An der Quelle der Lebenskraft

In den gängigen Literatur-Lexika sind die Angaben zu Edward Bulwer-Lytton meist recht dürftig. Er war ein englischer Romancier und Politiker, der bereits im Alter von siebzehn Jahren mit Gedichten an die Öffentlichkeit trat und dessen literarisches Werk alle Gattungen umfaßte, liest man dort. Bis auf die Romane „Der Untergang von Pompeji“ und „Rienzi“ sei er jedoch heute vergessen. Tatsächlich ist Bulwer-Lyttons Lebenslauf so ungewöhnlich, daß eine nähere Beschäftigung mit ihm sich noch heute lohnt. Bulwer-Lytton wurde am 25. Mai 1803 als dritter Sohn des Generals William Earl Bulwer of Heydon Hall und der aus einem alten englischen Adelsgeschlecht stammenden Elizabeth Barbara Lytton of Knebworth geboren. Als er vier Jahre alt war, starb sein Vater, und die Mutter übernahm nun die Erziehung des Jungen. Noch während er die staatliche Schule in Ealing absolvierte, veröffentlichte er 1820 seinen ersten Gedichtband „Ismael“. Bulwer-Lytton nahm ein Studium an der Universität von Cambridge auf und heiratete im August 1827 die Irin Rosina Doyle Wheeler. Daraufhin entzog ihm seine Mutter, die mit dieser Ehe nicht einverstanden war, die finanzielle Unterstützung. Aus dieser Notlage heraus entschloß er sich, die Literatur, die er bislang als Hobby betrachtet hatte, zu seinem Beruf zu machen. Noch 1827 erschien sein erster Roman „Falkland“, ein Jahr später der Kriminalroman „Pelham“ und 1830 „Paul Clifford“, ebenfalls ein Detektivroman. Obwohl er sich nun einen relativ aufwendigen Lebensstil leisten konnte, waren seine Ambitionen damit keineswegs erschöpft. Bulwer-Lytton trat der Liberalen Partei bei und kandidierte 1831 für das Parlament. Fast gleichzeitig gründete er die Literaturzeitschrift New Monthly Magazine. Nach einer ernsten gesundheitlichen Krise beschloß er, gemeinsam mit seiner Frau eine längere Italienreise zu unternehmen, um sich im warmen Süden wieder zu erholen. Doch bereits kurz nach ihrer Rückkehr trennte sich das Paar. Im gleichen Jahr erschien „Die letzten Tage von Pompeji“. In diesem historischen Roman, der zu einem Klassiker der Weltliteratur werden sollte und mehrfach verfilmt wurde, schilderte Bulwer-Lytton in einem bis dahin nicht gekannten realistischen Stil, dessen Einzelheiten sich auf sorgfältige Quellenstudien stützten, den Untergang der Stadt beim Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. Im Mittelpunkt dieser fesselnden und schicksalhaften Geschichte steht die Liebe des jungen Griechen Glaukus zu der schönen Jone. Aber ihr Glück wird bedroht durch den reichen und mächtigen Ägypter Arbaces, den Oberpriester des Isis-Tempels, der Jone begehrt und mit allen Mitteln versucht, sie für sich zu gewinnen. Da wird plötzlich die Stadt durch einen Vulkanausbruch heimgesucht und unter heißen Lavaströmen begraben. Der Autor beschreibt das farbenprächtige Bild vom Glanz und der Zerstörung der berühmten Stadt am Golf von Neapel, ihre prachtvollen Bauten, aber auch die Sitten und Vergnügungen der grausamen Gladiatorenkämpfe und der ersten noch heimlich stattfindenden Versammlungen der Christen in jener Zeit mit der vielschichtigen Fülle eines Monumentalgemäldes. 1835 erschien mit „Rienzi“ ein weiterer historischer Roman. Die Geschichte um den römischen Tribun Cola di Rienzo beeindruckte nur wenige Jahre später Richard Wagner so stark, daß er seine gleichnamige Oper, die im Oktober 1842 in Dresden zur Uraufführung gelangte, auf Bulwer-Lyttons Werk aufbaute. Sein nächster Roman „Zanoni“ (1842), dessen Kurzfassung bereits in der von ihm herausgegebenen Kulturzeitschrift Monthly Chronicle erschienen war, spielt während der Französischen Revolution. Dabei geht es jedoch weniger um politische Themen als um esoterisch-okkulte Strömungen jener Zeit wie die aus dem späten Mittelalter stammende geheime Bruderschaft der „Rosenkreuzer“. Gustav Meyrink lobte den Roman, der sozusagen ein völlig neues Genre kreierte, als „Erleuchtung“ und „unvergleichlich“. Sein politisches Engagement für die Liberalen hatte Bulwer-Lytton inzwischen beendet und war zur Konservativen Partei übergetreten, für die er vierzehn Jahre im Unterhaus saß. 1858/59 avancierte er gar zum englischen Kolonialminister, wurde ins Oberhaus berufen, und die Königin verlieh ihm den Titel eines Earl Lytton of Knebworth. Doch auch auf literarischem Gebiet konnte er weitere Erfolge feiern. 1871 erschien „The Coming Race“, ein esoterischer Roman, von dem ein Jahr später bereits die siebte Auflage gedruckt werden mußte. 1874 erschien die erste deutsche Übersetzung unter dem Titel „Das Geschlecht der Zukunft“. Der deutsche Titel wurde jedoch noch mehrmals geändert, so 1922 in „Vril oder eine Menschheit der Zukunft“ und zuletzt 1980 in „Das kommende Geschlecht“. In „The Coming Race“ geht es um einen jungen Amerikaner, der gemeinsam mit einem Freund die stillgelegten Schachtanlagen eines Bergwerks erkundet. Im Verlauf ihrer Forschungen stoßen die beiden auf eine unterirdische Höhle, in der sie eine strahlende Lichtquelle entdecken. Durch einen tragischen Zufall verunglückt der Freund während dieser Expedition tödlich, während der junge Amerikaner schließlich in eine katakombenartig ausgedehnte Höhlenlandschat gerät und hier auf eine unbekannte Rasse stößt. Die „Vrilya“ sind jedoch durchaus menschenähnlich und nehmen den Eindringling gastfreundlich bei sich auf. Der Protagonist erkennt schließlich, daß diese Rasse, die einst selbst auf der Erde existierte, aber durch große Naturkatastrophen gezwungen wurde, in das Erdinnere auszuweichen, auf einem hohen zivilisatorischen Niveau lebt. Und sie hat eine natürliche Energie entdeckt, die ihr eine sehr hohe Lebenserwartung, materiellen Reichtum und gleichzeitig eine gelassene Weisheit beschert: das „Vril“. Nachdem der Held sich zunächst recht wohlfühlt, schlägt die „Gleichmäßigkeit und Einförmigkeit“ dieser Lebensform bald in Überdruß um. Er kann schließlich entkommen, schweigt aber lange Zeit über seine Entdeckung. Erst als ihm eröffnet wird, er sei unheilbar krank, entschließt er sich, sein Schweigen zu brechen und seine Abenteuer im Land der Vrilya für die Nachwelt zu veröffentlichen, um „vor dieser Zukunft der Menschheit zu warnen“. „The Coming Race“ war zwar nur ein phantastischer Roman im Stil von Jules Verne, aber sein Einfluß auf bestimmte esoterische Kreise und okkulte Gesellschaften war enorm. Vor allem die von Bulwer-Lytton so eindringlich beschriebene energetische Konzeption der Vril-Kraft hatte es Theosophen wie Helena Blavatsky und Anthroposophen wie Rudolf Steiner angetan. Aber der Vril-Mythos wirkte auch stark auf andere geheime Verbindungen ein. Die legendenumwobene Berliner „Vril-Gesellschaft“, besser bekannt unter dem Namen „Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland“, experimentierte in den frühen 1930er Jahren mit einer auf der sogenannten Freien Energie beruhenden „Dynamotechnik“, die sich wiederum an Bulwer-Lyttons Vril-Begriff orientierte. Wilhelm Reichs „Orgonenergie“ wies ebenfalls starke Ähnlichkeiten mit der Vril-Kraft auf. So geschah es, daß der von Bulwer-Lytton in „The Coming Race“ ins Leben gerufene Vril-Mythos bestimmte politisch und weltanschaulich geschichtsmächtige Strömungen beeinflußte. Der Autor selbst hat diese Nachwirkungen seiner phantastischen Erfindungsgabe allerdings nicht mehr erlebt. Im Alter von 69 Jahren starb Bulwer-Lytton am 18. Januar 1873 in Torquay. Edward George Bulwer-Lytton (1803-1873): Literat aus Geldnot/ „Die letzten Tage von Pompeji“, dtv

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