Zeit der Inseln

Wir befinden uns im Inselzeitalter: Mit 38 sieht sich Will (Hugh Grant) als tropisches Paradies, Ibiza zum Beispiel. Schwedische Touristinnen fliegen auf ihn. Auch andere Urlauberinnen sind willkommen, solange sie keine Anstalten machen, sich häuslich niederzulassen. Neuerdings hat er sich auf alleinerziehende Mütter spezialisiert. Die sind schön anspruchslos und beenden die Beziehung irgendwann von selber, ohne tränenreiche Szenen zu machen. Ihr einziger Nachteil ist, daß sie Kinder haben: eigene und die ihrer depressiven Freundinnen. Auf Dauer kann das nicht gutgehen – wo bliebe sonst die dramatische Spannung? Aber wer aussieht wie Hugh Grant und nicht zu arbeiten braucht, weil sein Vater ein populäres Weihnachtslied geschrieben hat, kommt vielleicht tatsächlich durchs Leben, ohne allzuviel Schaden am Herzen oder anderen Organen zu nehmen. „Mir hat an der Rolle gefallen, daß ich das Leben eines Faulenzers, der in London rumgammelt und den ganzen Tag fernsieht, sehr gut kenne“, gesteht der Schauspieler selbst. „Interessiert hat mich aber auch, wie dieses verführerisch bequeme Junggesellendasein auf einmal seinen Reiz zu verlieren beginnt, wenn man auf die Vierzig zugeht.“ „About a Boy – Der Tag der toten Ente“ verwebt die Abenteuer eines Mannes, der sich bei Amnesty International zum Telefondienst meldet, um Frauen kennenzulernen, mit der ebenso unoriginellen Geschichte einer harten Kindheit. Dem zwölfjährigen Marcus (Nicholas Coult) scheint das Inseldasein weit weniger attraktiv. Seine Mutter Fiona (Toni Collette) ist der Inbegriff des Uncoolen: Sie trägt selbstgestrickte Wollmützen, besitzt keinen CD-Spieler und kocht unverdaulich vegetarisch – zum Leidwesen besagter Ente. Marcus‘ Klassenkameraden umschiffen ihn, als beherberge er eine Leprakolonie. Während Nick Hornbys Romanvorlage eine kühle Erzähldistanz wahrt, gehen die Brüder Paul und Chris Weitz („American Pie“) ihren Protagonisten unter die Haut. Ihr Film sieht den Londoner Alltag abwechselnd mit Wills und Marcus‘ Augen. Weil Kinder in solchen Geschichten weise und wahrhaftig sind und Männer nie erwachsen werden, hat Will von Marcus Wertvolles zu lernen – über das Mehr und das Weniger, das er von Frauen will: Ihm reiche es, seine Angebetete jeden Tag zu sehen, ohne sie betatschen zu müssen. In dieser seltsam leidenschaftslosen Beziehungskomödie wird viel an Sex gedacht (und dem Klischee gehuldigt, daß Männer reger denken als Frauen), aber nicht einmal ein inniger Kuß ausgetauscht: ein sicheres Zeichen der fortgeschrittenen Verinselung. Die Filmmusik voller melodischer Melancholie hat die britische Musiker Badly Drawn Boy komponiert. Doch schlampig gezeichnet ist keine der beiden Hauptfiguren: Wie schon in seinen früheren Romanen „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ porträtiert Hornby mit gespitzter Feder die Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten einer Spezies, die nicht recht weiß, ob sie sich mehr nach Geborgenheit sehnt oder vor Verantwortung fürchtet. Die Darsteller füllen ihre Rollen mit Witz und Wärme. Ein Kassenerfolg ist diesem Film eigentlich sicher. Frauen werden ihn sich ansehen, weil sie Hugh Grant schon in „Schokolade zum Frühstück“ (1994), „Notting Hill“ (1999) und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ (2001) süß fanden – gestandene Paare, um sich zu vergewissern, daß man zu zweit besser lebt. Singles können sich trösten, daß anderen auch kein Glück in der Liebe beschert ist – oder ihrem neuesten Schwarm mit dem Wissen imponieren, daß nicht Jon Bon Jovi, sondern der englische Lyriker John Donne (1572-1631) geschrieben hat: „Kein Mensch ist eine Insel, im Innern seines Ichs, jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen …; jedes Menschen Tod vermindert mich, weil ich zur Menschheit gehöre.“

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