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Zu Gast beim Großen Heinrich

Ach, wir wollen heute nicht über Friedrich reden.“ Nein, wir müssen nicht über den König sprechen, den schon die Mitwelt den „Großen“ nannte. Wir brauchen nur über seinen Bruder zu reden: Heinrich, dem zu Ehren bei strahlendstem Prinzenwetter – das Wasser des Grienericksees glitzert juwelenhaft unter der Sonne – das Schloß Rheinsberg sich aufwendig geputzt hat. 200 Jahre nach dem Tod Prinz Heinrichs von Preußen hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten das Gebäude und den Garten fast vollständig instand gesetzt, die sich noch 1990 in einem grauenerregenden Zustand befanden: ausgetrieben der Geist eines Mannes, der Rheinsberg prägte wie kein zweiter. Der kluge und geistvolle Theodor Fontane, dessen „Wanderungen“ sich auch dem Erlebnis Rheinsberg, diesem Juwel in der Streusandbüchse der Mark Brandenburg, verdanken, hat ihn einmal „klug und geistvoll“ genannt. Die Geschichte ist seitdem über ihn hinweggegangen, denn stets stand sein Bruder Friedrich im Mittelpunkt der preußischen Historiographie. In Rheinsberg aber lebte Friedrich nur vier Jahre, bevor Heinrich in einem vollen halben Jahrhundert die Residenz zu einem geistigen Mittelpunkt Europas machte. Voltaire nannte, durchaus nicht lobhudelnd, Rheinsberg einen „Ort von Kunst und Glanz im nördlichen Europa“. War Friedrich nach seinem Amtsantritt der gehaßteste Herrscher des Kontinents, so galt Heinrich bald als einer der geachtetsten Diplomaten, dem man sogar das Königtum in einer konstitutionellen Monarchie der Vereinigten Staaten von Amerika anbot. Die wunderbar ausgestattete Ausstellung würdigt ihn denn auch – durchaus nicht nur im zeitgeistigen Sinn – als europäischen Staatsmann, als liberalen und weltoffenen, humorvollen und herzensklugen Menschen und Politiker. Kein Ort wäre dazu besser geeignet als das Bauwerk, dessen ästhetische Originalität zutiefst anrührt: weil hier der Schönheitskult des Rokoko noch einmal zu einer Blüte kam, die so originell wie – bei aller äußeren Pracht – bescheiden ist. Daß sie ganz nebenbei noch von der Intelligenz der Kunst zeugt, von den Interessen des Herrschers, der zu den frühesten Freunden der Archäologie gehörte, ist ein bewegender Mehrwert: zauberhaft die Scheinmalerei in den „Grottenzimmern“, entzückend die pompejanischen Zitate in der Schlafkammer. Heinrichs Gemäldesammlung enthielt durchweg erstrangige Stücke, die mit Watteau und Chardin das Beste ihrer Zeit repräsentieren. Seine Bibliothek ist die eines Liebhabers der Literatur, der Künste, der Wissenschaften, auch eines Analytikers der modernen Gesellschaft, die nachweislich benutzt wurde. Kein Zufall, daß Heinrich zu den Abonnenten der Journale Diderots wie der „Encyclopedie“ gehörte. Was für seinen kriegstreibenden Bruder hohle Theorie blieb, wurde bei Heinrich zum kritischen Interesse für die Verwerfungen der Zeit. So konnte er nach dem Sturm auf die Bastille etliche französische Emigranten aufnehmen, ohne mit den übrigen Herrschern Europas zum Angriff auf Frankreich zu blasen. Heinrich war auch ein Opern- und Sprechtheaterfreund, der ungewöhnlicherweise selbst inszenierte. Ihm verdankt die Theatergeschichte die deutsche Erstaufführung eines der prägenden Werke der Epoche: Christoph Willibald Glucks „Iphigenie en Tauride“ wurde hier schon 1785 gebracht, womit eine jahrzehntelange Aufführungsserie begann, die die Besucher aus der gesamten musikalischen Welt anlockte, hatte doch das Rheinsberger Hoftheater einen außerordentlich guten Ruf. Er dürfte sich weiter befestigen, wenn Produktionen wie „Iphigenie in Rheinsberg oder Prinz Heinrich inszeniert eine Oper“ auf die Bühne des Hauses gebracht werden, das im Jahre 1999 vom Festival Kammeroper Schloß Rheinsberg wiedereröffnet wurde. Im rein funktional konstruierten Theatersaal, an dessen ursprünglichen Bau nur noch die Außenmauern einer Kriegsruine erinnern, können wir ihm bei der Arbeit zuschauen: Prinz Heinrich, der für knapp zwei Stunden aus der Gruft klettert, um nicht allein „seine“ Oper über die Utopie der brüderlichen Freundschaft und den Unsinn des Kindsopfers zu inszenieren, sondern zugleich in die tiefe Vergangenheit zu steigen: schimpfend über den hartherzigen Bruder, den er doch zugleich so liebt, daß die Wunde Friedrich auch nach zwei Jahrhunderten immer noch schwärt. Angelica Domröse hat das Monologstück Anton Perreys, eine Abhandlung auch über die Wahrheit der Bühne, inszeniert und so virtuos wie menschlich gespielt, um dem Virtuosen des Glücks und dem Menschen Heinrich Reverenz zu erweisen. Der Theatermacher Heinrich aber drängt auf Präzision und Ausdruck, den die Sänger der Kammeroper Rheinsberg ihm gerne geben, wenn sie Szenen aus der „Iphigenie“ bringen: nicht als unterhaltende Zugaben, sondern als integralen Bestandteil, denn Glucks Musik, diese unendlich lang ignorierte Ausdrucks- und Seelenkunst, klingt hier schlichtweg anders: empfindsamer, authentischer, sinnvoller als in ihrer bloß ästhetischen Existenz auf einer Opernbühne. Wenn der Prinz in seiner sentimenterfüllten Geisterstunde des unglücklichen Fräuleins von Marschall gedenkt, die mit zwanzig Jahren im Kindbett starb, wird die scheinbar banale Sentenz zum tief berührenden Verzweiflungsruf: „Warum finden, die so leidenschaftlich ihr Glück suchen, so erbarmungsloses Unglück?!“ Und die Musik gibt mit dem Trauerchor der Priesterinnen den einzig passenden Kommentar. Worüber man nicht reden kann, darüber muß man singen. So bewegend und stimmungsvoll feiert man in Schloß und Schloßtheater Rheinsberg einen Mann, der wohl weit besser zum heutigen Europa paßt als sein berühmter Bruder. Die Ausstellung im Schloß Rheinsberg läuft bis zum 27. Oktober. Der Katalog ist im Deutschen Kunstverlag erschienen und kostet 78 Euro.

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