Ein Verhängnis aus Leidenschaft und Haß

Am Nachmittag des 23. März 1819 läutet in Mannheim ein junger Mann an der Haustür des Dichters und Kaiserlich Russischen Staatsrates August von Kotzebue, stellt sich als Herr Heinrichs aus Mitau in Kurland vor und wird eingelassen. Der Hausherr begrüßt den Fremden, der nach einigen freundlich gewechselten Worten einen kleinen Dolch aus dem Ärmel zieht und unter dem Ruf „Du Verräter des Vaterlandes!“ dreimal zusticht. Der arglose Dichter bricht wimmernd zusammen, tödlich verletzt an Lunge, Herzbeutel und Lungenarterie. Als dem Täter die Flucht aus dem Hause seines Opfers unmöglich erscheint, versucht er sich mit einem mitgeführten kleinen Schwert an Ort und Stelle das Leben zu nehmen. Der Bewußtlose wird von der Wache ins Krankenhaus gebracht, dann – nach Operation und Genesung – ins Gefängnis verlegt. Dieser Mord, der auf den ersten Blick nur als eine ebenso heimtückische wie banale Tat erscheint, beschwor eine Reihe von poltischen Folgen herauf, die der Täter nicht überschauen konnte. Der junge Mann, in Wirklichkeit der Jenaer Theologiestudent Karl Ludwig Sand, hatte das Attentat bereits ein Jahr zuvor geplant. Das Leben dieses schwärmerisch-patriotischen Studenten verlief in für diese Zeit nicht untypischen Bahnen: Geboren 1795 in gutbürgerlichen Verhältnissen im bayreuthischen Wunsiedel erlebte er die französische Besetzung seiner Heimat, die 1810 an den Rheinbundstaat Bayern fiel. Von Tübingen aus, wo er das Theologiestudium begonen hatte, meldete er sich 1815 freiwillig zum Befreiungskampf gegen den zurückgekehrten Napoleon, kam allerdings mit seiner Einheit nicht zum Kriegseinsatz. Enttäuscht vom „Gamaschendienst“ in Frankreich nahm er seinen Abschied, setzte sein Studium in Erlangen fort und gründete mit Freunden dort die burschenschaftliche Verbindung Teutonia. Begeistert nahm er 1817 am Wartburgfest teil, auf dem er seine „12 Thesen“ verteilte, die aber unter den Kommilitonen kaum Anklang fanden. In seiner Begeisterung für die Burschenschaft, deren Vorstand er später beitrat, immatrikulierte er sich in Jena. Dort übten die geschichtstheoretischen Vorlesungen Heinrich Ludens einen besonders großen Einfluß auf ihn aus, ihnen entnahm er die Überzeugung, Deutschland stehe an einem historischen Wendepunkt, an welchem sich ein zukünftiger Aufstieg oder Niedergang der Nation entscheide. Leidenschaft für die Befreiung des Vaterlandes Sand erfuhr in der angeheizten Stimmung der dortigen Universität auch von den Auseinandersetzungen der nationalliberalen Professoren Luden und Oken mit jenem Unterhaltungsdichter August von Kotzebue, der von Weimar aus gegen die „lüderlichen“ Studenten und ihre „Katheder- und Stubengelehrten“ polemisierte und dem russischen Zaren von den Verhältnissen in Deutschland Bericht erstattete; dies trug ihm den Vorwurf der Spionage ein und machte ihn unter den jungen Patrioten umso verhaßter. Die ihm daraus erwachsende Gefahr spürend, zog er sich bereits im Herbst 1818 in sein Winterquartier nach Mannheim zurück. In Jena hielt sich aber seit demselben Jahr der junge Gießener Rechtsgelehrte Carl Follen auf, der unter den Burschenschaftern die „Unbedingten“ um sich sammelte und mit seinem jakobinischen Radikalismus wie kein anderer auf den eher verschlossenen Sand wirkte. Den „Unbedingten“ predigte Follen, daß zur Verwirklichung des revolutionären Ziels einer geeinten deutschen Republik alle Mittel erlaubt seien. Die Revolutionäre hätten sich in ihrem Handeln nur der Vernunft unterzuordnen, nicht einer staatlichen Legalität. Im Bundeslied der „Unbedingten“ heißt es: „Dir bist du, Mensch, entflohn, ein Christus kannst du werden!“ Für derartig ins Religiöse gesteigerten Fanatismus war der von den bisherigen politischen Ergebnissen enttäuschte Sand empfänglich, er wollte sich opfern, wie ein Heiland die Schuld und Sünde seiner Zeit auf sich nehmen und mit der Bereitschaft, dafür das eigene Leben zu lassen, ein Fanal zur Erhebung für das Vaterland setzen. Die Leidenschaft für die Befreiung des Vaterlandes mündete in einen tiefen Haß gegen alle, die dem entgegenzustehen schienen, insbesondere die inneren Feinde Deutschlands. Dieser Haß fand sein Ziel unschwer in Kotzebue, dem „Vaterlandsverräter“, dem man – so notierte Sand in seinem Tagebuch – „das Schwert ins Gekröse“ stoßen solle. Mehr als ein Jahr nachdem er selbst diesen Stoß ausgeführt hatte, fällte das Hofgericht des Niederrheins das Urteil über Sand. Dessen Verteidigung hatte ohne Aussicht auf Erfolg für einen Freispruch plädiert, da das Attentat der „Ideenverwirrung“ eines gemütskranken Menschen entsprungen sei. Einstimmig befand das Gericht jedoch den Angeklagten für schuldig und verurteilte ihn zum Tod durch das Schwert; das sonst zur tiefgreifenderen Abschreckung verhängte Aufstecken des Kopfes auf eine Stange sollte in Sands Fall unterbleiben. Lediglich zwei Richter erhoben ihre Stimme für eine Begnadigung. Interessant ist, daß die politische Dimension nicht in das Urteil eingearbeitet worden war, obwohl neben dem Gericht bereits eine Untersuchungskommission an dem Fall gearbeitet hatte. Nach der Bestätigung des Urteils setzte man die Hinrichtung für den 20. Mai an. Zeugenaussagen zufolge soll Sand das Urteil gefaßt aufgenommen haben, in einem Brief an seine Eltern nannte er seine Gemütsverfassung „sehnsuchtsvolle Heiterkeit“, seine sich selbst auferlegte Rolle als Märtyrer schien er bis zum Schluß ausfüllen zu wollen. In dieses Bild fügt sich auch die Begebenheit, daß der junge Todeskandidat auf eigenen Wunsch seinen späteren Henker Wittmann in seine Zelle bat und diesen sogar zu trösten hatte. Den Gang aufs Schafott stilisierte der Theologiestudent zum Aufbruch nach Golgatha, indem er laut aus Theodor Körners Bundeslied zitierte „Alles Irdische ist vollendet, und das Himmlische geht auf!“ Bis über die Stadtgrenze Mannheims hinaus erregte die bevorstehende Hinrichtung die Bevölkerung; um Aufruhr zu vermeiden, hatte die Regierung das Militär verstärkt und die Richtstätte sowie den Wagen Sands mit Fußtruppen und Kavallerie sichern lassen. Nach der Urteilsvollstreckung entbrannte um den Hingerichteten ein wahrer Kult, der zuweilen makabere Züge annahm: Schaulustige tauchten ihre Taschentücher in das Blut, man versuchte Haare Sands zu ergattern. Wittmann sandte später eine abgeschnittene Locke an Sands Mutter, aus dem Mannheimer „Blutgerüst“ baute der Henker ein Häuschen für seinen Weingarten und beherbergte dort unter Beschwörung des genius loci Mitglieder der verbotenen Heidelberger Burschenschaft. Die Anteilnahme am Schicksal des Attentäters ist um so bemerkenswerter, wenn man feststellt, daß die offiziellen Trauerfeiern für sein Opfer wegen mangelnder öffentlicher Beteiligung ausgefallen waren. Karl Ludwig Sand hatte beabsichtigt, mit der Ermordung Kotzebues einen größeren Aufstand herbeizuführen, „einen Brand (zu) schleudern in die jetzige Schlaffheit“, wie es in seiner Rechtfertigungsschrift „Todesstoß dem August von Kotzebue“ hieß. Daher sollte diese Schrift, die er am Tatort hinterlassen wollte, in der Presse verbreitet werden. Daß die erwünschte Erhebung ausblieb, lag nicht zuletzt daran, daß Sand – obschon dem Kreis der radikalen „Unbedingten“ um Follen angehörend – doch bloß ein Einzeltäter war. Obwohl er in den Verhören zugeben mußte, daß Follen ihm das Geld für die Reise gegeben hatte, konnte diesem eine Mitwisserschaft nicht nachgewiesen werden. Dennoch sahen sich durch diese Ereignisse diejenigen bestätigt, die eine Verschwörung dahinter vermuteten. So äußerte der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich die feste Überzeugung, daß Sand nicht eigenständig sondern auf Weisung eines geheimen Bundes, der „Jenenser Feme“, gehandelt habe. Sand hatte also dem politischen Gegner Wasser auf die Mühlen gegossen, nicht zuletzt durch die Wahl des Opfers, eines Dichters und ausländischen Diplomaten, diskreditierte er die patriotische Jugendbewegung auch vor eher wohlwollenden Obrigkeiten, die sich auf der Karlsbader Ministerkonferenz dem harten Vorgehen gegen die „Demagogen“ anschlossen. Auch Bewertungen durch politisch Nahestehende stellten immer wieder den verhängnisvollen Irrtum des durch die eigene Hybris verblendeten Attentäters in den Vordergrund. Theologieprofessor schrieb Trostbrief an Sands Mutter Aber die Konstellation – hier der leidenschaftliche, gleichzeitig auch schwermütige und fromme Täter, dort das Opfer, das herablassend Schmähungen über die patriotische akademische Jugend verbreitete – ließ für viele Zeitgenossen die Tat zwar moralisch verdammenswert, ihre Motive allerdings gerechtfertigt erscheinen. Es machte Sand zu dem, was sein Biograph Karl A. von Müller einen „Mörder aus Sittlichkeit“ nannte. Folgenschwer drückte dieses Empfinden der Berliner Theologieprofessor de Wette in einem Trostbrief an Sands Mutter aus: Der Irrtum sei „entschuldigt und gewissermaßen aufgehoben durch die Festigkeit und Lauterkeit der Überzeugung“. Diese Anteilnahme ging zu weit, de Wette mußte nach Bekanntwerden des Briefes den preußischen Staatsdienst verlassen. Der bekannte Publizist Joseph Görres sah in Sands Tat die gewitterhafte Entladung des Konflikts zwischen der alten und der neuen Zeit: Wesentlich an den Mannheimer Ereignissen sei nicht die Handlung, sondern die Fügung gewesen, das „prophetische Zeichen“, das den Zeitgenossen ihr „verhülltes Schicksal im Bilde“ vorgespielt und drohendes Unheil angekündigt habe.

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