Schwejk und Karl

Der Begriff „Wiedergutmachung“ symbolisiert kurioser Weise seine Widersprüchlichkeit. Nicht nur der Rückgabebereitschaft Zeigende oder Schuld Bekennende macht mit seiner Tat jene Schandtaten wieder gut, die Generationen vor ihm verbrochen wurden. Nebenbei macht er sich selbst „wieder gut“. Der Wiedergutmacher ist zuletzt auch der Wiedergutgemachte und kann sich stolz auf die Schulter klopfen. Bei den Tschechen bekommt das auch noch eine gewisse heitere Dimension. Daß ausgerechnet jene tragische Figur des Schwejks aus der K.u.K.-Monarchie auch noch die bekannteste Tschechische Romanfigur wurde, hat eben jenen heiter-tragischen Hintergrund. Sie sind diesen Österreichern doch ähnlich, die Tschechen. Der „Herr Karl“ aus Wien und der „Herr Schwejk“ aus Prag könnten Brüder sein. Der eine etwas mürrischer als der andere, beide jedoch Überlebenskünstler. Tschechen und Österreicher waren Weltmeister in der Verdrängung ihrer historischen Verantwortung gegenüber den Opfern des Zweiten Weltkrieges. Niemand möchte die Bilder vergleichen, als die Deutschen in Wien und Prag einmarschierten. Hier jubelnde Massen, dort aber weinende Menschen in den Straßen. Doch die Enteignung der Juden und ihre spätere Deportation wurde in Prag von der Bevölkerung ebenso unterstützt wie in Wien. Die Tschechen schufen sich in der Täter-Opfer Symbolik ihre eigene Lächerlichkeit. 25.000 Juden flohen aus dem Gebiet der Sudetendeutschen in die tschechischen Gebiete. Sie sind heute ebenso rechtlos wie ihre christlichen Nachbarn von damals. Wiedergutmachung in Prag hat denselben schalen Nachgeschmack wie in Österreich. Wahllos werden Menschengruppen aus der Restitution ausgeschlossen, wenn sie keine tschechische Staatsbürgerschaft hatten oder heute mehr haben. So bekommen jüdische Flüchtlinge, die sich in die USA retteten und die Tschechische Staatsbürgerschaft ablegen mußten, nichts mehr zurück; im Gegensatz zu denjenigen, die nach Kanada flohen. Auch andere „Tschechische Opfer“ bleiben auf der Strecke, wie die katholische Kirche oder die Opfer der Stalinschen Säuberungswellen. Die „Slanzky-Prozesse“ bleiben eine traurige Berühmtheit der tschechischen Nachkriegsgeschichte, in denen allein acht Juden zum Tod durch den Strang verurteilt wurden. Nun hat sich der Konflikt zwischen den beiden Brüdern Herrn Karl und Herrn Schwejk zugespitzt. Der Schwejk nannte uns „post-faschistisch“ und der Herr Karl wagte, „seinen Bruder“ für die verhatschten Wiedergutmachungsgesetze zu kritisieren. Die Fortsetzung dieser Seifenoper wird jedenfalls garantiert. Peter Sichrovsky , österreichischer Publizist und Europaabgeordneter

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