Deutsche Musik ist wieder „in“

Bisher kam sie oft ziemlich moralinsauer daher: deutsche Musik und deren Texte mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen. Deutsche Lied- und Rock-Texte waren in den achtziger und neunziger Jahren verpönt. Bis auf ein paar Monate NDW. Ansonsten wurde sie in den auf englisch getrimmten Radiostationen kaum gespielt.

Ausnahmen: Sänger wie Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen, Udo Lindenberg und andere von der Sorte. Um die kamen die Radio- und TV-Gurus nicht herum. Die fühlten sich offenbar nicht nur einfach als besonders gutmenschliche Barden mit tiefgründiger Botschaft. Sie mischten sich auch in die Politik ein. Natürlich immer auf der Seite der „Guten“. Ob die „Armeen aus Gummibärchen“ von Grönemeyer herbeigesungen werden sollten, Westernhagen im Falle „Pussy Riot“im Spiegel gegen Putin und dessen Rußland wetterte – oder Udo Lindenberg. Der nölt eigentlich gefühlt schon immer gegen alles, was anderen, vermeintlich besser betuchten, Spaß macht. Ob Formel 1 („Riki Masorati“) oder Profi-Fußball („Bodo Ballermann“). Den „Glatzen“ wollte er auch schon mal per Lied auf die Köpfe hauen. „Panik-Panther“ hieß dieser Straßenfeger gegen rechts.

Die Reihe ließe sich fortsetzen: Die Toten Hosen, Die Ärzte, BAP, Die Prinzen … Alle immer an der Seite der vermeintlich Schwachen. Selbstverständlich auch gegen Spießer und vermeintliche Rechte.

Neuer Zeitgeist jenseits von Genöle und „Betroffenheit“

Aber nun ist, wie von der Fee geküßt, in den letzten zwei bis drei Jahren ein komplett anderes Publikum für eine ganz andere deutsche Musik erwacht. Interpreten und Publikum scheinen sich gegenseitig quasi gesucht und gefunden zu haben im neuen Zeitgeist, jenseits von Genöle, Beckmesserei und permanenter Betroffenheit. Junges Publikum überrennt Konzerte von Andreas Gabalier, Helene Fischer, den „Dorfrockern“. Wer es kerniger mag, wogt mit der Masse in ausverkauften Hallen zu „Frei.Wild“.

Sogar Schlager ist nicht mehr verpönt. Die sibiriendeutsche Schönheit Helene Fischer lockt mehr Jugend in Säle und Stadien, als die singenden, optisch immer noch auf Rebell getrimmten Moralapostel der oben genannten Nach-68er-Generation. „Schürzenjäger“, VoXXclub“, „Höhner“, Matthias Reim, ja sogar die reiferen Kastelruther Spatzen gelten mit einem Male nicht mehr als spießig und irgendwie „pfui“ beim Publikum. Auch bei dem weit unter 50.

Volksmusik? Das war früher was für Oma, als Opa sonnabends beim Skat saß oder Zeitung las. Wenn heute die Nordlichter von Santiano Shantys rocken, „Wir sehen uns wieder in Walhalla“, beben deutsche Konzert-Hallen. Und es nennt sich Volksmusik oder auch Volksrock. Jung und frisch. Es geht um Heimat, Liebe und vor allem um Spaß. Gute Laune ist wieder „in“.

Der Wind hat sich gedreht

Wenn Grönemeyer „Bochum, ich komm aus dir…“ sang, bekam der Hörer Mitleid mit dieser Stadt. Patriotisch, mit straffem Rücken für eine Region voller Stolz anzutreten, könnte ja nach Nationalismus aussehen. Zumindest bei den Moral-Interpreten. Und das geht natürlich gar nicht.

Aus der Politik halten sich die nun angesagten Deutsch-Musiker weitgehend heraus. Und wenn sie sich mal einmischen, wie Andreas Gabalier, der die österreichische Hymne in der alten, nicht genderisierten Fassung singt, dieses auch noch mutig gegen Angriffe von ganz links verteidigt – oder Frei.Wild, die für eine, ihre, freie Heimat Südtirol singen, drohen vor den Kopf gestoßene Gutmenschen mit der verbalen Faust. „Skandalband“ (Bild) heißt es dann. Echo-Boykott inklusive.

Woher der neue Wind in der deutschen Musik weht, hat der scheinbar unverwüstliche Heino deutlich gezeigt. Hat eben einen Riecher, der Mann. Er zerfetzte die alten Texte, ohne sie inhaltlich zu ändern, lediglich mit seiner markanten Stimme. Zum Beispiel „Junge“ von den Ärzten, das nun eine Lachnummer ist. Der Wind hat sich gedreht in der Musik. Er weht nur noch lauwarm von links. Ein Signal der Gesellschaft?

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