Ein Gloria auf die Grenze

Nach dem Fall des Kommunismus erklärte der bekannte Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 das „Ende der Geschichte“ für erreicht. Keine neuen Grenzlinien würden mehr gezogen werden, Liberalismus und (soziale) Marktwirtschaft hätten gesiegt. Drei Jahre später, vor ziemlich genau 20 Jahren, begann mit den Benelux-Staaten, Deutschland, Frankreich, Portugal und Spanien der Abbau der stationären Grenzkontrollen in der Europäischen Union. Daß die Schlagbäume fielen, war Ergebnis des 1985 unterzeichneten Schengener Abkommens. Mittlerweile haben bis auf Großbritannien und Irland alle Vollmitglieder der EU das Abkommen unterzeichnet.

Der Begriff „Grenze“ ist heute meist negativ konnotiert, vor allem politisch. Kein Mensch kann sich im Jahr 2015 vorstellen, von den österreichischen Gendarmen an der Grenze angehalten und durchsucht zu werden. Insbesondere jenes politische Milieu, das die „grenzenlose“ Freizügigkeit als eine der obersten Errungenschaften der europäischen Integration sieht, fordert den Abbau jeglicher Grenzen. So heißt es bei jedem Aufglimmen einer Debatte um Grenzkontrollen etwa von den Grünen: „Grenzen abbauen statt neue Schlagbäume errichten“. Unter dem wohlklingenden Schlagwort „Humanität“ heißt „grenzfreies Europa“ in ihrer Vorstellung ebenso, „daß an seinen Außengrenzen keine Festung entstehen“ dürfe. Grenzen werden als unmenschlich, unmoralisch, schlicht altertümlich begriffen.

Existentielle Bedeutung der Grenze

Ist der Mensch ohne Grenzen überhaupt überlebensfähig? Das Wort „Grenze“ stammt aus dem Slawischen und ist bereits für das 13. Jahrhundert belegt. Große Verbreitung gewann der Begriff durch Martin Luthers Bibelübersetzung 300 Jahre später. Damals war der Begriff synonym für „Landmarke“ benutzt worden. Erst später in der Geschichte erhielt er die heute übliche alltagssprachliche Bedeutung.

Das Sujet wurde allerdings nicht nur territorial betrachtet, auch Philosophen wie Kant oder Hegel widmeten sich ihm. Letzterer maß ihm auch existentielle Bedeutung zu: „Die Negation ist im Dasein mit dem Sein noch unmittelbar identisch, und diese Negation ist das, was wir Grenze heißen. Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist. Man darf somit die Grenze nicht als dem Dasein bloß äußerlich betrachten, sondern dieselbe geht vielmehr durch das ganze Dasein hindurch.“

Grüne Ideologie gegen ein tief in uns liegendes Urbedürfnis

Auch heute beschäftigen sich Psychologen und Philosophen mit Grenzen. „Gute“, wie der Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann erklärt, „erleichtern das Leben.“ Ohne sie könnten wir nicht leben. Ununterbrochen ziehen wir Grenzen: Als soziale Wesen bilden wir Gemeinschaften, zeigen in Form von Markierungen die Grenzen zu anderen Einheiten auf. „Grenzen zu ziehen entspricht einem tief in uns liegenden Bedürfnis“, bekräftigt Liessmann. Im Alltag ziehen wir ununterbrochen Grenzen. Die intimste ist jene, die uns von den anderen unterscheidet. Niemand möchte dem Gegenüber volles körperliches oder geistiges Zugriffsrecht geben. Wir ziehen Grenzen zwischen Geschlechtern, Philosophien, Familienkreisen, Dörfern, Landkreisen, Regionen und schließlich Staaten.

Dagegen steht die Ideologie des vermeintlich Grenzenlosen. Ob Inklusion an Schulen, Aufhebung der Trennung zwischen biologischen Geschlechtern, Abbau der Staatsgrenzen – Grenzen bedeuten für Verfechter dieser Denkweise stets Ausgrenzung, die per se moralisch höchst verwerflich sei. Da war Volker Becks persönlicher Einsatz, die deutsche Grenze vor dem Putin-Einsager Alexander Dugin zu beschützen, die pointierte Ironie der Geschichte. Der grüne Bundestagsabgeordnete schrieb in einem Brief an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier: „Meines Erachtens liegt es im Interesse der Bundesrepublik Deutschland, die Einreise Dugins zu verhindern“ und forderte ein Einreiseverbot für den russischen Pseudo-Philosophen, der Anfang März auf einem Lesertreffen der Zeitschrift Zuerst! sprechen sollte. Manchmal sind Grenzen also doch gut, auch für die Grenzenlosen.

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