Aggressiver Schwanengesang

Das Konzept des von der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) und CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach angeregten „Zentrums gegen Vertreibungen“ kann man für überfrachtet halten, trotzdem verdient die Vertriebenen-Präsidentin großen Respekt: Sie hatte den Mut, fast im Alleingang und unbedankt von ihrer Partei den Kampf gegen den Zeitgeist in Amts- und Redaktionsstuben aufzunehmen. Es könnte sogar sein, daß sie den Auftakt zu einem längst fälligen Kulturkampf gegeben hat. Wie das Zeit-Interview von Außenminister Joschka Fischer in der vergangenen Woche zeigt, birgt das Thema den Zündstoff dafür. Fischers Ablehnung des Zentrums in Berlin ist nicht überraschend, doch seine Infamie und Aggressivität übertrifft alle Erwartungen. Das Zentrum würde, meint er, „zu einer völlig falschen Debatte (führen), die da lautet: Die Deutschen waren auch Opfer. Damit relativiert man die historische Schuld und kommt in die unheilvolle Konfrontation einer verzerrten Geschichtswahrnehmung, die weder der Wirklichkeit entspricht noch unseren europäischen Interessen.“ Was wohl bedeuten soll, daß er, Fischer, weiß, was die „Wirklichkeit“ ist und wie eine „richtig“ geführte Debatte auszusehen habe. Eine Begründung, warum Deutsche keine Opfer waren, kann er natürlich nicht liefern. Er betreibt nicht einmal Rabulistik, nur tautologische Zirkelschlüsse, die die Erwiderung nicht lohnen. Fischer leugnet historische Fakten. Er will die Deutung einer der furchtbarsten Erfahrungen der Deutschen seiner eigenen, bizarren Weltsicht (die er fälschlich als „unsere europäischen Interessen“ ausgibt) unterordnen. Auf die Frage, ob es Tabus gebe, antwortet er: „Von wegen Tabu. Meine ganze Kindheit und Jugend besteht aus diesen Geschichten von Vertreibung, Besatzung, Bombennächten und den Treffen der Heimatvertriebenen.“ Man hat es sich denken können: Der inzwischen 55jährige befindet sich noch immer nicht auf dem Weg zu sich selbst, sondern auf der Flucht vor den Eltern. Was seine Privatangelegenheit wäre, wenn er seine Familienneurosen nicht ausgerechnet in die Politik hineintragen würde. Auf die Frage: „Haben die Linken ein schlechtes Gewissen gegenüber Vertriebenen?“ sagt der Sohn ungarndeutscher Eltern: „Ich habe kein schlechtes Gewissen gegenüber mir selbst.“ Das ist eine grüne Version von: „Der Staat bin ich.“ Der Bundesaußenminister ist einerseits größenwahnsinnig, andererseits ein egomanisches Kind, das seinen Elternhaß gegen das Land richtet, dem er sich qua Amtseid verpflichtet hat. Das Interview enthält die Fischer-typische Mischung aus Gemeinplätzen und Halbbildung. Die Vertreibung, meint er, sei allein aus dem deutschen Hang zur „Selbstzerstörung“ zu verstehen. Dieser Traditionsstrang existiert tatsächlich, aber kein seriöser Historiker – auch diejenigen nicht, die das Zentrum in Berlin ablehnen – reduziert die Vertreibungsgründe darauf. Hinzu kommen nämlich der Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der in den Nachbarstaaten nicht schlechter als in Deutschland grassierte, die panslawistische Ideologie, die in den 1850er Jahren die Zurückdrängung der Deutschen auf die Linie Stettin-Triest als Ziel proklamierte (das 1945 ja auch erreicht wurde), die Diskrepanz zwischen technischen Möglichkeiten und ihrer moralischen Kodifizierung, der Geist und Buchstabe des Versailler Vertrages und noch einiges mehr. Außerdem brauchte Stalin keinen Hitler als Vorbild, um zu morden und zu deportieren, sondern er war dessen logischer Prius. Fischer taugt nicht zum Geschichtsdenker, er ist nur ein Ideologe. Er fürchtet, daß ein Zentrum das Holocaust-Denkmal als „das zentrale Element“ deutscher Erinnerungspolitik – wie er sie versteht – konterkarieren würde. Wolfgang Wippermann, Fischers Bruder im Geiste, der einmal ein respektabler Faschismus-Forscher war, ehe er zum Verfasser von Antifa-Pamphleten verkam, hatte während der Walser-Bubis-Debatte dekretiert: „Wir müssen an der Holocaust-Fixierung festhalten!“ Das evoziert die Frage: Wer ist „wir“, und warum „muß“ man? – und führt zu der Schlußfolgerung, daß der sich anbahnende Kultur- ein handfester Machtkampf ist. Fischers Position weist ihn als politischen Kopf und Symbol der arrivierten 68er Generation aus. Diese Generation hat seit den siebziger Jahren die Dominanz in Kultur und Presse erobert, seit den Achtzigern nimmt sie die meisten Kommandohöhen der Länder und seit 1998 auch der Bundespolitik ein. Die Ergebnisse, die sie vorzuweisen hat, sind eine einzige Schadensbilanz: Die Staatskassen sind geplündert, die Sozialsysteme bankrott, der ausufernde Staat zu ihrer Beute geworden, die „reformierten“ Schulen und Universitäten sind am Ende. Diese Bilanz wird durch die geistige, politische und handwerkliche Inkompetenz von Schröder, Fischer & Co. täglich verschlimmert. Fischer hat als Außenminister eine Menge schöner Bilder produziert, die seine Wichtigkeit und Weitsicht demonstrieren sollen, doch die Fakten sehen anders aus: Demnächst dürfen noch mehr deutsche Soldaten am Hindukusch Kopf und Kragen riskieren, damit das Verhältnis Deutschlands zu den USA, das Rot-Grün im Wahlkampf 2002 mutwillig ramponiert hat, wieder repariert wird. Nur um an der Macht zu bleiben, geht man virtuell auch über Leichen. Was zählen da erst zwei Millionen Vertreibungstote! Überwölbt und legitimiert wird der Machtanspruch durch eine vorgebliche Moral- und Geschichtskompetenz, die sich als Psychoterror gegen die eigene Bevölkerung entäußert. Denn nichts anderes bedeutet das von Fischer ausgesprochene Trauerverbot über die Vertreibung. Seine Ausfälle sind auch ein Schwanengesang. Das Ansehen der Regierung ist im Keller, gerade hat der Kanzler eingeräumt, die Regierung habe die Probleme des Landes jahrelang unterschätzt. Weniger zurückhaltend ausgedrückt: Das ganze Reformgerede, die 68er Debattenkultur, die ausgreifenden Weltverbesserungspläne haben sich vor der Wirklichkeit als Larifari erwiesen! Für die sendungsbewußte Fischer-Generation geht es jetzt um alles oder nichts: Wenn es ihr nicht gelingt, ein für allemal bewußtseinsändernd in die kollektive Psyche einzugreifen bzw. die schon erreichten Verwirrungen in Stein zu meißeln, wenn statt dessen die deutschen Untertanen zu Citoyens werden und die Plagegeister abschütteln, dann müssen sie nicht nur eine Evaluierung ihrer unverdienten Pensionsansprüche befürchten, sie werden auch in die Geschichtsbücher als die schlimmste Generation eingehen, die seit 1945 über Deutschland gekommen ist. (Von den SED-Gerontokraten einmal abgesehen.) Fischer spricht nur vordergründig aus einer Position der Stärke. Ein Geschichtsbild, das die Konfrontation mit den Fakten fürchten muß und nur durch Tricks, Schummeleien und Drohungen aufrechtzuerhalten ist, hat keine Zukunft. Fischers scheinbare Stärk beruht nur noch auf der Schwäche und Feigheit der anderen, der sogenannten bürgerlichen Kräfte. Wer könnte ihm denn als Außenminister nachfolgen? Pflüger? Westerwelle? Es sind wahrlich famose Gestalten, die das „bürgerliche“ Lager als Alternativen aufzubieten hat. In der Publizistik sieht es kaum besser aus. Daß die Enthüllung seiner Schlägerkarriere 1999 nicht zum Ende der Ministerlaufbahn geführt hat, lag vor allem daran, daß die Presse es nicht wagte, einen Zusammenhang zwischen dem Straßenkämpfer und dem Politiker Fischer herzustellen. Damals entluden seine destruktiven Energien sich in physischer Gewalt, heute hat er sie ins Politische sublimiert, um ihren Effekt zu maximieren. Das Zeit-Interview jedenfalls hat den Blick in einen brodelnden Vulkan freigegeben. Wenn Patrick Bahners, der Feuilleton-Chef der FAZ , jetzt zürnt, wie weit es in diesem Lande schon gekommen sei, wenn das Volk von der eigenen Regierung die Trauer um seine Opfer ertrotzen müsse, dann kann man ihm nur zurufen: Gut geschnurrt, Kätzchen! Aber wo war Bahners eigentlich, als auf den von ihm verantworteten Seiten Lorbeerkränze für den eloquenten Dünnbrettbohrer gewunden wurden? Bahners und Schirrmacher mögen ihre Haltung damals für souverän und überlegen ironisch gehalten haben – für einen Machtmenschen wie Fischer waren sie nur nützliche Idioten. Es geht nicht nur um das Zentrum gegen Vertreibung in Berlin. Es geht darum, ob dieses Land völlig dem Fischer-Wahnsinn verfällt – oder ob es sich endlich von ihm freimacht. Die Zeit ist reif dafür.

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