Im Taumel der Alten Welt

Die Tramper, die in den siebziger Jahren sämtliche Autobahnraststätten auf dem Weg nach Italien verunzierten, galten als höchst anrüchige Gestalten: Allzusehr glichen ihre bärtigen Gesichter den RAF-Fahndungsfotos, die damals alle öffentlichen Räume überwachten. Rauscher, Aussteiger, Penner, schimpfte der Familienvater am Steuer des überladenen Audi, und Sohnemann rezitierte einen Vers, den er auf dem Schulklo gelernt hatte: „Auch ein Hippie muß mal Pipi / So entstand der Mississippi“. Die Interrailer der nächsten Generation waren ein braveres Völkchen: Studenten zumeist, die den Urlaub zwischen zwei Praktika in ihre Semesterferien zwängten. Sie erregten erst dann öffentliches Ärgernis, wenn ihre Rucksäcke nicht nur den „Gastarbeiterexpreß“ von München nach Athen oder Paris nach Madrid, sondern die Gänge der brandneuen Inter- und Eurocity-Züge verstopften. Mittlerweile ist ein Monat Interrail nur noch unwesentlich billiger als die Weltenbummelei mit dem „Round-The World“-Ticket, das fernere Strände erschließt. Amsterdam – Bangkok – Sydney – Auckland – Los Angeles/New York – Amsterdam heißt eine der beliebtesten Routen, aber auch Abstecher nach Japan, Indien, Afrika, Kanada oder Südamerika sind möglich. Was in Europa als klaffende „Lücke im Lebenslauf“ angesehen wird, die es bei Bewerbungsgesprächen mit Halbwahrheiten und viel rhetorischem Geschick zu stopfen gilt, werten antipodische Arbeitgeber als notwendige Etappe auf dem Weg zum mündigen Bürger. Die „große Übersee-Erfahrung“, big OE abgekürzt, ist in Australien und Neuseeland big business. Zwischen Großbritannien und seinen ehemaligen Kolonien besteht ein Abkommen, das Unter-26jährigen eine befristete Arbeitserlaubnis am jeweils anderen Ende der Welt zusichert. „Macht sich toll in Deinem Lebenslauf!“ lautet das Motto, unter dem zahllose Organisationen Stellen und Unterkünfte in London vermitteln und Visa-Formalitäten erledigen. Versicherungskonzerne verkaufen Seelenruhe in Drei-, Sechs- oder Zwölf-Monats-Paketen. Nach der Landung in Heathrow empfängt die Abenteurer aus der Neuen Welt ein soziales Netz sondergleichen. Im Viertel Earl’s Court ist eine antipodische Exklave entstanden. Billighotels und Zeitarbeitsfirmen decken die menschlichen Grundbedürfnisse nach Geld in der Tasche und einem Dach über dem Kopf. Kneipen mit Namen wie „Southern Cross“, „Oz“ oder „Down Under“ bieten zusätzliche Arbeitsplätze und sorgen für das geistliche Wohl. Wo man kein Cricket- oder Rugby-Ergebnis zu verpassen und nur vertraute Akzente zu hören braucht, kann Heimweh gar nicht erst aufkommen. Die berüchtigten „Kontiki-Tours“ betreiben eine Flotte kunterbunter Busse sowie eigene Campingplätze überall in Europa. Jahr für Jahr kutschieren sie Tausende im Schnelldurchlauf an den sehenswertesten Sehenswürdigkeiten vorbei. Wer weniger Gespartes oder mehr Mut hat, unternimmt die Fahrt mit den eigenen vier Rädern. Diese VW-Busse, liebevoll „Kombis“ oder „Vee-Dubs“ genannt, werden für ein paar hundert Pfund von Besitzer zu Besitzer weitergereicht und mit allen Insignien eines unverwüstlichen Patriotismus beflaggt: Wimpeln der heimischen Nationalmannschaften, Koalas, Kiwivögeln, Silberfarnen … Den Weg nach Süden, in Richtung praller Sonne, billiger Spirituosen, schöner Frauen und glutäugiger Romeos, finden sie inzwischen von alleine – und das ist gut so angesichts des immensen Alkoholkonsums an Bord. Als „Kombi Nation“ vor kurzem in Wellington Weltpremiere feierte, strömte das Publikum herbei, um sich selbst zu beklatschen. Grant Lahoods dokumentarisch verbrämtes Unsittenspiel folgt dem breiten Pfad gebrochener Herzen und zerkrumpelter Bierdosen, den vier junge Pakeha (ein Maori-Wort für die weißen Siedler, das zur Eigenbezeichnung geworden ist) quer durchs Abendland schlagen: von Dover bis zur Algarve und hoch nach Pisa. In europäischen Kinos dürfte der Film eher als Satire ankommen. Anzac Day, der Kriegsgedenktag am 25. April, im türkischen Gallipoli steht ebenso fest auf dem Programm wie die Feria de San Fermin in Pamplona im Juli, die Tomatenschlacht Ende August in Buñol und das Münchner Oktoberfest. Auch Salzburg ist eine Reise wert – nicht etwa wegen Mozart (dessen balls allerdings in keinem einschlägigen Reiseführer fehlen, weder im „Lonely Planet“ noch in „Let’s Go Europe“), sondern wegen der „Sound of Music“-Tour. Dieser Ausflug führt zu den Drehorten von Robert Wises 1965er Kitsch-Musical, das down under Kultstatus hat. In „Börlinn“ werden Mauerstückchen eingekauft; Eurodisney und Versailles bilden ein abwechslungsreiches Tagesprogramm auf dem Rückweg nach Calais. Der kulturelle Appetit solch Erlebnishungriger erinnert an jene Szene in Tarantinos „Pulp Fiction“, in der John Travolta von den Kuriositäten der europäischen Gastronomie schwärmt: „In Paris sagt man le Big Mac, und du kannst bei McDonald’s Bier bestellen!“ Das war – und ist noch heute – nicht immer so. Der Melbourner Architekt Steve Staughton durchquerte Europa 1990 mit dem Fahrrad. Am nachhaltigsten beeindruckte ihn ein zweiwöchiger Aufenthalt in Barcelona, wo er die übrigen Gäste der Jugendherberge Pere Tarrès rasch mit seiner Begeisterung für das Lebenswerk Antonio Gaudìs (1852-1926) anzustecken wußte: dieses katalanischen Hundertwasser, dessen kühner Fantasie nicht nur die Kleckertürme der Sagrada Familia, sondern auch ein Stadtpark und manch anderes Kleinod entsprangen. Eric Zarkodian, ein Anwalt aus Perth, besuchte entfernte Verwandte in Litauen und Lettland. Der Schriftsteller Keith Ovenden beschreibt in seinem Roman „O.E.“ (1986) die Entdeckung eines alternativen Heimatlandes mitten in London, „eines anderen, unverhofften und unerwarteten Neuseeland: eine ausgereifte Gesellschaft, die eigene soziale Strukturen und Kommunikationssysteme hatte und mit Kultur und Geschichte vollgepackt war. Von dem ständigen Genörgel über die ferne (viel kritisierte, aber nie besuchte) Heimat abgesehen war es eine Gesellschaft ohne Land“ – die „einzige Hoffnung“, wie eine der Romanfiguren sagt, „den aufregenden Höhepunkten des Lebens zu Hause zu entkommen: Rugby, Kegelturniere, hausgemachte Erdbeermarmelade aus selbstgepflückten Früchten in selbstgetöpferten Schälchen“.

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