Anmerkungen zur Stasi

Der Autor hat sich in seiner im Jahre 2000 an der Erfurter Theologischen Fakultät eingereichten Dissertation das Ziel gesetzt, die menschenverachtenden Methoden des Staatssicherheitsdienstes vor allem in der Anwerbung und Führung inoffizieller Mitarbeiter sowie die bei den Tätern und Opfern ablaufenden psychologischen Vorgänge zu analysieren. Als früherem Mitarbeiter der Außenstelle Erfurt der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes standen ihm instruktive Beispiele aus der Hinterlassenschaft des MfS zur Verfügung, die zum großen Teil als Faksimile abgedruckt werden. Leider widerstand Wanitschke jedoch nicht der Versuchung, den Leser auch darüber hinaus an seinem Wissens- und Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen. So fehlt es nicht an Ausflügen in die Organisationsstruktur des MfS sowie an ausführlichen Zitaten aus den Richtlinien des „Genossen Ministers“. All das konnte man schon anderswo lesen. Auch das geschlossene Weltbild des Marxismus-Leninismus wird gleich mehrmals entlarvt. Überhaupt fehlt es nicht an Wiederholungen der für den Autor besonders wichtigen Gesichtspunkte. Das ermüdet auch den wohlwollenden Leser. Mehr als ärgerlich ist allerdings eine bei wissenschaftlichen Arbeiten nicht selten anzutreffende Marotte, die interessantesten Details in Anmerkungen unterzubringen. Hier wird sie ins Groteske gesteigert. Dem eigentlichen Text auf insgesamt 233 Seiten einschließlich zahlreicher Aktenauszüge und Faksimiles sowie ausführlichem Literaturverzeichnis und Personenregister folgen nicht weniger als 155 in kleinerer Schrift bedruckte Seiten mit insgesamt 883 Anmerkungen. Dieser Teil des Buches ist also umfangreicher als der Haupttext. Die Leserlichkeit wird auch nicht dadurch gefördert, daß große Teile des Textes in grüner Farbe gedruckt wurden und alles, was aus der Selbstcharakterisierung des MfS stammt, kursiv gesetzt ist. So bringt sich das Buch selbst um einen Großteil der beabsichtigten Wirkung. Ein sorgfältiges Lektorat hätte das eigentlich verhindern müssen. Eine vertane Chance für ein durchaus faktenreiches Buch. Matthias Wanitschke: Methoden und Menschenbild des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Köln 2001, Böhlau Verlag, 409 Seiten, 41 Euro

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