Das Ende einer Räterepublik

Allmählich wird es komisch. Fast täglich säuseln die großen Medien von der „Suhrkamp-Kultur“, die unser Land und speziell unser Geistesleben so sehr präge, aber wenn man fragt: „Wo ist sie denn, diese berühmte Suhrkamp-Kultur?“, bekommt man immer nur wieder Mitteilungen über irgendwelche internen Streitereien im Frankfurter Suhrkamp-Verlag. „Suhrkamp-Kultur“ ist zum Synonym für Besitz- und Machtgerangel in mittelständischen Familien-Unternehmen geworden. Früher war sie Synonym für den triumphalen „Langen Marsch“ der 68er durch die Institutionen und auf die Kommandohöhen von Politik und Medienbetrieb. Die von Verlagschef Siegfried Unseld ins Leben gerufene „Edition Suhrkamp“ war das publizistische Verständigungs- und Strategieforum der 68er gewesen. Aber das ist lange her. Heute liest kein Politiker oder Medienfürst mehr Titel der „Edition Suhrkamp“, dafür tobt seit Unselds Tod im Oktober 2002 ein erbitterter innerhäuslicher Streit darüber, wer denn nun das materielle und geistige Erbe Unselds antreten dürfe. Die besten Karten, die ihr jetzt auch zum Sieg verholfen haben, besaß von Anfang an des Verlegers Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz, die nicht nur den Löwenanteil von Unselds Privatvermögen erbte, sondern auch die Mehrheit der Anteile im Verlag. Berkéwicz, eine ehemalige Schauspielerin und ehrgeizige Hobby-Schriftstellerin, klug, energisch und machtbewußt, ließ nie den geringsten Zweifel an ihrer Absicht, das Unternehmen ihres Mannes nach dessen Tod in eigener Regie fortzuführen. Unseld traute ihr aber offensichtlich nicht die volle Kompetenz zu und entwarf, als er sein Haus bestellte, eine komplizierte Geschäftskonstruktion, die seine Frau in ein Geflecht von Fremdkompetenzen einbeziehen sollte. Berkéwicz‘ Verlagserbe wurde demnach zur „Familienstiftung“ deklariert und einem „Stiftungsrat“ unterstellt, in dem die Verlegerswitwe zwar den Vorsitz innehatte, neben sich aber fünf weitere Ratsmitglieder dulden mußte, die Unseld selbst benannt hatte: Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg, Wolf Singer, allesamt langjährige Hausautoren Suhrkamps und bestens mit den Interna des Verlages vertraut. Neben diesem „Rat“ sollte es dann noch eine ganz normale Geschäftsführung geben, doch deren Vorsitz sollte nicht Berkéwicz einnehmen, sondern der Unseld-Vertraute Günter Berg. Das Netz war offenbar allzu fein gesponnen, und pünktlich nach Abschluß des Trauerjahrs hat es Berkéwicz, mit guten Advokaten an ihrer Seite, einfach zerrissen. Sie hatte das Geld, hatte die Mehrheit im Unternehmen und damit die Macht. So ernannte sie sich selbst zum Geschäftsvorstand, degradierte Berg zu ihrem Vize, nahm ihm die wichtigsten Geschäftsfelder weg und zwang ihn schließlich zum vollen Rückzug. Daraufhin traten die fünf Ratsmitglieder vergangene Woche geschlossen zurück. In einer dürren, nicht einmal eine halbe Din-A-4-Seite füllenden Erklärung wiesen sie auf „schwerwiegende Entscheidungen“ hin, die „ohne unsere Mitwirkung und gegen unseren Rat gefallen sind“. Als Autoren wollen sie dem Verlag verbunden bleiben. Ulla Berkéwicz ist am Ziel. Sie hat zur Zeit auch die Sympathien der Branche und sogar der meisten Autoren und Suhrkamp-Kunden hinter sich, die sich von ihr eine kraftvolle, gediegene Geschäftspolitik erhoffen. Gerade daran hatte es bei Suhrkamp in den letzten Jahren arg gemangelt. Das Profil des Verlages verfiel, alle möglichen Affären und Pannen brachten das Haus in eine immer schlechtere Beleuchtung und machten es streckenweise sogar zur öffentlichen Lachnummer. „Dokumentationen“ von Holocaust-Opfern erschienen bei Suhrkamp, die von A bis Z erlogen waren und den schärfsten Protest der Historiker hervorriefen. Bücher wurden zur Ausgabereife gebracht, Voraus-Exemplare bereits an Rezensenten verschickt – um schließlich im allerletzten Augenblick doch wieder zurückgezogen zu werden, aus undurchsichtigen Gründen und mit den fadenscheinigsten Begründungen. In düsterer Erinnerung ist noch das Hickhack um den Roman Martin Walsers „Tod eines Kritikers“, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits vor Erscheinen als „Dokument des Hasses“ und „antisemitisches Machwerk“ verleumdete, worauf es im Stiftungsrat beinahe zu einem Eklat gekommen und ein Buch aus dem eigenen Hause als kriminell denunziert worden wäre. Was bei Walser – wohl aufgrund der großen Prominenz des Autors – gerade noch verhindert werden konnte, das passierte kurze Zeit später mit einem Buch des kanadischen Moralphilosophen Ted Honderich über den Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Besetzung: Das Werk wurde, bereits im Buchhandel, vom Verlag, so gut es ging, aus dem Verkehr gezogen und eingestampft, obwohl einer der Stiftungsräte, Jürgen Habermas, die Publikation vorher ausdrücklich empfohlen hatte. Seit dieser Affäre war das Ansehen des Stiftungsrats auf allen Seiten aufs Nachhaltigste beschädigt, und der neuen Alleinherrin, einer leidenschaftlichen Befürworterin der „Political Correctness“ in jeder nur denkbaren Lebenslage, fiel es leicht, das Gremium ins Abseits zu stellen. Dennoch, der Stiftungsrat existiert nun einmal, und man darf gespannt sein, ob er mit neuen „Räten“ besetzt wird und mit welchen. Wird es bei Suhrkamp endlich einen „Abschied der Gerontokraten“ geben, werden dort endlich jüngere Autoren in den Vordergrund treten? Denkbar ist freilich auch, daß die Advokaten die Konstruktion des Stiftungsrats als mit dem Privatrecht unvereinbar abqualifizieren und die Frankfurter „Räterepublik“ auf diese Weise stillschweigend in der Versenkung verschwindet. Die künftigen Sorgen der Ulla Berkéwicz wären dadurch allerdings nur unwesentlich gemindert. Ihr Haus steht vor schwierigsten Strukturproblemen. Der Gewinn aus Neuerscheinungen nähert sich mit Riesenschritten der Marke Null. Eine „Verschlankung“ erscheint unumgänglich. Die ausgedehnte „Backlist“ des Verlags, also die Werke längst verstorbener berühmter Hausautoren (Hesse, Brecht, Frisch usw.), wird allmählich zur Belastung. Befriedigende Einkünfte daraus durch Neuauflagen unter wechselnden Titeln rücken in immer diffusere Kalkulationsfernen. Der Suhrkamp-Verlag samt seinen Anhängseln (Insel, Klassiker Verlag, Jüdischer Verlag) liegt seit längerem im Gesichtsfeld von Medienkonzernen, die auf eine feindliche Übernahme erpicht sind. Wenn es Ulla Unseld-Berkéwicz gelänge, eine solche Übernahme zu verhindern, wäre das bereits eine bedeutende Leistung

Ahriman Verlag
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