Sotschi, Rußland und die Deutschen

Schickt man Deutsche ins Ausland, hochrangige Politiker zumal, wird’s schnell peinlich. Die Diplomatie haben wir, leider, nicht erfunden; da kann es dann schon mal vorkommen, daß ein überforderter Bundespräsident in Neokolonialismus macht und vor indischen Schülern besinnungslos eine Rede vorträgt, die dem aufstrebenden Schwellenland ganz unverblümt seine frisch ausgebildeten Akademiker abwirbt.

Wahrscheinlich konnte es seine Pressesprecherin, die deutsch-iranische Multikulti-Propagandistin Ferdos Forudastan, wieder mal einfach nicht lassen, in jedes Redemanuskript ein Bekenntnis zur „Bunten Republik“ einzubauen. Als deren Sportlerdelegation sich bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi mit papageienbunten Regenbogen-Narrengewändern vor den Augen der Welt unsterblich lächerlich machen mußten, war Gauck allerdings nicht dabei, die Kanzlerin auch nicht, obwohl den Athleten ein bißchen Unterstützung vielleicht ganz gut getan hätte – selbst der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes ließ ja seine Athleten über die Presse wissen, er würde sich mit dem Kostüm wohl nicht auf die Straße trauen.

Sollte die affige Verkleidung nun das abgenudelte Propagandabild von der „bunten Vielfalt“ symbolisieren oder Solidarität mit der Homo-Lobby oder einfach nur „ausgekotzten Wodka“, wie der britische Guardian vermutet – einerlei. Gauck kann ja seine Redenschreiberin fragen, deren Ehemann, ein Grüner der ersten Stunde, inzwischen mit dem Posten des DOSB-Generalsekretärs versorgt ist, welche Methode hinter dem optischen Wahnsinn steckt.

Diplomatische Chance bei einem taktvollen Gastgeber verpaßt

Schwerer als solche Äußerlichkeiten wiegt: Gauck und Merkel haben durch ihr demonstratives Fernbleiben in Sotschi nicht nur eine sehenswerte Eröffnungsshow verpaßt, sondern auch eine diplomatische Chance: Nicht mitzumarschieren in der Boykottfront von EU-Kommissaren, USA, Frankreich und Großbritannien hätte ein Zeichen des Willens zur außenpolitischen Unabhängigkeit und zur Wahrnehmung eigener Interessen sein können. Deswegen wohl hat man es auch ängstlich vermieden.

Vom Aufstieg des preußischen Königtums bis zur Weimarer Republik waren die Zeiten, in denen gutes Einvernehmen zwischen Rußland und Preußen/Deutschland bestand, die glücklicheren für beide Seiten. In Rußland wissen das viele; einen subtilen Hinweis enthielt auch die Auftakt-Gala in Sotschi: Als der Bilderbogen zur russischen Geschichte und Kultur in der Romanow-Zeit ankam, erklang der „Petersburger Marsch“, der 1837 aus Rußland ins preußische Repertoire importiert worden war und mit dem vom Volksmund unterlegten Text „Denkste wohl, denkste wohl, du Berliner Pflanze“ zum Gassenhauer wurde.

In der provinziellen Kommentierung des Zwangsgebühren-Staatsfernsehens kamen solche Hinweise natürlich nicht vor. Statt dessen kleinkariertes Genörgel, überhebliches Haare-in-der-Suppe-Suchen und Unverständnis dafür, daß weder stalinistische Verbrechen noch der Zweite Weltkrieg in der Eröffnungsgala vorkamen. Schaute man über den Tellerrand, käme man wohl von selbst darauf, daß kein Land der Welt, Deutschland vielleicht ausgenommen, auf den absurden Gedanken verfiele, sich bei einem sportlichen Großereignis, das als teuer inszenierte Visitenkarte in die ganze Welt gehen soll, in den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte zu suhlen; und auch wenn die unkritische Verherrlichung des „Großen Vaterländischen Krieges“ in Putins Rußland zum patriotischen Pflichtprogramm gehört, ist man taktvoller Gastgeber genug, um bei einem völkerverbindenden Großereignis weder den einstigen Kriegsgegner damit vor den Kopf zu stoßen noch all die anderen Nationen, die – von Finnland über das Baltikum und das östliche Mitteleuropa bis zu den Schwarzmeer-Anrainern – russische Einmärsche im letzten Jahrhundert eher nicht als „Befreiung“ empfunden haben.

Gute alte Geopolitik

Es fehlt nicht an Hinweisen aus Rußland, daß man – anders als die in der Euro-Sackgasse festsitzenden „Freunde“ im Westen – das Verhältnis zu Deutschland auf nüchterne Interessenpolitik statt auf moralisch-geschichtspolitische Erpressung zu gründen bereit ist. Fehlt nur noch eine deutsche Außenpolitik, die sich statt von Schuldkult, abstrakten Menschenrechts-Universalismen und einfältigen Kniefällen vor der Homo-Lobby wieder von der guten alten Geopolitik leiten läßt.

 

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