Das Gewissen des zwanzigsten Jahrhunderts

In friedlichen Zeiten“, spekuliert George Orwell in seiner apologetisch gestimmten Nabelschau „Warum ich schreibe“ (1947), „hätte ich vielleicht reich ausgeschmückte oder auch rein beschreibende Bücher geschrieben, ohne mir überhaupt eines politischen Standpunktes bewußt zu werden.“ Statt dessen machte er sich einen Namen – der nicht sein wirklicher war – als Berichterstatter wider Willen, bissiger Essayist und schließlich als Verfasser zweier bitterer Warnungen vor dem Totalitarismus. Hundert Jahre nach Orwells Geburt am 25. Juni 1903 und über fünfzig nach seinem Tod am 21. Januar 1950 sind „Farm der Tiere“, „1984“, Neusprech und Big Brother zahllosen Menschen ein Begriff, die nie eine Zeile von ihm gelesen haben. Als George Orwell noch Eric Arthur Blair hieß, half er das britische Kolonialreich zu verwalten – und damit, so sah er es selbst, ein schreckliches Unrecht fortzusetzen: die „Herrschaft des Menschen über den Menschen“. Zwei Schlüsselerlebnisse hat er in den biographischen Essays „Einen Mann hängen“ (1931) und „Einen Elefanten schießen“ (1936) festgehalten, und sein erster Roman „Tage in Burma“ (1934) beruhte ebenfalls auf den Erfahrungen, die er seit Kindertagen im Dienste des Empire gemacht hatte. Sein Vater arbeitete für die Opium-Behörde des Indian Civil Service, und Orwell verbrachte seine ersten Lebensjahre in Indien. Nachdem er die renommierte Privatschule Eton mehr schlecht als recht abgeschlossen hatte, kehrte er 1922 in die Tropen zurück. 1927 brach er seine Laufbahn als Polizeioffizier in Burma ab, um sich in einem ungeheizten Londoner Zimmer als Schriftsteller niederzulassen. Den drastischen Bruch mit seiner bürgerlichen Herkunft aus der „unteren Ober-Mittelklasse“ vollzog er, indem er ein Jahr lang in den Armenvierteln von Paris und London lebte und sich unter anderem als Tellerwäscher verdingte. Aus diesen Erlebnissen entstand „Erledigt in Paris und London“, das 1933 unter dem Pseudonym George Orwell veröffentlicht wurde. Orwell ist vielen ein Begriff, die ihn nie gelesen haben In den nächsten Jahren gab er sich alle Mühe, jene ersehnten unpolitischen Romane zu schreiben. „Eine Pfarrerstochter“ erschien 1935, „Die Wonnen der Aspidistra“ 1936: Die Pfarrerstochter Dorothy Hare ringt ebenso wie der kleine Angestellte Gordon Comstock in der Enge des Klassensystems um ein bescheidenes Glück. Orwell heiratete und betrieb einen Dorfladen in Hertfordshire im Herzen Englands. Ein Auftrag des Left Book Club, über die Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeitslosen im Norden des Landes zu berichten, resultierte in der sozial- und sozialistenkritischen Reportage „Der Weg nach Wigan Pier“ (1936). Der gleiche Teufelskreis aus Unterdrückung und Ergebenheit, ohne den der Kolonialismus nicht hätte bestehen können, schien ihm auch den Alltag in der Bergbauregion zu bestimmen – das Mitleid „bourgeoiser“ Labour-Wähler, die ihren Ekel vor der Unterschicht weder verhehlen noch überwinden konnten, half da wenig. Ende desselben Jahres reiste Orwell nach Spanien, um über den Bürgerkrieg zu schreiben, meldete sich als Freiwilliger für die marxistische POUM-Miliz und trug eine Schußverletzung im Hals davon. Er war nicht der erste Intellektuelle, der seine Hoffnung auf die proletarische Revolution setzte, aber neben Arthur Koestler gehörte er im vergangenen Jahrhundert zu den ersten, die an dieser Hoffnung (ver)zweifelten. „Mein Katalonien“ (1938) ist, wie der Originaltitel „Homage to Catalonia“ verspricht, eine Liebeserklärung an die kurzlebige Republik, die er bei der Ankunft in Barcelona vorfand – und zugleich eine Haßansage an den Stalinismus, der den Traum von Freiheit und Gleichheit auch schnell wieder zunichte machte: für ihn selbst, als er erleben mußte, wie sein Freund Bob Smillie in einer Gefängniszelle zu Tode gefoltert wurde, aber erst recht für „sein Katalonien“, das sich auch ohne Francos Zutun in ideologischen Grabenkämpfen aufrieb. Mit seiner Frau Eileen gelang ihm schließlich die Flucht nach Frankreich. Zwei Jahre später erkrankte Orwell an Tuberkulose. Der Titel seines nächsten, während eines Winteraufenthalts in Marokko entstandenen Romans „Auftauchen, um Luft zu holen“ (1939) mag sinnbildlich für die Symptome dieser Krankheit, aber auch für ein allgemeineres Leiden an dem Zustand stehen, in dem sich die Welt befand. Schreiben war für ihn wohl immer ein Kampf gegen das Ersticken – darum, „die ganze Wahrheit zu sagen, ohne meinen literarischen Instinkten Gewalt anzutun“: „Jede Zeile der wesentlichen Arbeiten, die ich seit 1936 geschrieben habe, richtet sich direkt oder indirekt gegen den Totalitarismus und für den demokratischen Sozialismus, wie ich ihn verstehe. … Während der letzten zehn Jahre ist es mir vor allem darum gegangen, politisches Schreiben als Kunst zu betreiben. Mein Ausgangspunkt ist immer ein Gefühl von Parteilichkeit, ein Gespür für Ungerechtigkeit.“ Aber: „Solange ich lebe, wird mir gute Prosa immer wichtig sein, werde ich immer das Antlitz der Erde lieben und meine Freude an handfesten Dingen und Schnipseln unnützer Information haben.“ Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war ihm die Feder wieder nicht mehr Waffe genug, aber er wurde für körperlich untauglich erklärt. Den ihm verbleibenden Atem nutzte Orwell, um Radiosendungen für die BBC zu produzieren, und er schrieb für Zeitungen wieTribune – die „Stimme der Linken“ in der britischen Labour Party, deren Literaturredaktion er zeitweilig übernahm – oder den Observer und für dezidiert antikommunistische Publikationen wie Melvin Laskys 1948 gegründeten, von der CIA mitfinanzierten Berliner Monat. Das Kriegsende erlebte er als Reporter auf dem Kontinent. Auch jetzt hinderte ihn sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit daran, diese mit Rache zu verwechseln. Den Deutschen, befand er, sei ein „monströses Friedensabkommen“ aufgezwungen worden: „Wir lassen Verbrechen wie die Vertreibung aus Ostpreußen zu – Verbrechen, die wir teilweise nicht verhindern konnten, gegen die wir aber wenigstens hätten protestieren können -, weil die Deutschen uns verärgert und verängstigt haben und wir uns deshalb sicher waren, daß wir keinerlei Mitgefühl für sie aufbringen würden, wenn sie endlich darniederlägen.“ Daß mit dem Sieg über Nationalsozialismus und Faschismus die Herrschaft des Menschen über den Menschen nicht beendet war, veranschaulicht Orwell in „Farm der Tiere“ (1945): Nach geglückter Befreiung vom Joch der Sklaverei sind auf dem Hof des Bauern Jones zwar alle Tiere gleich, aber manche gleicher als andere. Sein nächstes Buch würde „ein Mißerfolg werden, jedes Buch ist ein Mißerfolg“, unkte Orwell und schrieb „1984“ (1948). Eine Voraussetzung des totalitären Staates Ozeanien hatte er schon in „Warum ich schreibe“ geschildert: „Die große Masse der Menschen ist nicht so ausgesprochen ich-bezogen. Nach dreißig geben sie jeden individuellen Ehrgeiz auf – ja sie verlieren vielfach fast gänzlich das Gefühl für ihre eigene Persönlichkeit – und leben hauptsächlich für andere oder werden einfach in der Knochenmühle der Alltagsarbeit aufgerieben.“ Diese Passage verweist zurück auf das unausgesprochene koloniale „Geheimnis, das wir alle kannten“, wie er es in dem Aufsatz „Marrakesch“ (1939) umreißt: „Wenn man durch eine Stadt wie diese wandert, … wenn man sieht, wie diese Leute leben, und erst recht, wie leicht sie sterben, fällt es immer wieder schwer zu glauben, daß die Wesen, die einen umgeben, Menschen sind.“ Zugleich nimmt sie die Gesellschaftsstruktur Ozeaniens vorweg, dessen Bevölkerung zu 81 Prozent aus nahezu vertierten „Proleten“ besteht. Das „Wahrheitsministerium“, in dem Orwells Protagonist Winston Smith angestellt ist, betreibt eine Ausrottung jeder Kritikfähigkeit, indem es die Sprache systematisch verarmt: Wenn es ein Wort wie „gut“ gibt, braucht man kein Wort wie „schlecht“. Orwell selbst war stets um sprachliche Klarheit bemüht und versuchte in „Politics and the English Language“ (1945) sogar einen Zusammenhang nachzuweisen zwischen faulem Denken und schlechtem Schreibstil: „Die Sprache wird häßlich und ungenau, weil unsere Gedanken dumm sind, aber die Schlampigkeit unseres Sprachgebrauchs macht es uns einfacher, trottelige Gedanken zu denken.“ Nicht zuletzt deshalb kennen deutsche Leser ihn vor allem aus dem Englischunterricht: Seine als „Märchen“ untertitelte „Farm der Tiere“ vermittelt Inhalte, die manche Erwachsene heute noch nicht begriffen haben, in Worten, die jedes Kind versteht. „Einen Mann hängen“ wird im Grundstudium Anglistik als Musterbeispiel wirkmächtiger Essayistik gelehrt. Ein wenig hat Orwell der eigenen Wortgewandtheit immer mißtraut. Er fühlte sich als „eine Art Pamphletist“ und unterschied strikt zwischen seinen seriösen, „wesentlichen Werken“ und „reiner Propaganda“. „Ernstzunehmende Schriftsteller“, stellte er trocken fest, „sind in der Regel eitler und egozentrischer als Journalisten, schauen aber nicht so sehr aufs Geld.“ Big Brother wird als Gast ins Wohnzimmer gebeten Wie sein „letzter Humanist“ Winston Smith gehörte Orwell, dem die Wahrheit eine Leidenschaft war, einer aussterbenden Art an. Den früher zu Recht gefürchteten Großen Bruder bittet man mittlerweile als gern gesehenen Gast in den Wohncontainer. Die ebenfalls in „1984“ definierte Freiheit, „zu sagen, daß zwei plus zwei vier ergibt“, ist in seinem britischen Heimatland, das auch das von Empirismus und common sense ist, kaum je ernsthaft in Frage gestellt worden. Heute schätzen manche ihn als Zeitzeugen, viele andere als „Hellseher“ – so der Titel einer 1966 erschienenen Biographie von George Woodcock – , der zum Glück unrecht behielt. Orthodoxen Rechten ist er zu links, orthodoxen Linken nicht links genug. Denen, die denken dürfen wollen, wird er – auch wenn diese Formulierung seinen Stiltest für intelligentes Denken nie bestanden hätte – immer Vorbild und Inspiration bleiben. „I wasn’t born for an age like this“, bekennt Orwell in einem Gedicht, das er in „Warum ich schreibe“ abgedruckt hat: „Ich bin nicht geschaffen für ein Zeitalter wie dieses … Sie etwa?“ Und doch wäre ein Zeitalter wie dieses ohne ihn nicht mehr vorstellbar. Fotos: George Orwell (1903-1950): Schreiben war für ihn wohl immer ein Kampf gegen das Ersticken / Verfilmung „Neunzehnhundertvierundachtzig“, 1955/56

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