Urgestein

Es war schon ein großes Ereignis, als Brian Wilson, Gründer und einstiger Kopf der Beach Boys, im Juni 2000 zu zwei Clubkonzerten in das Roxy Theatre nach West-Hollywood lud. Viele Jahre hatte er nicht mehr auf der Bühne gestanden, litt zeitweise unter schweren Depressionen, war Drogen nicht abgeneigt und stand in ständigem Kontakt mit Psychotherapeuten. Seine alle Jubeljahre veröffentlichten Soloalben waren mehr eigene Problembewältigung und gingen im Wust mittelmäßiger Neuveröffentlichungen unter. Doch nun wollte Wilson zu neuen Ufern aufbrechen – und alle kamen: Bette Midler und Nancy Sinatra waren genauso im Publikum wie Countryrocker Dave Alvin, Ex-The-Knack-Frontmann Doug Fieger, Jon Bon Jovi oder Peter Buck von REM. Vor diesen hochkarätigen Zuschauern bewies der inzwischen fast 60jährige Wilson, daß er noch längst nicht zum alten Eisen gehört, seine psychischen Ausfälle scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen waren – und vor allem, daß er immer noch rocken und rollen kann wie ein Junger! Seit kurzem ist die Doppel-CD „Live at the Roxy Theatre“ nun auch offiziell in Deutschland erhältlich, nachdem man sie zuvor nur als US-Import bekommen konnte (Brimel Records/Sanctuary). Auf zwei CDs wurden die besten Momente der beiden 2000er-Konzerte für die Nachwelt festgehalten. Brian Wilson ist seit 1963 – also seit fast 40 Jahren – als Musiker aktiv. So konnte er bei seinen Konzerten auf einen schier endlosen Fundus an Hits und Evergreens zurückgreifen. Vor allem die Songs, die er für die legendären Beach Boys geschrieben hatte, stehen bei „Live at the Roxy Theatre“ im Vordergrund. Aber auch Lieder aus seinen Soloalben kommen nicht zu kurz. Begleitet von den in den USA als Kultband verehrten Wondermints sang und spielte sich Wilson durch 40 Jahre Popgeschichte. Zwar befand er sich stimmlich nicht immer auf der Höhe; dies glich aber nicht nur seine wunderbare Begleitband aus, sondern auch er selbst mit einer gehörigen Portion Selbstironie. 32 Songs und ein Interview mit Wilson finden sich auf der Doppel-CD. Zu Beginn rockt er los mit „The little Girl I once knew“, der damals eher erfolglosen Nachfolgesingle zu „California Girls“. Denen huldigt er diesmal natürlich auch. Der typischste aller Beach-Boys-Klassiker ist im Frühjahr 1965 entstanden und gilt als erste Nummer, die Brian Wilson unter LSD-Einfluß geschrieben hat. Weitere Stücke sind „This whole World“, „Til I die“, „I get around“, „Be my Baby“, „Don’t worry, Baby“, das für „Live at the Roxy Theatre“ in einer romantischen Fassung aufgenommen wurde, und „Good Vibrations“. Wie auch bei seinen Deutschlandkonzerten im Januar dieses Jahres, ist auf „Live at the Roxy Theatre“ ein Großteil des Albums „Pet Sounds“ in einer Liveversion enthalten. „God only knows“, „Wouldn’t it be nice“, „Caroline No“ und der instrumentale Titelsong dieses Albums wurden von Wilson und seinen Begleitern auf vorzügliche Weise live zelebriert. Aus Wilsons Solowerken befinden sich auf der CD das poppige, „Love and Mercy“ und die Ballade „Lay down Burden“, die er für seinen 1983 verstorbenen Bruder Carl geschrieben hatte. Brandneu sind der Filmmusik-Beitrag „This isn’t Love“ und das spirituelle „The first Time“. Die nur auf der deutschen Version des Albums vorhandenen Bonuslieder „Sloop John B.“, ein Folkklassiker, für den Beach Boy Al Jardine ein monumentales Arrangement mit Streichern, Percussions und Glockenspielen schrieb, „Help me Rhonda“, und eben „Wouldn’t it be nice“ runden ein hervorragendes Album ab. Für Beach-Boys-Fans ist „Live at the Roxy Theatre“ Pflicht, für alle anderen ist die Doppel-CD ein phantastischer Trip durch die Geschichte des amerikanischen Rock’n’Roll. Schlußendlich hervorzuheben ist die sehr gute Klangqualität, die wirkt, als säße man direkt im Konzert!

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