Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Vox populi 2.0

Die Gewohnheiten im Internet gleichen denen im Straßenverkehr. Nein, sie sind schlimmer, insofern es nicht zum physisch-analogen, sondern nur zum virtuellen Crash kommen kann. Grundeigenschaft vieler in beiden Bereichen Handelnder: Aufgeblasenheit, Aufgerüstetheit, latente Aggressivität, dicke Hose.

So wie sich der frustrierte Schwachmann in seiner zentralverriegelten Blechkiste unangreifbar fühlt und daher ein Benehmen offenbart, was er sich anderen gegenüber – ansonsten verklemmt – nie offensiv leisten würde, so reckt auch der Facebook- und Blog-Kommentator den Mittelfinger oder schlägt Krach, als tobte er sich am Pavian-Hügel aus.

Wichtig: Alles geschützt durch eine technische Distanzierung, die im Auto durch die Karosse, im Netz durch die unmittelbare Unauffindbarkeit, die verschleierte Urheberschaft, gewährleistet ist. Denn ansonsten liefe der kleine Kraftmeier Gefahr, von der Gemeinschaft sogleich auf eine Weise korrigiert zu werden, die ihn nachhaltig über gewisse, schon naturrechtlich vereinbarte Regeln und Normen belehrte.

Heckenschützen, hinter dem Monitor verschanzt

Daß wir täglich eine ausufernde Menge an Dummheit protokolliert finden – unwesentlich, agrammatisch, überflüssig –, ist der Tatsache geschuldet, daß jeder, der über eine Tastatur und einen Netzanschluß verfügt, permanent quasi „Print“ produziert, sich daher wichtig wähnt und sich in Sekunden medial Gehör verschaffen kann – ein Vorgang, der früher durch aufgerichtete kulturelle Hürden und rigorose Zugangsbeschränkungen weitgehend verhindert wurde. Man mußte schon Häuserwände oder Autobahnbrücken beschmieren oder anonyme Briefe anzüglichen oder ekligen Inhalts verschicken. Auch das ja eine verbale Heckenschützenmentalität, die damals aber ohne die Weihe des gedruckten Wortes auszukommen hatte.

Wollte man in die Medien, so war die Selektion durch Lektoren und Redakteure unerbittlich an Qualität orientiert. Wer gedruckt publiziert wurde, war in der Regel erwiesen und erprobt elitär, und selbst die Unflätigkeiten bedurften in der Ära Gutenberg eines bestimmten literarischen Niveaus. Immerhin gewannen Streitschriften hochkulturellen Wert, man denke nur an die „Epistolae obscurum virorum“, die „Dunkelmännerbriefe“.

Der simple Gernegroß konnte für seine Pamphlete zwar eine Schreibmaschine benutzen, ein handhabbares Vehikel für die Vorstufe zum öffentlichen Druckerzeugnis, sehr analog und keinen Schaden anrichtend, heftete seine Elaborate dann im eigenen Ordner ab, wo sie niemanden stören oder brüskieren konnten, sondern wirkungslos vergilbten. Was er darüber hinaus so ins Telefon brüllte, hörte immer nur einer, der notfalls auflegen und sicherheitshalber den Stecker ziehen konnte. Und für all die verschmierten Häuserwände und Autobahnbrücken gab es Reinigungsfirmen, die den Ausgangszustand herstellten, oft gewährleistet durch Gebäude-, Hausrat-, Haftpflichtversicherungen, gewissermaßen also im gemeinschaftlich solidarischem Engagement.

Attacken mit dem Müllkübel

Andererseits ermöglicht all das moderne Gelaber, Gekreisch, Gehetze im Netz die Bestätigung jener Rückschlüsse, die in den eher konservativen Bereichen der Anthropologie – etwa bei Thomas Hobbes – längst formuliert sind. Und: Man darf wohl dankbar sein dafür, daß sich direkte Formen der Demokratie eher verhindert finden. Zum Glück kann nicht jeder und jeder immer und überall mitreden. Meinungsfreiheit war garantiert, verbale Gewalt aber weitgehend ausgeschlossen, insbesondere solche, die sich anonym verbirgt. Attacken erfolgten offenen Visiers mit dem Geschick des stilvoll zu gebrauchenden Floretts, nicht mit dem Müllkübel. Facebook mag eine Agora 2.0 darstellen. Wäre es aber auf der Agora 1.0 so zugegangen, hätte es dort jeden Tag Körperverletzungen und Schlimmeres gegeben – Mord und Totschlag, „bellum omnium contra omnes“. So wie auf jedem ungeschützten und deregulierten Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem es nicht mal ein Vermummungsverbot gibt.

Ich meine nicht empfindlich zu sein, aber des öfteren finde ich mich schon beschmutzt, wenn ich mich durch all die „Posts“ und „Kommentare“ lese, und bin verwundert darüber, daß sich jene, deren Intention pauschal darin besteht, unerkannt und ungefährdet mit Dreck zu werfen, nicht selbst kontaminiert fühlen. Im Netz findet man sie wieder, all die lauten Spießer, die es hinter verschlossener Tür mal so richtig rauslassen, die heimlich durch ihren Spion spähen und die ihren Senf immer dazugeben wollen, endlich mal hinter nicht vorgehaltener Hand. Im Netz leben sie wieder auf, die Blockwarte, Denunzianten und Verleumder. Es hat sich also nichts geändert; die alte Gutenbergsche Kultur kanalisierte die Wortmeldungen nur.

Einerseits erscheint der ganze hingetippselte Unrat flüchtig. Er ist schnell vergessen, weil er unter dem nachrutschenden Müll der anderen verschwindet. Allerdings hat man nach Substantiellem lange zu suchen, weil es in all den schrillen Heftigkeiten untergeht. Wichtigstes Vermögen bei der Lektüre ist die Fähigkeit, schnell selektieren zu können. Andererseits ist das obskure Netz so gestrickt, daß es bislang gar nichts vergißt. Wer sich unmöglich macht, bleibt unmöglich, ob nun mit Pseudonym oder ohne. Mißbrauch melden? Lohnt nicht. Das wäre, als moralisierte man wispernd in eine geifernde Meute hinein.

Heraushalten und Abschalten

Wie gemütlich doch jene, die sich nur mal narzißtisch spreizen wollen, ihre exhibitionistischen Selfies einstellen und sich dann vom damit korrespondierenden Voyeurismus der anderen belohnt fühlen. Friedvoll komplementäre Partner, die gut miteinander können. Aber wo man nur seine streitbare Auffassung äußert, einerlei ob verhalten oder polemisch, bindet gleich irgendeiner seinen Kampfhund los.

Wie oft ich auf meine Beiträge hin schon darauf verwiesen wurde, ich solle mal besser zum Arzt gehen, den Rand halten und schnell verschwinden, weiß ich nicht. Ich war schon Faschist und Breivik, anderseits Bolschewist und Ökotunte. Muß man vertragen können, sicher. Aber immer öfter ist einem schon nach Raushalten und Abschalten, und man sehnt sich nach den alten kulturellen Instanzen und den unerbittlichen Zensoren zurück, die sich vor der Publikation erst mal argwöhnisch den Text zeigen ließen – und ihn meist höflich oder therapeutisch kopfschüttelnd zurückgaben: Wissen Sie, lassen Sie es lieber.

 

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