Maydell. Carl Hanser Verlag, München 2003, gebunden, 294 Seiten, 21,90 Euro

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