„Das Kind sollte vielleicht besser sterben“

Torsten war doch unser Wunschkind“, sagt Hartmut Rührdanz. Einmal, zweimal, immer wieder. Als ob er sich dafür rechtfertigen müßte. Der Ernst ist ihm anzumerken. Bei diesen scheinbar harmlosen Worten wird der kräftige Rentner aus Ost-Berlin, der sonst Zuversicht und Gelassenheit ausstrahlt, immer noch wütend. Er fährt fort: „Die Kommunisten, diese Wölfe im Schafspelz, haben unseren Jungen auf dem Gewissen. Die haben ihn zum Krüppel gemacht.“ Das Wunschkind Torsten kommt am 27. Januar 1961 mit schweren körperlichen Schäden zur Welt. Der Säugling spuckt vom ersten Moment an Blut, kann keine Nahrung zu sich nehmen. Ein verzweifelter Kampf um sein Überleben beginnt, doch die Voraussetzungen dafür sind im Gesundheitssystem der DDR die denkbar schlechtesten. So bringen Hartmut und Sigrid Rührdanz ihren Sohn in ein Krankenhaus nach West-Berlin. Dort lautet die niederschmetternde Diagnose: Zwerchfellbruch. Ein weiteres Überleben kann nur durch Spezialnahrung gewährleistet werden. Da es diese in der DDR jedoch nicht gab, mußte Rührdanz jeden Montag zwei lebenswichtige Präparate aus einem Krankenhaus in West-Berlin holen. Über Nacht finden die Besorgungsfahrten jedoch ein jähes Ende. Am 13. August riegeln Polizei und Betriebskampfgruppen alle Zugänge von Ost nach West-Berlin ab, die Stadt wird entlang der Sektorengrenze geteilt. Hartmut Rührdanz steht der neuen Situation machtlos gegenüber; die Medikamente aus dem Westen kann er nicht mehr bekommen. Der Arzt, der am Tag darauf am Brandenburger Tor die Medikamente übergeben will, wird von Mitgliedern der Kampftruppen schroff zurückgewiesen. Und das, obwohl er beteuert, daß die Medikamente lebenswichtig seien. Für die verzweifelten Eltern beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie machen sich auf den Weg zum Gesundheitsministerium. Doch die Hoffnung, hier eine Reiseerlaubnis zu bekommen, ist vergebens. Sie werden mit zwei Sätzen abgespeist: „Wenn das Kind so krank ist, sollte es vielleicht besser sterben. Im Übrigen ist die bei uns produzierte ‚Kina‘ ja wohl auch eine brauchbare Kindernahrung.“ Torstens Zustand verschlechtert sich stetig. Der Säugling bricht Blut, muß schließlich in die Charité, das renommierteste Krankenhaus der DDR, gebracht werden. Aber auch dort fällt den Ärzten nichts anderes ein, als einen Polizeiwagen mit Blaulicht zu den Eltern zu schicken – in der irrigen Hoffnung, dort könne noch etwas von den dringend benötigten West-Präparaten übrig sein. Danach entscheidet die Charité kurzerhand, das schwerkranke Kind nach West-Berlin zu bringen. Torsten, noch nicht einmal ein Jahr alt, darf die Sektorengrenze passieren. „Wahrscheinlich war dies seine Rettung“, resümiert der Vater heute mit sichtlichem Abstand. „Mittlerweile stehe ich Gott sei Dank über den Dingen“, versichert er. Seine Emotionen kann er trotzdem nicht ganz verbergen. Für die Eltern bleibt die Mauer geschlossen – auch als Torsten in den folgenden Monaten immer und immer wieder operiert wird. Die besorgten Eltern können sich über Torstens Zustand nur indirekt bei Verwandten aus dem Westen informieren. Ihre verzweifelten Bemühungen, einen Passierschein zu bekommen, um ihren Jungen besuchen zu können, sind vergebens. Als Begründung bekommt Rührdanz zu hören, er müsse die Friedensmaßnahmen der DDR doch verstehen. Darauf der Vater: „Auch auf Kosten eines Säuglings?“ Keine Reaktion. „Was blieb uns denn damals außer Flucht?“, fragt Hartmut Rührdanz. Zusammen mit seiner Frau sucht er hektisch nach einer Möglichkeit, zum Sohn in den Westen zu kommen. Mit gefälschten Papieren will das Ehepaar im Februar 1962 über Skandinavien ausreisen. Es kommt aber nicht dazu, weil eine Warnung vor verstärkten Kontrollen eingegangen war. Die geplante Flucht muß abgebrochen werden. Doch Hartmut und Sigrid geben nicht auf. Durch Kontakte nach West-Berlin erfahren sie ein halbes Jahr später von einem Tunnel-Projekt. Nach reiflicher Überlegung beteiligen sie sich daran. Hartmut Rührdanz bekommt die Aufgabe, Informationen weiterzugeben. Diese findet er in einer Telefonzelle, die als toter Briefkasten genutzt wird. Er nimmt Kontakt zu Fluchtwilligen auf, informiert diese, zu welchem Zeitpunkt sie nach Berlin kommen sollen. Die Wohnung von Hartmut und Sigrid Rührdanz wird zur Anlaufstelle. Dort erhält die Gruppe detaillierte Anweisungen, wie sie sich zu verhalten hat. Doch einige der Fluchtwilligen waren bereits vorher aufgefallen und im Visier der Stasi; der Plan fliegt auf. Am 28. Februar 1963 wird Hartmut Rührdanz zusammen mit seiner Frau Sigrid verhaftet. Danach verlieren sich die beiden aus den Augen, die Familie wird nun endgültig auseinandergerissen. Das Verhör dauert 22 Stunden, erinnert sich Hartmut Rührdanz genau. Die Essensaufnahme verweigert er anschließend. „Wenn es stimmt, daß ich ein Verbrecher bin, nehm ich nichts.“ Auf diese Worte ist der rüstige Rentner heute noch stolz. „Ja, ich hab mir meine Prinzipien bewahrt“, lächelt er. Am 13. August 1963 kommt das Urteil für das Paar: Jeweils vier Jahre Haft wegen „fortgesetzten gemeinschaftlich handelnden illegalen Verleitens zum Verlassen der DDR“. Hartmut ist nun auf sich allein gestellt – getrennt von Frau und Sohn, mürbe gemacht durch pausenlose Vernehmungen. Doch er bleibt stark. „Angst in dem Sinn kenn ich nicht.“ In der Untersuchungsanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen, in dem beide einsitzen, kann Hartmut Kontakt mit seiner ebenfalls dort inhaftierten Frau aufnehmen. Durch Klopfsignale. Einmal bei einer Gegenüberstellung bekommt er sie zu Gesicht. Ein kurzer Moment des Glücks. Dann wird Rührdanz nach Bautzen verlegt; die Wege von Hartmut und Sigrid trennen sich. Der Alptraum für das Paar endet am 20. August 1964. Nach über einem Jahr werden sie von der Bundesrepublik freigekauft, müssen aber in der DDR bleiben. Das Wiedersehen in Freiheit – für Hartmut Rührdanz „ein unvergeßlicher Moment“. Der Sohn jedoch ist weit weg, noch immer bettlägerig im Krankenhaus. Ein Jahr später gelingt es dem Pflegepersonal im Westen, den Zustand von Torsten soweit zu stabilisieren, daß er endlich nach Hause kann. Seine Eltern kannte der inzwischen dreijährige Junge nicht mehr. „Er sprach uns mit ‚Sie‘ an“, sagt der Vater traurig, während er an die Szene denkt. Er sah ein verschüchtertes, schmächtiges Kind, mit auffallend großen, ängstlichen Augen. Torstens Leidensweg setzt sich nun in verschiedenen Krankenhäusern fort. Als Folgeerscheinung seiner unzureichenden medizinischen Behandlung hat das Kind immer wieder mit neuen Problemen zu tun. Viele Ärzte, so lautet Hartmuts bitteres Urteil rückblickend, hätten den Patienten als überaus lästig empfunden. Bis heute kämpft Torsten, inzwischen 40 Jahre alt und verheiratet, mit gesundheitlichen Schäden. Inzwischen hat er sich zum Computerspezialisten ausbilden lassen. Die Spätfolgen aus Komplikationen, die er erlitt, als die Mauer ihn von den Medikamenten abschnitt, machen ihm nach wie vor zu schaffen. Die Stasi hat zeitweise sogar mit dem Gedanken gespielt, ihn als Agenten einzusetzen, weil er doch als Krüppel so vorzüglich getarnt schien. Das liest der entsetzte Vater später in der Stasi-Akte. Hartmut Rührdanz findet als studierter Schiffahrtsingenieur nach seiner Entlassung schnell ins Leben zurück. Er konstruiert Schiffe auf einer Werft, darf sich aufgrund seiner Fähigkeiten sogar selbstständig machen. Er kann ein einigermaßen normales Leben führen. Bis auf die Alpträume aus seiner Haftzeit, die ihn regelmäßig heimsuchen. Der überzeugte Demokrat ist keineswegs verbittert. Voller Tatendrang kann er auch mit 74 Jahren nicht ruhig sitzen. „Die Wende gab mir neuen Schwung“, schmunzelt er. In seinem Keller zeichnet er heute noch Schiffskonstruktionen, engagiert sich für die Opferverbände. Mehrmals die Woche führt er Besucher durch die Haftanstalt in Hohenschönhausen. Gemeinsam mit Sigrid, seiner Frau. Schon seit Jahren leben sie in Scheidung. Doch das gemeinsam Erlebte ist stärker. „Wir müssen uns helfen und das gegenseitig aufarbeiten“, so Hartmut Rührdanz entschlossen.

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