Verschanzt in tiefen Gräben

Die Zeit der Wahlkämpfe hat begonnen, nicht nur in Deutschland. Auch in Rom – in der souveränen Città del Vaticano – rüstet man zur bevorstehenden Neuwahl des Staatsoberhauptes. Anders als in Deutschland, steht der Termin in der Ewigen Stadt noch nicht fest, denn bekanntlich sind Monarchien nicht an Legislaturperioden gebunden. Papst Johannes Pauls II. Nachfolger kann erst gewählt werden, wenn er in die Ewigkeit abberufen wurde, und das kann trotz seiner angeschlagenen Gesundheit noch eine Weile dauern. Die Unwägbarkeit seines Todes hindert die potentiellen Nachfolger jedoch nicht daran, vorsorglich mit dem Ausheben der theologischen Schützengräben zu beginnen. Zwei Ereignisse der jüngsten Vergangenheit dokumentieren besonders deutlich die Richtungskämpfe im Vatikan: Die kanonische Anerkennung der Gemeinschaft „Johannes Maria Vianney“ in der brasilianischen Diözese Campos und das 2. Religionstreffen in Assisi am 24. Januar 2002. Der Widerspruch und Zusammenhang beider Ereignisse kann nicht groß genug eingeschätzt werden, auch wenn die Medien nur nach Assisi geschaut und den „Fall Campos“ – wenn überhaupt – nur mit einer Randnotiz abgetan haben. Nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965), bei dem die Kirchenfürsten zusammengekommen waren, um die „Braut Christi mit der Welt zu versöhnen“, gab es eine ganze Reihe von Würdenträgern, die sich mit der fundamentalen Reformation der katholischen Überlieferung nicht abfinden wollten. Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991), der sich bei der Christianisierung des französischsprachigen Afrika verdient gemacht hatte, war einer von ihnen. Er gründete 1970 auf Bitten einiger Seminaristen mit ausdrücklicher Erlaubnis Roms im schweizerischen Ecône die „Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX)“ Dort sollten die Priesteramtskandidaten im Sinne der Tradition ausgebildet werden, was vor allem hieß, daß man die Tridentinische Messe las und Theologie auf Grundlagen der Thomistischen Scholastik betrieb. Anthropozentrische Reformen des II. Vatikanums, wie zum Beispiel den „Volksaltar“, die Benutzung der Landessprache statt Latein oder die an etlichen Stellen veränderte Liturgie, lehnte man als „Verwässerung der Wahrheit“ ab. Der Erfolg der Piusbruderschaft wurde von Rom zusehends beargwöhnt, weil man in dem Handeln des Erzbischofs einen Ungehorsam sah, den die progressiven Kreise, zu denen besonders die deutschen Bischöfe gehörten, nicht dulden wollten. Da nur Bischöfe die Befugnis haben, neue Priester zu weihen, schien die Lösung des „Lefebvristischen“ Problems nur eine Frage der Zeit zu sein: Irgendwann mußte der Erzbischof ja sterben und mit ihm die Tradition. Um dieser Gefahr zu begegnen, kam es 1988 zu den berühmt-berüchtigten Bischofsweihen, die Marcel Lefebvre mit Hilfe des brasilianischen Bischofs Antonio De Castro Mayer durchführte. Für Rom war damit das Maß voll, man exkommunizierte den „starrköpfigen Alten“, De Castro Mayer und seine vier Hilfsbischöfe – die von den „Ungehorsamen“ geweihten Priester hingegen blieben von dem Kirchenbann unbehelligt! Bei der Beurteilung der von Rom verbotenen Bischofsweihen kommt es immer wieder zu Fehleinschätzungen. Ohne Zweifel waren sie ein „Akt des Ungehorsams“ (Bischof Krenn im JF-Interview, 49/01). Man übersieht aber gerne, daß ein Erzbischof kirchenrechtlich Hilfsbischöfe konsekrieren darf, ohne das damit eine eigene Hierarchie entsteht. Der gängige Vorwurf, die „Lefebvristen“ seien Schismatiker, ist daher zumindest problematisch, zumal sie an der rechtmäßigen Inthronisation Papst Johannes Pauls II. – anders als die Sedesvakantisten – nicht rütteln. Viel Unsinn liest man auch über die alte lateinische Messe, die bis 1965 allgemein zelebriert wurde. Daß sie durch die neue Messe ungültig geworden ist stimmt nicht: Die „Missa Tridentina“ wurde nach dem Konzil von Trient (1545-1563) von Papst Pius V. für „alle Zeiten“ eingesetzt und bleibt daher für immer gültig, ein Umstand, den Rom im übrigen auch nie bezweifelt hat. Da die Piusbruderschaft die Römische Hierarchie anerkennt und auch kein einziges Dogma der Kirche leugnet, kann man ihr auch nicht den Vorwurf der Häresie machen. Schon gar nicht in Zeiten der „interreligiösen Dialoge“, wo alle möglichen, auch nichtchristliche Konfessionen wohlwollend akzeptiert werden. Maßgebliche Kreise in Rom haben schon längst erkannt, daß sich die Erwartungen des II. Vatikanums nicht erfüllt haben. Der „frische Wind“ des „Aggiornamento“ hat die Kirchen leergefegt, Priester- und Ordensberufungen drastisch dezimiert und die Autorität der Bischöfe ziemlich ramponiert. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß etliche Theologen, die als junge Geistliche die Reformen voll mitgetragen haben, skeptisch geworden sind. Kardinal Ratzinger gehört auch zu ihnen, und es verwundert nicht, daß er – der mit dem Dokument „Dominus Jesus“ so viel Aufsehen erregte (JF 5/01) – mittlerweile als „Panzerkardinal“ zum konservativen Klerus gezählt wird. Ein weiterer Konservativer, der sogar als möglicher Papstnachfolger im Gespräch ist, könnte Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos sein, der sich maßgeblich für die Aussöhnung mit der Gemeinschaft „Johannes Maria Vianney“ eingesetzt hat. Die Traditionalisten werden von dem Nachfolger De Castro Mayers, Bischof Licinio Rangel, geführt und sind kirchenrechtlich als „Apostolische Personaladministratur“ – das entspricht praktisch einer bistumähnlichen Teilkirche – integriert worden. Damit unterstehen sie, ebenso wie die „Personalprälatur Opus Dei“ direkt dem Papst. Daß die juristische Rückkehr in den Schoß der Kirche auch ein bitteres Ende haben kann, konnte man bei einer weiteren, der Tradition verhafteten Gruppe beobachten: Die Petrusbruderschaft, die sich nach 1988 von der Piusbruderschaft abgespalten hatte, ist schon seit Jahren wieder de jure Teil der Kirche, wurde aber gekonnt neutralisiert. Ihre Priester haben keine Gemeinden, müssen neben der tridentinischen auch die neue Messe lesen und wurden durch neues Führungspersonal an die Kandare der Moderne genommen. Praktisch vegetieren die „Petrusbrüder“ inzwischen als museale Besonderheiten in der Kirche vor sich hin und sind weitgehend isoliert. Die Kaltstellung der Petrusbruderschaft hat die Piusbruderschaft alarmiert und bei den lockenden Angeboten Roms besonders mißtrauisch gemacht. Als die Verhandlungen vor über einem Jahr begannen, forderten sie daher als „vertrauensbildende Maßnahme“ die uneingeschränkte Freigabe der alten lateinischen Messe für alle Priester. Rom lehnte ab, forcierte aber gleichzeitig die Aussöhnung mit Campos, um die Piusbruderschaft unter Druck zu setzen. Der Generalobere Bernard Fellay erklärte in einem Gespräch mit dem Schweizer Tagesanzeiger (5. Januar 2002), daß Rom die Versöhnung wolle, weil man offenbar die „Kontrolle über die zu liberalen Kräfte“ verloren habe. Der Papst habe zur Kenntnis genommen, daß die Piusbruderschaft „auch innerhalb der Kirche ihren antimodernistischen Kampf nicht aufgeben“ werde, und Johannes Paul II. habe sich mit dem „Kampf gegen den Liberalismus“ identifiziert. Über ein erstes Treffen am 29. Dezember 2000 mit Kardinal Castrillon Hoyos konnte Bischof Fellay berichten, daß er zum Kampf gegen den „Modernismus innerhalb der Kirche“ aufgefordert worden sei. Umso merkwürdiger erscheint der Rückschritt in die Beliebigkeit, der mit dem Religionstreffen von Assisi stattgefunden hat. Dabei darf man nicht übersehen, daß „Assisi“ von der sehr einflußreichen, liberal-progressiven Gemeinschaft „St. Egidio“ getragen wird. Der Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Martini, ist ihr Mitbegründer; ihm werden, schreibt die Kirchliche Umschau (12/01), auch „päpstliche“ Ambitionen nachgesagt. Martini kann sich auf die Kardinäle Silvestrini, Laghi, Lorscheider und Arns stützen. Möglich wäre auch die Wahl des schon gebrechlichen, aber konservativen Kardinals Tettamanzi. Die letzten Kardinalserhebungen vor einem Jahr haben die Spekulationen über die Nachfolge auf dem Stuhl Petri erschwert, da dem außereuropäischen Klerus ein größeres Gewicht verliehen wurde. In Lateinamerika ist der Klerus konservativer und das „Opus Dei“ stark vertreten. Mit Kardinal Juan Cipriani Thorne und Vatikansprecher Joaquín Navarro-Valls hat das „Werk“ exponierte Vertreter in Rom, aber ob sie tatsächlich zum Zuge kommen, weiß Gott allein. Priesterbruderschaft St. Petrus, Kirchstr. 16, 88145 Wigratzbad, Tel: 0 83 85 / 92 21-0, Fax: 0 83 85 / 92 21-33, E-Post: post@petrusbruderschaft.de Priesterbruderschaft St. Pius X, Stuttgarter Str. 24, 70469 Stuttgart, Tel: 07 11 / 89 69 29 29, Fax: 07 11/ 89 69 29 19, www.fsspx.de .

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