Waldvogels Motiv

Musik, hat Beethoven ausgesprochen, sei „höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“. Sie verbirgt ihre Botschaft freilich heute mehr denn je hinter dem Panzer des Kulturbetriebes. Ein Zyklus aller neun Symphonien ist zuallererst ein Event. Die Konstellation, daraus ein nachwirkendes Ereignis zu machen, war bei den sechs Gastabenden der Wiener Philharmoniker unter Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie im Oktober 2001 in besonderem Maße gegeben. Man bedenke: Da kommen die Wiener, seit eh und je Hauptkonkurrenten der Berliner Philharmoniker im Wettstreit um die Palme des „besten“, am schönsten und interessantesten aufspielenden Orchesters Europas und vielleicht der Welt, mit Beethoven direkt nach Berlin in die „Höhle des Löwen“. Es dirigiert sie jener Brite, von dem seit kurzem endgültig feststeht, daß er vom nächsten Jahr an den Berlinern als Chefdirigent vorstehen wird. Währenddessen touren die Berliner Kollegen unter ihrem Noch-Chef Claudio Abbado durch die USA, um – nicht zuletzt mit Beethoven – die amerikanischen Freunde deutscher Sympathie und Solidarität zu versichern. Auch wenn die Termine seit langem verabredet waren: Sensationeller geht es nicht. Wurde der innere Gehalt den äußeren Umständen gerecht? Gelang es Sir Simon, dem Feuerkopf unter der früh ergrauten Lockenpracht, Beethovens humane Mitteilungen zum Sprechen zu bringen? Ohne Einschränkungen wird man die Frage nicht bejahen können. Gewiß setzte sich der unvergleichliche Impetus der Musik immer wieder durch. Daneben standen weniger inspirierte Passagen und, mehr als einmal, das Grau in Grau des bloßen Könnens. Merkwürdigerweise enttäuschten die Wiener Philharmoniker am meisten da, wo man sie in ihrem eigentlichen Element, ja unüberbietbar gewähnt hatte: Sie klangen nicht. Der orchestrale Gesang, mit dem sie bei Schubert oder – zu Neujahr vor aller Welt – Johann Strauß zu beglücken verstehen, er versickerte immer wieder oder blieb aus. Fast schien es, als läge ihnen Beethoven mit seiner oft im Staccato daherkommenden, synkopisch pointierten Musik nicht so recht. Was natürlich ein Irrtum wäre. Aber was soll man dazu sagen, wenn bei den Wienern ausgerechnet die Geigen nicht golden, sondern glanzlos klingen und statt dessen die Pauke trutzig rauh dazwischenschlägt? Die exzellenten Holzbläser, an ihrer Spitze Solo-Flöte und Solo-Oboe, oder die unvergleichlich warmen Naturhörner vermögen den Mangel nicht wettzumachen. Oder war es der Dirigent, der ihnen nicht so recht lag? Es mag sein, daß Sir Simon für sie weder im Sinne der Identifikation noch des kühlen, nüchternen Gegenparts so ganz faßbar ist. Extreme Tempi bevorzugend, leitet er weniger die Musik als das Orchester, mit lebhafter, detailfreudiger, sich öfter einzelnen Gruppen und Instrumenten speziell zuwendender Gestik. Rattle drückt der Musik keine vorgefaßte Aussage auf, er überläßt es dem Zuhörer, eine solche zu entdecken. Seine Interpretationen wollen die Musik und nichts als die Musik so sprechen lassen, als habe sich nicht die Seelengeschichte zweier Jahrhunderte wie eine Bauchbinde um sie gelegt. Das ist in seiner Unbefangenheit wohltuend. Es spiegelt gleichwohl auch einen Mangel – oder soll man ihn eine bloße Eigenart nennen? Der 46jährige kommt nicht von Beethoven als dem Kern der deutschen Musik her. Die Götter seiner jungen Jahre hießen Haydn und Mahler. Folgerichtig blitzten seine Interpretationen vor allem dann auf, wenn Elemente dieser beiden Komponisten sich an Beethoven rieben und entzündeten. Beethovens Erste, das op. 21 in C-Dur, wird oft als „liebenswürdig“ etikettiert, sie gilt als begabte Fortführung Haydnscher Traditionen. Solche Einschätzung überhört jedoch, mit welchem Ehrgeiz und welcher Konzentration der dreißigjährige Beethoven bereits in seinem symphonischen Erstling eigene Wege geht. Sie versteht Rattle gerade aus seiner genauen Kenntnis Haydns kenntlich zu machen, so die Zerbröselung und Verfremdung des thematischen Materials im Kopfsatz oder das Furioso eines „Menuetts“, das sich unter dem Titel „Scherzo“ ganz gut auch in der späteren Eroica vorstellen ließe … Mit der Neunten beginnt die Entwicklung ins Monumentale bis zu den Kantaten-Symphonien Mahlers und Schönbergs. Die gewaltigen Dimensionen symbolisieren: Es handelt sich um Weltanschauungsmusik. So ist es legitim, wenn Rattle die Neunte vom Mahlerschen Endstadium der Entwicklung her disponiert. Die Düsternisse der ersten beiden Sätze verdichten sich zum Menetekel jener Krise des Menschlichen, auf die grundsätzlich zwei Antworten möglich sind: der romantische Rückblick auf eine bessere Vergangenheit (Adagio) oder das Wagnis des Vorwärts in eine hoffentlich noch bessere Zukunft (Finale). Bei dieser seligen, hitzigen Utopie waren sich Orchester und Dirigent, darüber hinaus der Rundfunk-Chor Berlin und ein erlesenes Solistenquartett vollkommen einig. Ansonsten forderte die unideologische und erfreulich voraussetzungslose Art, mit der Rattle auf die Symphonien zuging, mehr als einmal ihren Preis. Bis hin zur schieren Geschmacklosigkeit, wenn Rattle Zugaben spielen ließ, so etwa nach der Fünften (!) einen slawischen Tanz von Dvorák … Das berühmteste Motiv der Musikgeschichte, mit dem „das Schicksal an die Pforte klopft“, soll Beethoven einem Waldvogel abgelauscht haben; es schien hier wieder reduziert zum Naturlaut. Das kommt davon, wenn man übertreibt.

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