Pankraz, Frohe Weihnacht und das Jahr der Armleuchter

Deutsche Weihnacht ist doch immer wieder für Überraschungen gut. Diesmal hat die Musik-Branche einen Riesenfesttagshit auf den Markt geworfen, der schon nach wenigen Tagen sämtliche Charts stürmte und dessen Cover viele Gabentische zieren wird: "Es ist so geil, ein Arschloch zu sein, es ist so geil, ein Arschloch zu sein".

Ein Big-Brother-Typ namens Christian jodelt den Text mit einer Hingabe, die bessere Zwecke verdienen würde. Seufzte die Popgruppe Die Prinzen vor einigen Jahren noch resignierend-fatalistisch: "Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt …", so hat jetzt Christian nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr, sich dem schweinischen Trend anzupassen. Er findet ihn nicht nur völlig in Ordnung, sondern geradezu "geil". Er kann sich nichts Besseres vorstellen.

Und mehr noch: Während die "Prinzen" in ihrem Song darüber nachdachten, ob sie selber Schweine werden sollten, um endlich auch ihren Reibach machen zu können, will Christian seinerseits gar keinen Reibach machen, sondern will nur noch Erleider, nämlich Armleuchter, sein. Bei ihm hat, soziologisch gesprochen, inzwischen die Herrschaftsperspektive gewechselt, von oben nach unten. Es macht ihm einfach keinen Spaß, sich in schweinischer Weise um Vorteilnahmen zu kabbeln, oben zu liegen, penetrant zu werden. Er will nur noch Loch sein, nichts als Loch.

Ist das nun, aller verbalen Grobheit und Obszönität zum Trotz, eine Wendung ins Christliche? Paßt der Christian-Song, wie die Branche zynisch zu kalkulieren scheint, vielleicht doch genau ins Weihnachtsfest, das ja in erster Linie für die Demütigen und Erleidenden da ist, für die Kindlein und solche, die es werden wollen?

Aber wer so dächte, wäre wohl ein arger Tor. Wahre Christen sind alles andere als Loch-Fans oder gar geborene Masochisten; das gilt selbst für jene Sekten, die die Jesusrede von der anderen Backe, die man hinhalten müsse, allzu ernst nehmen und sich ausdrücklich nicht gegen gemeine Überfälle zur Wehr setzen, denn sie tun das einzig in der Hoffnung auf kompensatorische Erhöhung in der Transtendenz. In jedem Christen lebt die Überzeugung, daß die Niedrigsten einst die Höchsten sein werden. Seine "Geilheit" richtet sich auf die Höhe, nicht auf den Abgrund.

Was sich zur Zeit im Abendland und speziell in Deutschland abspielt (und in Popsongs wie dem von Christian seine groteske Widerspiegelung findet), ist nichts Christliches, sondern etwas Höllisches. Das Untensein, das Armleuchter-sein, das Stehen in der Schmach wird nicht als Durchgangsstadium und als zu bewältigendes Schicksal begriffen, sondern als willkommene Gelegenheit, die Sau herauszulassen und speziell dafür mit Beifall bedacht zu werden. Die Armleuchter, so wird suggeriert, sind die wahren Meister der Zeit.

Jeder, der sich von ihnen absetzen will, bekommt sofort den Hohn (und die Macht) der selbstgewissen Meute zu spüren. Das zu Ende gehende Jahr 2000 lieferte dafür deprimierende Beispiele, in der Kultur, in den Wissenschaften, in den Medien, in der Politik. Es war das Jahr der gesenkten Niveaus, der geistigen Frontverkürzungen und des medialen GAU.

In die Wissenschaft zog der Ungeist lärmender Marktschreierei ein. Vermarktungsstrategen, denen die Geldgier von den Lefzen tropfte, traten in der öffentlichen Aufmerksamkeit an die Stelle bedachtsamer Forscher und realitätsfrommer Labortechniker. Billigste technische Groschenheft-Utopien wurden allen Ernstes als totsichere, unmittelbar vor der Tür stehende Zukunftsperspektiven ausgegeben. Das lächerliche "Beam me up, Scotty!" aus der untersten Fernsehkiste erklomm den Rang einer kosmischen Weltformel.

In der Literatur und den mimetischen Künsten begann man, dem Werk endgültig den Abschied zu geben zugunsten des "Event". Wer sich als Schriftsteller oder Schauspieler noch Mühe gab, war selber schuld. Das pure körperliche Vorhandensein wurde Trumpf, das besinnungslose Herumfläzen vor den Kameras, der herausgenölte Thekenwitz, bestenfalls noch die dandyhaft verbrämte Banalität von der letzten Lesereise.

Seinen Höhepunkt erreich-te der Reigen der geilen Armleuchter in der von der Berliner Politik gestarteten "Kampagne gegen Rechts", die die ganze zweite Hälfte des Jahres dominierte und in der das von Christian besungene Loch eine fast schon dämonische Weite und Tiefe offenbarte. Einem Nichts an Realereignis stand ein wahrer Orkus an Lüge, Verdrehung und greller Simulation gegenüber. Da in Wirklichkeit nichts passierte, erfanden sich die Medien einfach die Geschichten, die sie für ihre Kampagne benötigten. Der schon vorher üblich gewesene "Borderline-Journalismus" verwandelte sich in einen "Journalismus" total jenseits der Grenze, nämlich der Grenze von Anstand und von auch nur ansatzweise geübter Gewissenhaftigkeit.

Und auch hier wieder unübersehbar die neue Konstellation: Die absolute Macht des Unten über das Oben. Die Pace machten eindeutig die allerschlimmsten Armleuchter, sämtliche Parolen kamen von ihnen, und die "seriösen" Kräfte zogen hemmungslos nach und mit, überschlugen sich in neuartiger, schon unheimlich wirkender Beflissenheit, was dann zu jenem "journalistischen GAU" (Peter Bartels) bei der Bild-Zeitung führte, wo eines der geilsten Arschlöcher eine ganze Stadt in Haft zu nehmen sich anmaßte.

Nicht zuletzt diesem Armleuchter zu Ehren könnte das Jahr 2000 als "das Jahr der Fakes", der Fälschungen und Gemeinheiten, in die Geschichte eingehen. Vielleicht haben diejenigen Kalenderzähler doch recht, die das neue Jahrtausend erst mit dem Jahr 2001 beginnen lassen wollen. Nach ihrer Zählweise gehörte das Jahr der Fakes und der Armleuchter dann noch zum alten Jahrtausend, und dort gehört es ja zweifellos auch hin.


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