Blutrote Lachen der Ironie

Quentin Tarantino hat Gewaltsalon-, jedenfalls aber feuilletonfähig gemacht. Als "Reservoir Dogs" ihn 1991 über Nacht berühmt machte, entdeckte die Kulturschickeria überall in der Wohlstandsgesellschaft die Lust am Blut. Nicht am echten, versteht sich, gemeint war hier ja nicht Blut, sondern Ironie und die Ästhetik des Häßlichen, Grotesken, Verzerrten, und genau das unverkennbar Künstliche machte seine Filme zu, ähem, Kunst. Sorgen mußte man sich nur um die Konsumenten vulgärer Popkultur-Produkte, die sich in der Videothek heimischer fühlen als im Feuilleton: Was, wenn jene schlichten Gemüter die rote Soße auf der Leinwand doch als Blut sahen und sich daran etwa aufgeilten, statt intellektuelle Distanz zu wahren?

Ausgerechnet um Oliver Stones Mordorgie "Natural Born Killers" – die doch, wie der Regisseur treuherzig bekundete, ebendiese Problematik ganz postmodern zur Schau stellen sollte – entbrannte die leidige Debatte um Zensur und die böse Macht der Bilder. Den Unruhestifter selber läßt all die Aufregung ziemlich kalt: "Was von verweichlichten Westlern für hyper-Brutalität gehalten wird, ist im asiatischen Raum gängiges Entertainment."

Tarantinos langerwarteter vierter Film ist tatsächlich sein siebter – denn auch "True Romance", "Natural Born Killers" und "From Dusk Till Dawn" sind unverkennbar Tarantino-Filme, obwohl andere Regie führten – oder aber sein dreieinhalbter: Ein dreistündiges Blutbad wollte der im Filmgeschäft für seinen kommerziellen Killerinstinkt berüchtigte Miramax-Chef Harvey Weinstein den verweichlichten Westlern nicht zumuten. Der zweite Teil kommt erst im Frühjahr 2004 in die Kinos, und darin liegt die eigentliche Zumutung. Wer Filme lieber ohne monatelange Unterbrechung sieht, muß auf die DVD warten.

"Kill Bill – Volume 1" ist der gnadenlose Rachezug einer ehemaligen Berufsmörderin, deren Kolleginnen ihre Hochzeitsgesellschaft und ihr ungeborenes Kind massakrierten – und zugleich Tarantinos Streifzug durch die Geschichte der cineastischen Gewaltdarstellung. Ein furioser Soundtrack begleitet "die Braut" (Uma Thurman) vom spießigen Pasadena bis in einen märchenhaft verschneiten japanischen Garten, vom Spaghetti-Western im texanischen Staub über die Zeichentrickkunst des Animé zum Samurai- und Yakuza-Genre. Dem kulturbeflissenen Connoisseur offenbaren sich ganz neue Traditionslinien, die der unkultivierteste Filmfreak längst in- und auswendig kannte.

"Kill Bill" entstamme nicht demselben "Quentin-Universum" wie seine übrigen Werke, sondern sei ein "Film-Film", nämlich einer, den die Figuren früherer Drehbücher "sehen würden, wenn sie ins Kino gingen". In seiner Kunstwelt, sagt Tarantino, sind Frauen keineswegs das schwächere Geschlecht, sondern nicht weniger raubtierhaft veranlagt als Männer, besessen von "demselben Trieb, zu töten oder getötet zu werden". Aber selbst im Quentin-Universum haben Frauenkörper gewisse biologische Tücken, und so konnten die Dreharbeiten erst nach der Geburt von Uma Thurmans Sohn beginnen. Das Warten hat sich gelohnt: Als Übermenschin, als Götzin in Gelb, als Fetisch auf unverschämt langen Beinen stakst Thur-man mit aller Nobilität einer Sagengestalt durch die schrille, grelle Comic-Welt, die Tarantino ihr zu Füßen legt. Frieden findet sie nirgends, nur in ihrer Seele herrscht Totenstille. Wie wild tritt, schwitzt, ficht sie, merzt eigenhändig eine Yakuza-Armee aus.

Um trotzdem die Sprache des Feuilletons und nicht der Videothek zu bemühen, ist "Kill Bill" eine avantgardistische Retrospektive, mehr noch als "Pulp Fiction" eine Hommage an den Schund, die Bilanz eines Lebens in schummrigen grindhouse-Kinos. Tarantino wuchs in Manhattan Beach südlich von Los Angeles auf und begann seine berufliche Laufbahn hinter der Ladentheke von Video Archives, wo er Kunden einer mündlichen Prüfung zu unterziehen pflegte, bevor sie seine geliebten giallo- und Kung-Fu-Streifen ausleihen durften. Seinen eigenen Jagdtrieb lebt er aus, indem er die Archive plündert, hier ein paar Takte und eine Kameraeinstellung klaut, dort einen Schauspieler oder Serienhelden, und sein Machwerk dann auch noch den legendären Shaw Brothers zuschreibt, die in den sechziger und siebziger Jahren in Hongkong Action-Filme produzierten.

David Carradine, den der jugendliche Tarantino schon Mitte der 1970er als Star der amerikanischen Fernsehserie "Kung Fu" verehrte, spielt die Titelrolle. Altmeister Sonny Chiba haucht dem Ninja-Krieger Hattori Hanzo neues Leben ein, der auf Japans Bildschirmen ähnlichen Ruhm genießt. Freunden jener brutalen Unterhaltung aus Asien sind auch Jun Kunimura ("Audition", "Ichii: The Killer") als Gangsterboß Tanaka und Chiaki Kuriyama ("Battle Royale") als Leibwächterin mit Jo-Jo und Schuluniform bekannte Gesichter. Neben Favoriten aus Tarantinos Plattensammlung setzen Anleihen bei Kinoklassikern der schrägeren Art die musikalischen Akzente. Genug Ironie also, um die einen – und mehr als genug Blut, um die anderen glücklich zu machen. Wer an Tarantino-Filmen vor allem die urkomischen Dialoge schätzt, bei denen Wörter noch schneller hin- und herfliegen als Kugeln, kommt diesmal allerdings zu kurz.

Tarantino behauptet, "Kill Bill" hauptsächlich für sich selbst gedreht zu haben, und man muß keiner Rezeptionsästhetik anhängen, um sich darüber zu ärgern, daß er beim Filmen sichtlich mehr Spaß hatte als das Publikum beim Zuschauen. Dennoch waren begeisterte Stimmen zu hören: "Wenn asiatische Filme immer so unterhaltsam wären, bräuchten wir kein Hollywood mehr!"

Nach 100 Minuten tritt man aus dem Kino in eine andere, epischere Stadt hinaus. Der Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz ragt doppelt so hoch wie sonst, die Herbstsonne gleißt, statt nur zu scheinen. Weh der Zeit, die solche Bilder braucht! Wohl der Zeit, die mit solch verflucht begnadeten Bildermachern gesegnet ist!

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles