Der Geist im Tunnel

Ob noch zu Lebzeiten oder nach dem Tode – jeder Schriftsteller müsse einmal das Tal des Vergessens oder Mißverstehens durchwandern, schrieb Armin Mohler. Er hat es den „Tunnel“ genannt. In einem Aufsatz über Heimito von Doderer schreibt Mohler: „Wir warten mit einem gewissen Beben darauf, wie er die Prüfung des Tunnels, der Distanz übersteht.“ Manchmal trete am Ende nur eine recht kleine Gestalt heraus, „mit zwei Zeilen in der Literaturgeschichte, einem schmelzenden Kreis von Adepten und einer immer noch rührigen Witwe“. Im Falle von Doderers ärgert Mohler, daß sich eine „Sekte“ gutmeinender Freunde des Autors bemächtigt habe, die mit Eifer am Zerrbild von Doderers als eines Wiener Heimatdichters zeichne. Wie steht es nun um Armin Mohler selbst? Als 1990 sein Buch „Liberalenbeschimpfung“ erschien, schimpften die Liberalen noch kräftig zurück. Jetzt ist es stiller um den Mann geworden, der im April 2000 seinen achtzigsten Geburtstag feiern konnte (JF 15/00). Es scheint, als arbeite sich Mohlers Geist nun durch den Tunnel. Sicherlich droht ihm nicht das Vergessen, denn Armin Mohler war und ist eine Reizfigur. Aber sein provokanter Geist wird in einer Flasche mit einem „Gift“-Etikett gehalten. Das erschwert den Weg durch den Tunnel. Dank seiner zahlreichen Gegner kursieren mehr Gerüchte und verfälschte Zitate als authentische Texte von Armin Mohler. Damit am Ende mehr als nur zwei böse Zeilen im Antifa-Handbuch herauskommen, druckt die von dem jungen Verleger Götz Kubitschek gegründete Edition Antaios Teile seines Werks in Neuauflagen (JF 36/01). Soeben sind zwei weitere Bände der A.M.-Bibliothek erschienen. „Der Streifzug“ will den „anderen Mohler“ zeigen: ein besessener Bilder- und Bücherfreund, scharfer Beobachter und Zeitzeuge. Der Band enthält zwanzig kurze Essays zu Ernst Jünger, Clement Rosset, Heimito von Doderer, Eckhard Henscheid, Céline, Hans Fleig und Botho Strauß, ergänzt um den Aufsatz „Die nominalistische Wende“. Mohler begibt sich auf seinen Streifzug ohne die Bürde eines Theorie-Kompasses. Dem Kunsthistoriker genügt die visuelle Anschauung, denn er zieht das Wirkliche dem Abstrakten vor. Besondere Beachtung verdienen Mohlers Anmerkungen zu Botho Strauß: Ist er ein „Winkelried“, einer, der – rücksichtslos gegen sich selbst – eine Bresche schlägt in die Mauer der Tabus? Rückblickend muß man eingestehen, daß Strauߒ „Anschwellender Bocksgesang“ von 1993 nicht der ersehnte Durchbruch war. Bedenkenswert sind auch Mohlers Betrachtungen zur modernen Kunst, der er eine „schleichende Seuche der schlechten Unendlichkeit“ durch Zerdehnung des Kunstbegriffs vorwirft. Eine notwendige Abgrenzung der Kunst von der Nichtkunst sei unmöglich, wenn behauptetet würde, „alles“ sei Kunst. Immer neue Spielarten der Negation deutet Mohler als Ermüdungserscheinung einer Moderne, die von fader Theorie überfrachtet der Wirklichkeit entflieht. „Welche Fehler des Denkens, welche Schwächen der Einfühlung haben in diese Sackgasse geführt? So unvergeßlich ein Stilleben von Braque, ein Straßenbild Kirchners von 1913 sein mögen – wir spüren, daß in der modernen Malerei von Anfang an Faktoren wirksam waren, die in letzter Konsequenz dann an diesen toten Punkt geführt haben“, meint Mohler. Inzwischen haben viele Künstler längst wieder eine Rückkehr zum Gegenständlichen vollzogen. Ob das eine Bestätigung oder Widerlegung Mohlers ist? Der dritte Band der Mohler-Bibliothek, „Das Gespräch“, enthält neben dem bekannten Essay „Der faschistische Stil“ ein fast hundertseitiges Interview, geführt von Petra Müller im Rahmen ihrer Diplomarbeit 1989. Tapfer und fast ein wenig naiv arbeitet die junge Sozialwissenschaftlerin ihren Fragenkatalog ab: Konservative Revolution, Nietzsche, Jünger, Carl Schmitt, Niekisch, Spengler usw.. Mohler läßt sein Leben Revue passieren, äußert sich zur Schweiz, zum Dritten Reich, zu seiner Zeit als Sekretär bei Ernst Jünger, zu den Jahren in Frankreich. Beim Stichwort Bundesrepublik platzt ihm der Kragen: „Ich kriege das große Kotzen bei all diesen FDGO-Sprüchen.“ Er ereifert sich über „die Leute, die Karriere machen wollen“, und „wissen, welche Sprüchlein sie sagen müssen.“ Am hinterhältigsten findet Mohler die „gemäßigten Konservativen“, die im Ernstfall stets dem linken Block zuarbeiten. Besser verstehe er sich da mit der heimatlosen rebellischen Linken. Nach eigener Auskunft ist die Studentin Müller eher humanistisch-links eingestellt. „Aber ich befinde mich ja tröstlicherweise noch in einer ’Entwicklung‘“, fügt sie entschuldigend hinzu. Mohler meint, der Liberalismus tauge nur „in windgeschützten Teilen für etwa zwei Generationen, dann sind die Vorräte an eingerasteten Sitten und Gebräuchen, an Tugenden aufgebraucht“. Oft verzichtet er auf den Versuch einer Erklärung, er „setzt“ seine weltanschaulichen Eckpunkte wie Hammerschläge. Müller will wissen, warum Sinnfindung und Nationalgefühl zusammengehörten. „Weil wir es sagen“, bekommt sie zu hören. Und wie schätzt Mohler den „modernen, mehrheitsfähigen Konservatismus“ ein? Mohler: „Was ist das, mehrheitsfähig?“ Müller: „Sagen wir Regierungskonservatismus…“ Mohler: „Was ist das, Konservatismus?“ In der Bundesrepublik regiere die Mittelmäßigkeit des ewigen Spießertums, zischt Mohler verachtungsvoll mit Blick auf den Kanzler aus Oggersheim. Ende der achtziger Jahre provozierte der linksgerichtete Publizist Claus Leggewie mit seinem Buchtitel „Der Geist steht rechts“. Leggewies „Ausflüge in die Denkfabriken der Wende“ führten ihn unweigerlich zum Chronisten der Konservativen Revolution, Armin Mohler. „Muß man Mohler verbrennen?“, fragte die Überschrift zu einem Kapitel. Es beginnt mit Biographischem, schwenkt dann über ein geschickt montiertes Interview zum üblichen Antifa-Kuddelmuddel. Leggewies polemisches Fazit damals: „Helmut Kohl und Franz Josef Strauß fordern sogar regierungsamtlich, was Armin Mohler und sein Freund, der Erlanger Historiker Helmut Diwald, seit langem propagiert haben, daß die Deutschen ’aus dem Schatten Hitlers hinaustreten‘ und einen ’Schlußstrich‘ ziehen sollten…“ Bis der fromme Wunsch einer Historisierung der NS-Zeit in Erfüllung geht, ist es noch ein langer Weg. Es scheint, als taste sich auch das Volk der Deutschen durch einen Tunnel. Armin Mohler: Der Streifzug. Blicke auf Bilder, Bücher und Menschen. Edition Antaios, Dresden 2001, 200 Seiten, kartoniert, 22 Euro Armin Mohler: Das Gespräch über Linke, Rechte und Langweiler. Edition Antaios, Dresden 2001, 179 Seiten, 22 Euro

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